Mystik und Mogelperspektive

Königsdisziplin Die moderne Lyrik aus Korea gleicht einem Streifzug durch leere Paradiese

Für Ostasien-Reisende hat sich der Dichter Matthias Politycki vor einigen Jahren eine pikante Mutprobe ausgedacht. Im Titelgedicht seines Gedichtbandes Ratschlag zum Verzehr der Seidenraupe (2003) kokettiert er mit einem exotischen Ess-Ritual. Mutig tritt hier ein deutscher Dichter an einen Kochtopf in der südkoreanischen Stadt Pusan heran, wo in einem "dunkelbraun brodelnden Sud" zu Hunderten die Seidenraupen köcheln. Indes: Der Dichter bleibt tapfer und verzehrt ein dunkel gesottenes Kleintier. Ob mit solchen bizarren Details der kulturelle Appetit auf Korea geweckt werden kann, ist eher zweifelhaft.

Insofern ist es sehr zutreffend, wenn Politycki seine lyrischen Korea-Impressionen unter die Überschrift Westöstliche Konfusionen stellt. Denn es herrscht im hiesigen Literaturbetrieb meist eine aus Unkenntnis gespeiste Konfusion, wenn die Rede auf das "Land der Morgenstille" kommt. Gäbe es nicht den Bielefelder Pendragon-Verlag und die im ostfriesischen Thunum erscheinende Edition Peperkorn, würde die Bilanz der deutsch-koreanischen Literaturbeziehungen äußerst blamabel ausfallen. Beim aktuellen Buchmesseauftritt Koreas ist man vorwiegend auf Bücher aus diesen eigensinnigen Kleinverlagen angewiesen, denn das Interesse der Branchenführer am Gastland ist doch ausgesprochen matt.

Mancher Verlag beschränkt sich auf das Minimalprogramm bloßer Neuauflagen: Den famosen Gedichtband "Die Sterne über dem Land der Väter" von Ko Un, der erstmals 1996 erschien, hat die Bibliothek Suhrkamp unverändert nachgedruckt; noch älter ist die von der Koreanistik-Professorin Marion Eggert bei dtv herausgegebene Lyrik-Anthologie Wind und Gras. Gerade bei der Vermittlung von Ko Un zeigt sich, dass der Aufbau des deutsch-koreanischen Literaturdialogs noch in den Kinderschuhen steckt. Die Suhrkamp-Ausgabe der Ko Un-Gedichte wurde von dem bedeutenden Japanologen Siegfried Schaarschmidt übersetzt, der die Gedichte aber erst über den Umweg des Japanischen kennen gelernt hat.

Trotz des übersetzerischen Umwegs liest man diese Gedichte mit angehaltenem Atem. Denn Ko Un hat hier etwas realisiert, was man im deutschen Sprachraum nur noch selten findet: eine direkte, der Umgangssprache verpflichtete, gestische Poesie, in der der Autor die elementaren Mythen und Traumata seines Landes heraufruft. Schon rein biografisch verkörpert der 1933 geborene Ko Un die blutigen Zerrissenheiten der koreanischen Geschichte. Nach seiner ersten Gedichtveröffentlichung verschwand er zehn Jahre lang in einem buddhistischen Kloster und brachte es zum hohen Würdenträger in der Nationalen Mönchsvereinigung, bevor er sich 1962 von seiner Gemeinde abwandte und sich in einen radikaldemokratisch gesinnten politischen Dichter verwandelte.

Nach dem Volksaufstand in der Provinzstadt Kwangju warf man Ko Un 1980 als angeblichen Rädelsführer ins Gefängnis und bedrohte ihn mit der Todesstrafe. Nur weil er sich in der Demokratiebewegung exponiert und damit die Aufmerksamkeit des Westens auf sich gezogen hatte, wurde er 1982 amnestiert. Der Band Die Sterne über dem Land der Väter ist in dieser Zeit des Aktivismus entstanden und enthält eine Menge dezidiert politischer Gedichte, in denen die Trauer über die Teilung des Landes in grimmige Sottisen auf die "Regierungsscheiße" umschlägt und das Ich keinen Zweifel lässt an den Defiziten der Intellektuellen: "Uns fehlt die Wissenschaft vom Hass".

Was uns derzeit als moderne Lyrik aus Korea erreicht, ist ja nur ein winziges Segment aus der dort überbordenden Produktion: Der koreanische Literaturmarkt erreicht jährlich die gewaltige Wachstumsrate von zehn Prozent, mit 50.000 Neuerscheinungen pro Jahr liegt man weltweit auf Platz sieben. Die Lyrik gilt dabei als unumstrittene Königsdisziplin. Unter den aktuellen Lyrik-Titeln ragen zwei Bücher hervor, die mit besonderer Sorgfalt ediert worden sind. Bei Wallstein erscheint der Band Blütenneid des Lyrikers Kim Chi-ha, in dem die meditative Selbstvergewisserung des lyrischen Subjekts Gedichte in einer wunderbar konzentrierten Sprache hervorbringt.

Im leeren Zimmer eines Appartements sammelt hier ein Ich, das im Alter von fünfzig Jahren auf sein Leben zurückblickt, Angst- und Wunschbilder. Es entstehen mystische Momente, in denen die Geschäftigkeit des Alltags außer Kraft gesetzt ist und die Offenbarung der Lebenswende aufblitzt: "In Islan baut man neue Häuser,/ leere Zimmer/ schimmern weiss.// Es blendet den ganzen Tag und/ die Zikaden hinterlassen nur knochiges Zirpen.// Das Fleisch,/ das im Dunkeln rot schimmert,/ ist spurlos verschwunden.// Der ferne Fluss/ schwimmt im Blut, aber / ich will auf dem Feld sterben,/ ausgestreut/ wie eine Handvoll/ roter Erde."

Als kleine Sensation darf die Entdeckung des frühen koreanischen Modernisten Yisang (1910-1937) gelten, der in dem instruktiven Kommentar des Droschl-Bandes Mogelperspektive mit einigem Recht als "koreanischer Rimbaud" gepriesen wird. Die poetische Zentralperspektive eines allwissenden Ich wird aufgegeben, an ihre Stelle tritt eine fintenreiche "Mogelperspektive", in der die Gleichzeitigkeit des Realen und des Surrealen herrscht. Hier öffnet sich der Abgrund nach dem Sturz in transzendentale Obdachlosigkeit: "Nirgendwo ist ein Engel. Das Paradies ist leer."

Marion Eggert (Hrsg.): Wind und Gras. Moderne koreanische Lyrik. Übersetzt von M. Eggert. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005, 154 S., 8,50 EUR

Ko Un: Die Sterne über dem Land der Väter. Gedichte. Aus dem Koreanischen von Woon-Jung Chei und Siegfried Schaarschmidt. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005,
106 S., 10,80 EUR

Ko Un: Ein Tag voller Wind. Gedichte. Aus dem Koreanischen übersetzt von Lim Jong-Dae und Jürgen Abel. Pendragon Verlag, Bielefeld 2005, 96 S., 12,80 EUR

Kim Chi-ha: Blütenneid. Gedichte. Deutsch von Yang Han-ju und Matthias Göritz. Wallstein Verlag, Göttingen 2005, 80 S., 14 EUR

Yisang: Mogelperspektive. Aus dem Koreanischen von Marion Eggert, Hanju Yang und Matthias Göritz. Droschl Verlag, Graz, 182 S., 18,50 EUR


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00:00 21.10.2005

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