Mythos Mitte

#unten Wie Friedrich Merz sich krampfhaft zur Mittelschicht zählt, wirkt komisch. Dass er es tut, hat einen triftigen Grund
Mythos Mitte
Wer mehr als ein Flugzeug hat, ist wahrscheinlich Mittelschicht – oder?

Foto: Lukas Schulze/Getty Images

Friedrich Merz ist ein bescheidener Mann. Der Bild gibt er zu Protokoll, er sehe sich „als Teil der gehobenen Mittelschicht“ und nicht als Mitglied der „kleinen sehr vermögenden, sehr wohlhabenden Oberschicht“. Zu dieser Nummer hat Oliver Welke in der heute-show das vermögensempirisch Nötige gesagt: „Faustregel: Wer mehr als ein Flugzeug besitzt, ist wahrscheinlich nicht Mittelschicht. So merk' ich's mir immer.“

Um zu belegen, dass er den ‚Markenkern‘ der CDU – und damit das Logo „Die Mitte“ in der Zentrale – verkörpere, musste Merz nachbessern: „Für mich ist die gesellschaftliche Mitte nicht eine rein ökonomische Größe. Ich habe von meinen Eltern die Werte mitbekommen, die die Mittelschicht prägen: darunter … das Wissen, dass man der Gesellschaft etwas zurückgibt, wenn man es sich leisten kann.“ Was das „Zurückgeben“ betrifft, mit dem Merz sich unter Verweis auf seine Stiftung „für benachteiligte Kinder“ herausredet, so befolgt er nur wie jeder Fußballprofi die Tipps der Marketing- und Steuerberater. Die Elite mehrt seit jeher ihr öffentliches Ansehen und den privaten Reichtum nach Steuern in einem Aufwasch. Ökonomisch sind das freilich Peanuts.

Mehr Aufmerksamkeit als die Zahl der Flugzeuge, die der CDU-Kandidat besitzt, verdient die von Investigate Europe aufgedeckte Globalstrategie des weltweit größten Vermögensverwalters Blackrock, von dem Merz bis heute seine Tantiemen bezieht. Erst sie macht klar, welche List der Vernunft Friedrich Merzens Versuch innewohnt, sich in die Mittelschicht hinabzuschleichen. Denn der globale Reichtumsvermehrer betreut und verwertet nicht nur die großen Vermögen. Er treibt auch die Privatisierung der Altersvorsorge voran, um das Sparkapital möglichst breiter Schichten in seinen Fonds zu lenken. It‘s the economy, stupid.

Die deutsche Merz-Debatte hat deshalb eine Schieflage. Die breite, satiretauglichen Empörung über des Kandidaten Flucht in die gehobene Mittelschicht stellt die Ideologie einer Gesellschaft, die vom ‚Mythos Mitte‘ lebt, keineswegs in Frage. Selbst die sozialstatistisch untermauerte Kritik der Sozialforscher am Versuch des Kandidaten, sich als Einkommensmillionär in die Büsche zu schlagen, hält am Bild einer breiten Mitte der Gesellschaft fest – von 60 bis 90 Prozent reicht derzeit das Angebot.

Das Bild lebt nicht nur von sozialstatistischen Kennziffern über die Verteilung von Reichtum, Bildungsgrad und Beruf. Es reklamiert auch die wichtigsten politischen und moralischen Werte, die angeblich die Gesellschaft zusammenhalten. In biogenetischer Sprache werden „Identitätsmarker“ (Marina und Herfried Münkler) des Deutschen entworfen: der „Leistungswille“, der Glaube „an den Aufstieg durch eigene Anstrengung“ und die “Bereitschaft zur Selbstsorge“. Mithin jene der Mittelschicht zugeschriebene Vorzüge, die sich gegen eine antriebslose und deshalb „staatsbedürftige“ (Heinz Bude) Unterschicht in Stellung bringen lassen. Dies Unten beschränken die Mitte-Ideologen auf zwei Gruppen: die fleißigen Armen und die Hartz IV-Klienten, die je nach Ausprägung als leistungsschwach oder -scheu gelten. Im Jargon der Arroganten Internationale: Hierzulande sind es Proleten und Parasiten – bei Hillary Clinton sind es die Deplorables.

Die Mitte beginnt in dieser Deutung spätestens bei den Facharbeitern und umfasst nahezu jede Person mit maßvollem Auskommen. Vor allem aber verkörpert sie Werte und Moral. Zwar sind „Fleiß, Disziplin, Anstand, Respekt“, die Familie Merz dem Sohn beigebracht hat, nach der Alltagserfahrung eher beim Krankenpflegepersonal verbreitet als bei Kunden und Managern des ehrbaren Vermögensanlagegewerbes. Aber das ist gar nicht der Punkt, auf den die Ideologie zielt. Das Bild einer fast klassenlosen „Mittelschichtgesellschaft“ wird durch Statistiken ‚bewiesen‘, in soziologischen Begriffen beglaubigt und in den Medien unkritisch verbreitet. In ihm ersetzt die Mentalitätskluft zwischen Antriebsschwachen und Leistungsstarken das Klassenverhältnis von Arbeit und Kapital. Die Existenz einer breiten Mittelschicht soll die motivierende Kraft der Ungleichheit beweisen, weil hier die Erziehung der Marktgefühle geglückt erscheint und sich im Konsum bewährt.

Gerade deshalb prägt die Sorge um die Sorgen der ‚Mitte‘ die gegenwärtige Debatte so stark. Sie zeigen: Schichtspezifische Besonderheiten und übergreifende Gemeinsamkeiten von Interessen sind mit bloßen sozialstatistischen und Befindlichkeitsbefunden zur Mitte der Gesellschaft nicht zu gewinnen. Alte Trennlinien sind längst verblasst, an Bedeutung gewonnen hat die Rolle von Geschlecht, Milieus und Lebensweisen, die von gegenwärtigen Veränderungen und von der Vergangenheit beeinflusst sind. Dabei können sich typische Interessenlagen ergänzen oder konkurrieren, solidarisches Handeln begünstigen oder erschweren.

Will man diese Veränderungen begreifen und politisch beantworten, muss sich der Blick auf die neuen Beschäftigungsformen und Klassenverhältnisse richten, auch auf jene lohnabhängigen Schichten, die alle Parteien rechts von der Linken auf je eigene Weise zur ‚Mitte der Gesellschaft‘ erklären. Dabei kann Bertolt Brecht helfen. Über das Wie und Wo der Klassenkämpfe kommt ihm 1935 ein Gedanke, der für die heutigen Arbeits- und Klassenverhältnisse von Nutzen ist: „Es ist von großer, aber nicht ausschlaggebender Bedeutung, was man zu den jungen Leuten sagt. Von ausschlaggebender Bedeutung ist, wo sie sich befinden, gesellschaftlich gesehen, wenn man zu ihnen spricht.“

Die Frage nach dem Wo beleuchtet ein neues Problem: Die Honorarkräfte, Mehrfachjobber und Burgerbrater in Fast-Food-Ketten, die Fahrrad-Kuriere und ‚freien‘ Grafikdesignerinnen erleben den ‚Markt‘ und die ‚Kunden‘ als die Instanzen, die über die Arbeitsanforderungen, die Zeit und die Einkommenschancen bestimmen. Auch die Patchworkerin und der Crowdworker, die Krankenpflegerin und der Kita-Erzieher erfahren ihre Arbeit auf widersprüchliche Weise: Sie sind eingeladen und zugleich unterworfen, motiviert und zugleich ausgebeutet. Erst auf den zweiten Blick erkennen sie, was sie mit den working poor des Reinigungspersonals und der Lieferando-Fahrer gemeinsam haben. Die neuen Fraktionen stehen erst am Anfang ihres Klasse-Lernens. Das Terrain der Interessen erstreckt sich ferner auf Räume jenseits der Arbeit.

Zur ‚neuen Klassenfrage‘ gehören das Wohnen, die bedrohte Umwelt, der Konsum, die Geschlechterdiskriminierung und der alltägliche Rassismus. Was hingegen nicht hilft, ist ein Zurück zur Nation oder ein Diskont auf die Menschenwürde oder die Sehnsucht nach der ‚alten‘ Arbeiterklasse.

Angesichts der ‚bunter‘ gewordenen Klassenverhältnisse ist es ratsam, sich bei der Blamage eines Politikers, der ‚gehobene Mittelschicht‘ sein wollte, möglichst kurz aufzuhalten. Wichtiger ist die politische Aufklärung über die ungenaue Ungleichheitsrede und den ‚Mythos Mitte‘, dessen Leistungsmoral im Grunde unterstellt, dass im Spiel des Lebens Verlierer und Sieger nur das bekommen, was sie verdienen. Den wirklichen Problemen der ausgebeuteten und entfremdeten Klassen kommt nur auf die Spur, wer sich nicht mit Chancengleichheit in einem vorgegebenen Spiel begnügt, sondern dessen Regeln begreift – und ein anderes Spiel einfordert.

Ulf Kadritzke ist Soziologe. Sein Buch Mythos „Mitte“. Oder: Die Entsorgung der Klassenfrage erschien 2017 bei Bertz + Fischer

06:00 23.11.2018

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