Mythen und Missgunst

Zypern Im Ort Pyla leben Griechen und Türken zwar Tür an Tür, aber eine Gemeinschaft sind sie nicht

Wenn die Nacht hereinbricht in Pyla, einem kleinen Dorf im Südosten von Zypern, sieht Kemal Atatürk grimmig aus. Zwei grelle Scheinwerfer beleuchten die Büste des Gründers der türkischen Republik im Jahr 1923. Schatten bilden sich auf seiner Stirn, unter den stechenden Augen, am breiten Kinn. Links von ihm zuckt an einer Stange müde der weiße Halbmond auf der türkischen Flagge. Wer nach Pyla fährt, muss an Büste und Flagge vor der türkisch-zyprischen Schule vorbei. Dahinter liegt ein Sportplatz und – keine 150 Meter von Atatürk entfernt – die griechisch-zyprische Schule, an der Seite eine Fahnenstange, die vermutlich auf den Zentimeter so hoch ist wie die türkische, daran eine griechische Flagge. Die zyprische Flagge, weiß mit der kupferfarbenen Silhouette der Insel über zwei gekreuzten Olivenzweigen, sucht man vergebens.

Seit 45 Jahren ist Zypern geteilt. Am 20. Juli 1974 besetzten türkische Streitkräfte den Norden der Insel, nachdem griechische Putschisten den Anschluss Zyperns an Griechenland erzwingen wollten. Ergebnis des Konflikts war eine Pufferzone entlang der Waffenstillstandslinie, die seither den Norden vom Süden trennt und sich durch ein entvölkertes Gebiet zieht. Vier Orte bilden die Ausnahme, darunter Pyla, eines der ältesten Dörfer Zyperns. Es liegt südöstlich im Larnaka-Distrikt am Mittelmeer und ist der einzige „gemischte“ Ort auf der Insel: Etwa 1.200 griechische und 500 türkische Zyprer leben hier Tür an Tür. Nicht wenige sehen darin ein Beispiel für ein künftiges vereintes Zypern. Man lädt sich gegenseitig zu Hochzeiten ein und geht gemeinsam zu Begräbnissen. Einmal im Jahr feiern Pylas Einwohner auf dem Dorfplatz ein großes Fest.

Kirche und Moschee

Und doch sei es mehr ein Neben- als ein Miteinander, sagt Simos Mytides, der griechisch-zyprische Bürgermeister, Mitte 50, er sieht stattlich aus, wirkt besonnen. „Wir haben hier alles doppelt: zwei Schulen, zwei Bürgermeister, zwei Fussballklubs, zwei Kaffeehäuser, eine Kirche und eine Moschee.“ Mytides ist seit 15 Jahren im Amt, weil niemand sonst Bürgermeister sein will. An eine Lösung des Konflikts glaubt er nicht mehr. „Unsere Politiker werden immer einen Grund finden, um eine Wiedervereinigung hinauszuzögern.“

Mytides spricht aus, was viele hier denken. Der Konflikt sei der Politik ein willkommenes Mittel, um nationalistische Propaganda zu verbreiten oder Machtansprüche zu zementieren. Als zuletzt bekannt wurde, dass sich im östlichen Mittelmeer 1.8 Billionen Kubikmeter Erdgas befinden – mit einem geschätzten Marktwert von 600 Milliarden Euro –, wurde das hoch verschuldete Urlaubsland über Nacht zur Schatzinsel. Allerdings erhebt auch die Türkei Ansprüche auf die Gasvorkommen, was wiederum Griechenland auf den Plan ruft und den Zwist aufs Neue anheizt.

Mytides ist noch aus einem anderen Grund enttäuscht. 2015 reiste er im Auftrag seiner Gemeinde nach Nikosia, in der Aktentasche ein Gesetz, das bis in die 1960er Jahre zurückreicht. Es heißt darin: Türken als Bürger des Nordens müssen im Süden keine Steuern zahlen, auch keine Miete, keine Strom-, keine Wasser-, keine Abfallgebühren. Seit 1974 betrifft das wegen der Trennung zwischen Norden und Süden allein die Zyperntürken in Pyla. Was Mytides ärgert. „Als das Gesetz in Kraft trat, hatte kaum jemand ein Fernsehgerät, viele mussten mit Öllampen auskommen. Und heute? Das Internet, eine Klimaanlage in jedem Zimmer, eine Tiefkühltruhe in der Garage, die Sprinkleranlage im Garten. Die Türken verbrauchen den Strom, und wir müssen ihn bezahlen.“

Während die griechischen Zyprer, sie machen fast 70 Prozent der Einwohner Pylas aus, pro Jahr Strom im Wert von 300.000 Euro verbrauchen, kommen die 30 Prozent Zyperntürken auf eine Million. So rechnete es Mytides dem Parlament vor und schloss seinen Antrag mit den Worten: „Dieses Gesetz ist ungerecht, beleidigend, ein Verstoß gegen die Menschenrechte.“ Doch ging man in Nikosia auf Mytides’ Ansinnen nicht ein. Nur keinen Streit provozieren. Hat Pyla den Husten, so geht der Spruch, bekommt die ganze Insel einen Schnupfen. Stattdessen wird man dem griechisch-zyprischen Bürgermeister weitere Gelder zukommen lassen.

Eleni Paraskeva

Foto: Iakovos Hatzistavrou/AFP/Getty Images

Ressentiment und Reflex

Mytides schüttelt seinen kantigen Kopf. „Nicht die Abschaffung des Gesetzes birgt Konfliktpotenzial, sondern das Gesetz selbst.“ Wer sich frage, in welchen Häusern Griechen leben und wo die Türken, solle in der Nacht nach Pyla kommen. An der Straße mit dem hell erleuchteten Atatürk finden sich auch ein Kiosk (der nachts geöffnet hat), ein Kleiderladen, ein Restaurant mit türkischen Spezialitäten, ein Supermarkt, ein Nachtclub sowie das Caesars Palace, geöffnet 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag – eines von inzwischen neun Casinos in einem Dorf mit nicht einmal 2.000 Einwohnern. Sämtliche Liegenschaften hier gehören Zyperntürken und keiner zahlt Steuern oder eine Miete – alle profitieren sie vom Gesetz, das Mytides abschaffen will. Manchmal vermieten sie ihre Häuser und Lokalitäten an andere. Die meisten Casinos, mutmaßt der Bürgermeister, werden von Zyperngriechen geführt, was ihn besonders stört. Denn mit den Spielsalons und Nachtclubs kommen dubiose Geschäfte ins Dorf wie Geldwäsche, Drogen- und Menschenhandel, auch der Schmuggel habe zugenommen. Was dagegen getan werden kann? Mytides hört diese Frage oft und sagt: „Solange es dieses Gesetz gibt, nichts.“

Das Büro des Bürgermeisters am Dorfplatz wird nur durch eine schmale Straße von Pylas ältestem Supermarkt getrennt. Er gehört Eleni Paraskeva, geerbt hat sie das Geschäft von ihrem Vater. „Gott sei Dank! Müsste ich Miete zahlen, ich könnte nicht überleben.“ Schon so sei es fast unmöglich, mit den anderen mitzuhalten, klagt die 34-jährige Zyperngriechin und zeigt, wie zuvor Mytides, in Richtung Dorfrand. „Allein die Kühltruhen für Fleisch und Gemüse bringen mich fast um, ich zahle im Sommer pro Monat 500 Euro für Strom, die türkischen Ladenbesitzer dagegen keinen einzigen Cent.“ Folglich könnten sie ihre Ware viel günstiger anbieten. „Hätte ich nicht selbst ein Geschäft, ich würde wohl auch bei den Türken kaufen.“ Die 34-jährige Mutter zweier Kinder ist in Sorge, doch sie klingt weder verbittert noch redet sie im Zorn. Nur weiß sie eben auch, dass solche Ungerechtigkeiten umgehend wieder alte Vorurteile an die Oberfläche spülen. „Plötzlich sieht man in den Türken nur noch raffgierige Krämer – dabei sind sie unsere Nachbarn.“

Viele Gespräche in Pyla beginnen damit, dass sich die Menschen hier als Freunde begegnen wollen, aber einander eben auch misstrauen, obwohl der Krieg seit mehr als 45 Jahren vorbei ist. Ahmet Sakalli (84) redet von fortwährender Fremdheit. Bis zu seiner Pensionierung war er 20 Jahre lang türkischer Bürgermeister von Pyla. Bei einer Tasse Mokka erzählt Sakalli von früher und zeigt auf die militärischen Orden, die er mit Klebeband an die Wand gehängt hat. Sakalli war Oberst bei der TMT, einem türkischen Widerstandsverband, der 1958 gegründet wurde und eine Antwort auf die bewaffnete Untergrundorganisation EOKA sein wollte, die gegen die Briten kämpfte und den Anschluss Zyperns an Griechenland forderte. Als die EOKA im März 1959 aufgelöst wurde, beruhigte sich die Lage. Im Jahr darauf wurde die unabhängige Republik Zypern ausgerufen.

Wenn Sakalli auf der Terrasse des türkischen Kaffeehauses seinen Eistee trinkt, ist er keinen Steinwurf von den einstigen Erzfeinden entfernt. Im Makedonia schräg gegenüber, einem weiß gestrichenen Lokal mit blauen Vorhängen, treffen sich die alten griechischen Nationalisten und spielen Karten. An den Wänden mit ihrem abblätternden Putz hängt ein Dutzend vergilbter Porträts: Alles „Helden der EOKA“, wie sie hier sagen. Das oft verhandelte Modell eines Zypern mit zwei administrativ getrennten Landesteilen, aber offenen Grenzen, werden die Stammgäste des Makedonia ohne den Rückhalt Griechenlands nicht gutheißen. Schon gar nicht, solange im Norden der Insel 35.000 türkische Soldaten stationiert sind. Noch immer sieht man in ihnen die Okkupanten von 1974.

Als der Krieg damals vorüber war, musste Ahmet Sakalli mit seiner Truppe vor den griechischen Zyprern kapitulieren. Es war mitten auf dem Dorfplatz von Pyla, dass sie ihre Waffen ablegen mussten. Sakalli musste sich aber noch Jahre danach vor fanatischen Zyperngriechen in Acht nehmen. Vor denen schützten ihn paradoxerweise die Nationalisten im eigenen Dorf. Heute winken sie sich zu von Terrasse zu Terrasse, und doch trägt Sakalli seit jenen Tagen ein mulmiges Gefühl mit sich herum, als würde der Abscheu von einst ein Leben überdauern. „Ich bin froh, dass die türkische Armee noch immer auf der Insel ist“, sagt der alte Mann und blinzelt zum Hügel hinauf, der sich hinter dem Makedonia erhebt. Dort steht ein Militärposten, die türkische Flagge flattert im Wind. Sakalli weiß, das Misstrauen versiegt nie. Jahrelang munkelten die Nationalisten, er sei für den türkischen Geheimdienst tätig. Sakalli wedelt mit den Armen, als wolle er das Gerücht wie lästige Fliegen verscheuchen.

Sie werden noch lange bleiben, die Mythen und Missverständnisse, denn irgendwie gibt es in Pyla immer Anlass dazu. So wurde eines Nachts die rote Flagge vor der türkischen Schule gestohlen. Die Bürgermeister des Ortes setzten sich an einen Tisch, sogar ein Minister aus dem Norden reiste an, es hagelte auf beiden Seiten Vorwürfe, die UNO musste vermitteln. Viel später, als der türkische Halbmond längst wieder neben Atatürk flatterte, hieß es plötzlich, die Täter hätten bloß den Verdacht auf die Griechen lenken wollen. In Wahrheit seien es Türken gewesen.

Info

Die Recherche für diesen Text wurde durch den Schweizer Medienfonds real21 unterstützt

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