Franz Walter
05.11.2011 | 08:00 10

Mythos Schmidt

SPD Moralische Autorität und Orakel: Der Alt-Kanzler kommt gut an – weil der ­depressive Ausklang seiner ­Regierungszeit vergessen ist

Im Sommer vergangenen Jahres wurde eine Art Ranking zu den „moralischen Autoritäten“ in Deutschland auf Basis einer repräsentativen Befragung veröffentlicht. Auf den ersten Platz kam – wie sollte es anders sein – Helmut Schmidt. Und auch jetzt ist wieder Schmidt Autorität und Orakel der Nation zugleich, da er Kanzlerkandidaten salbt.

Seit Jahren hat Schmidt sich auf jede Zigarette die Aura des letzten Kanzlers der Bundesrepublik gestiftet, der bei allen Widrigkeiten stetig und beharrlich, ohne populistische Neigungen politische Führung ausübte und jederzeit umsichtig die internationale Dimension politischer Vorgänge strategisch im Auge behielt. Mittlerweile hat sich dieses Schmidt-Bild verblüffend stabil im kollektiven Gedächtnis der Deutschen festgesetzt. Merkwürdigerweise scheint sich kaum jemand daran zu erinnern, wie düster und depressiv die gesellschaftliche Befindlichkeit in den Jahren 1980 bis 1982, den letzten der Kanzlerschaft Schmidts, war.

„Ein Wunder ist es nicht, dass die Bürger sich verschaukelt fühlen“, schrieb schon 1976 ein treuer Freund Schmidts, der ehemalige Zeit-Chefredakteur Theo Sommer. „Zynismus, Missmut, Verdrossenheit macht sich breit im Land.“ Und so ging das weiter, insbesondere in den frühen 1980er Jahren. Alle Probleme – von der Staatsverschuldung, der Massenarbeitslosigkeit, der Rentenfinanzierung, den neuerlichen Bildungsungleichheiten – nahmen hier ihren betrüblichen Anfang. Wegen der Kritik an Schmidt differenzierte sich das Parteiensystem aus; wegen seiner Politik formierte sich eine neue Partei und etablierte sich hernach fest im System: die Grünen. Schmidt war Geschöpf, anfangs Gewinner, am Ende aber auch Kreateur und zuletzt Verlierer der Krise. Das Land rief nach ihm, als es den großen Krisenmanager herbeiwünschte; es wandte sich von ihm ab, als die Krisensymptome sich verdoppelten und verdreifachten.

Zunächst waren Krisen ein Motor für den Aufstieg Schmidts. Der SPD-Mann aus Hamburg schien der kongeniale Politiker des Notfalls. In Zeiten des Ausnahmezustands brillierte er; dann durfte er zeigen, was ihm zueigen war: ein scharfer Verstand, hohe Konzentration, Beharrlichkeit, kühle abwägende Entscheidungskraft, Mut und doch auch Besonnenheit. Schmidt glänzte, als in Hamburg 1962 die Flutkatastrophe ausbrach. Er war die entscheidende Figur, die 1968 trotz wütender Studentenproteste die Notstandsgesetze über die parlamentarischen Hürden brachte. Er war 1974 zur Stelle, als die sozialliberale Regierung durch die Kanzlerkrise während der Guillaume-Affäre taumelte. Und er dirigierte 1977 das verbarrikadierte Bonn im Kampf gegen den Linksterrorismus. In all diesen Situationen konnte Schmidt seine Führungsfähigkeiten voll ausspielen, da in Krisenzeiten die Zahl der Vetomächte zusammenschmolz, weil im Notfall exekutive Instrumente zur Verfügung standen, die es sonst für die Politiker im semi-souveränen bundesdeutschen Zentralstaat nicht gab.Schmidt war Experte für alles, gerierte sich zumindest gerne so: als Fachmann für Außen- und Sicherheitspolitik, für Währungs- und Finanzfragen, für Probleme der Weltwirtschaftspolitik. Schmidt war ein beinharter Rationalist. Sein Vorgänger im Amt, der strahlungsfähige Charismatiker Willy Brandt, hatte die politischen Strömungen eher intuitiv erfasst, gewittert, herausgespürt. Schmidt dagegen analysierte Konstellationen kühl, emotionsfrei, mit präzisen Begriffen. Schmidts Aufmerksamkeit richtete sich allein auf diesen empirischen Raum, nicht auf ferne Möglichkeiten jenseits davon. Darin bestand sein pragmatischer, diesseitiger Politikansatz, mit dem sich die Sozialdemokratie jener Jahre durchaus schwer tat.

Utopien waren ihm zuwider

Visionen und Utopien jedenfalls waren Schmidt zuwider. Er ängstigte sich geradezu davor wie auch über große, offen oder gar schrill demonstrierte Gefühle. Außerdem war Schmidt ein norddeutscher Protestant. Da trug man nicht fröhlich nach außen, was einen im Inneren bewegte. Schmidt mochte überdies keine intellektuellen Paradoxien und dialektischen Kon-struktionen. Er reagierte darauf aggressiv. Auch deshalb konnte er Theoretiker partout nicht ausstehen. Er verbannte gern, was sich ihm nicht sofort rational und unmittelbar logisch erschloss.

Immerhin: Schmidt hatte weit länger im Kanzleramt zugebracht als Erhard, Kiesinger, Brandt oder später Schröder. Das Bündel an Problemen, mit denen er zu tun bekommen hatte, bildete zunächst das Elixier für Schmidts politisches Management. Der Kanzler glänzte als Ingenieur im störungsanfälligen Maschinenraum der Politik, sicherte sich so zunächst das Vertrauen der meisten Bundesbürger, stabilisierte dadurch zwischenzeitlich die Bundesregierung, obwohl gesellschaftlich und in den Länderparlamenten spätestens seit Mitte der siebziger Jahre ein deutlicher Rutsch nach rechts, hin zur christlichen Union, unübersehbar war.

Doch nach 1980 gelang auch Schmidt, der im Grunde natürlich ebenfalls ein durch und durch konservativer politischer Mensch war, nicht mehr viel. Die Regierung tapste von Panne zu Panne, einigte sich in quälend langen Auseinandersetzungen auf Kompromissformeln, die schon wenige Wochen darauf nichts mehr trugen, betrieb nur noch Stückwerk und Flickschusterei. Große konzeptionelle Diskussionen fanden nicht mehr statt; Entwürfe über den Tag hinaus waren im Umfeld des Kanzlers tabuisiert, galten als intellektueller Hokuspokus, gar fast als Krankheit des Hirns, die einer ärztlichen Therapie bedurfte.

Düsterer Ausgang einer Ära

Es waren düstere Jahre zum Ausgang der Ära Schmidt. Weit über 10.000 Firmen gingen in Konkurs. Die Arbeitslosigkeit kletterte bald über die Zweimillionengrenze. Die Staatsverschuldung war bedrohlich angewachsen. Die Investitionsquote der deutschen Volkswirtschaft war ebenso alarmierend zurückgegangen. Aus den Schulen und Universitäten kamen massenhaft die Zugehörigen der Baby-Boom-Jahrgänge und fanden nicht die erwünschte Anstellung, vor allem nicht mehr im öffentlichen Dienst. Die jungen Menschen zogen nun parlamentskritisch durch die Straßen, fürchteten sich vor Umweltkatastrophen und dem großen atomaren Krieg. Apokalyptische Szenarien vagabundierten in dieser agonalen Phase der sozialliberalen Koalition durch die bundesdeutsche Gesellschaft. Die Republik wirkte paralysiert wie in einem schwarzen Loch, depressiv.

Als die Sozialliberalen abtraten, lag das Land in Schwermut; die eigenen Leute und Anhänger waren entmutigt und zermürbt. Kein Zufall auch, dass die Politikverdrossenheiten in diesen düsteren Schmidt-Jahren aufkam und der Republik erhalten blieb. Natürlich ist Schmidt ein ungewöhnlich kluger und geradliniger Ratgeber auch der Politik im Jahr 2011. Aber zum Ende seiner Kanzlerschaft realisierte er selbst keineswegs, was er bei seinen Nachfolgern im Amt jederzeit streng und unter zunehmendem Beifall eines zunehmend vergesslichen Publikums anmahnte.

Franz Walter leitet das Göttinger Institut für Demokratieforschung, bloggt unter demokratie-goettingen.de/verzeichnis/blog/ und ist Herausgeber von INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft

Kommentare (10)

Thomas Rothschild 05.11.2011 | 13:23

Das klingt alles sehr plausibel und ist wohl richtig. Und doch. In Österreich gibt es zurzeit eine lebhafte Debatte, weil eine Reihe ehemaliger Politiker aller Parteien die Politik der gegenwärtigen Regierung heftig kritisiert hat. Die jetzigen, äußerst mittelmäßigen Protagonisten von ÖVP und SPÖ wehren sich hysterisch und fragen rhetorisch, warum denn die "Altpolitiker" ihre heutigen Vorschläge nicht realisiert hätten, als sie selbst an der Macht waren. Offenbar sind die Zwänge und Rücksichtnahmen im politischen Geschäft stärker, als allgemein angenommen. Da bleibt es wohl die Regel, dass auch integre Politiker beim Handeln hinter ihren Erkenntnissen zurückbleiben und Parteidisziplin Vorrang hat vor den Interessen der Bevölkerung. Soll man aber deshalb auf Einsichten verzichten, die erst ausgesprochen werden, wenn solche Politiker keine Funktion mehr haben, wenn sie als Privatmenschen reden? Sie müssen immer noch nicht im Recht sein, man kann und soll ihre Äußerungen kritisieren, aber anhören sollte man sie schon. Sie könnten ja sogar aus ihren Fehlern gelernt haben. Die Institution des "elder statesman" ist kein Heiligtum, aber für die Demokratie ist sie nicht unbedingt schädlicher als das halbgebildete Politikgequatsche mancher Kommentatoren in den Medien. Was zählt, ist letzten Endes die Überzeugungskraft aktueller Argumente, nicht eine noch so fragwürdige Praxis in der Vergangenheit. Immerhin bewirbt sich Helmut Schmidt, anders als sein Kumpel Peer Steinbrück, der auch gelegentlich kluge Dinge sagt, nicht mehr um das Kanzleramt.

lebowski 05.11.2011 | 23:17

Interessant finde ich das Schmidt-Comeback allemal.
Michael Jäger hat ja schon darauf hingewiesen, dass die kapitalistische Misere nicht vor 3 Jahren oder sonst in jüngerer Zeit begann sondern vor ca. 35 Jahren in der Schmidt-Ära.
Der Fordismus hatte seine große Zeit hinter sich. Eine neue Leitindustrie war nicht in Sicht. Die Arbeitslosigkeit stieg unbarmherzig. Der später einsetzende Mikroelektronik-Boom konnte die überschüssigen Arbeitskräfte nicht mehr absorbieren. Aber Schmidt war nicht in der Lage, das Ausmaß der Krise zu begreifen. Aber er ist auch nicht mehr der einzige elderstatesman der durch die Talkshows tingelt und sich weigert, sich seine Ratschläge dahin zu stecken, wo sie hingehören.

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shalako 06.11.2011 | 15:55

Schmidts Erbe

"Helmut Schmidt diskutiert mit Peer Steinbrück über die Griechenlandkrise, die Angst vor der eigenen Partei und die Kanzlerkandidatur. Auszüge eines Gespräches, das in dieser Woche als Buch erscheint und von Matthias Naß moderiert wurde."

Bei der ZEIT reagiert man ausgesprochen dünnhäutig. Jeder Hinweis darauf, es handle sich hier um ein Zusammenspiel dreier Bilderberger, wird aus dem Kommentar-Strang entfernt.

www.zeit.de/2011/44/DOS-Interview-Schmidt-Steinbrueck?commentstart=41#cid-1675111

Helmut Schmidt

www.youtube.com/watch?v=pklZ8AWa1BU

Er kann es

www.youtube.com/watch?v=jQCkFSv30js

"Der Münchener Mediensoziologe und Publizist Rudolf Stumberger hat kein Verständnis dafür, dass verantwortliche Redakteure etwa der Wochenzeitung Die Zeit schon über viele Jahre eng mit den Bilderbergern verflochten sind und dennoch wie alle anderen teilnehmenden Journalisten nie auch nur eine Zeile über die Konferenzen berichten. Er geht davon aus, dass es hier um persönliche Eitelkeiten geht. Und dass manche Journalisten sich weniger als Berichterstatter und Chronisten sehen, sondern als Player und Gestalter.[1]"

Quelle:
de.wikipedia.org/wiki/Bilderberg-Konferenz

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Ehemaliger Nutzer 06.11.2011 | 17:12

Der Altkanzler Herr Schmidt ist durchaus ein kluger Mensch und hat sich diesbezüglich auch gut in den gewissen Fernsehauftritten gegeben.
Trotzdem bin ich der Meinung, dass Herr Schmidt auch einige Fehler unter seiner Regierungszeit zugeben sollte.
Es ist eben immer schön, die anderen zu kritisieren.
Ganz schlimm fand ich den Auftritt bei Jauch, als er Steinbrück als zukünftigen Kanzler anpries. Für mich ist das eigentlich ziemlich ungehörig, weil solch ein Schritt von der Parteiführung kommen sollte. In dieser Hinsicht hat sich Herr Schmidt wie Moses aufgeführt und das ist er gewiss nicht.

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Ehemaliger Nutzer 06.11.2011 | 18:51

Mit Schmidt begann eine neue Phase Professsionalität in der Verlogenheit des Systems und das auf auf höchsten Niveau. Schmidt überragende Intelligenz und Routine in der Bewältigung von lästigen Fragen, dass sind Eigenschaften, die heutige Politiker beim Kampf um den Weg nach oben nur hinderlich sind.
Heute ist man gerne blöde und sagt bei jeder halbwegs anspruchsvollen Frage: " Keine Ahnung". Er, der Schmidt, ist moralisch nicht besser, eher schlechter als die anderen Nichtsnutze in der heutigen Politik und lebt seine Verderbtheit ohne Scham aus. Die heutigen Doofis merken nicht einmal, wie er sie in fast jeder Talkshow verarscht. Dafür kann ich aber auch keine Achtung zollen, weil das ist wirklich nicht schwer.
Maxu S. als Schmidt-Fan

poor on ruhr 06.11.2011 | 21:02

Danke. Fand ich interessant. Einfach mal da hingeguckt, wie das bei Schmidt damals war. Heute kann er nicht aufhören.
Ich bin kein Fan von ihm. Er hat die Agenda 2010 unter Schröder wohlwollend begleitet und sich auf dabei Argumente gestützt, was vor 50 Jahren mal war. Sicher ist er erfahren und sagt auchg Richtiges, aber Vielkes was von ihm kpmmt finde ich aufgeblasen und zum Teil überbewertet.

Da blicken 50 jährige Journalisten ehrfürchtig auf ihn und lassen sich in Talkshows manchmal wie Schuljungen abkapseln.

Es gab in der BRD keine goldenen Zeiten. Das ist ein Mythos .

Und erst recht gab es unter Helmut Schmidt keine goldenen Zeiten, auch wenn wir in einigen Bereichen vielleicht froh wären, die Probleme von damals zu haben, wenn wir sie mit unserer heutigen Staatsverschuldung tauschen dürften.

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Ehemaliger Nutzer 09.11.2011 | 01:27

Ich weiß ja nicht, in welcher Republik Franz Walter in den 70ern und 80ern lebte, die Bundesrepublik kann es nicht gewesen sein.

Mag sein, dass er Helmut Schmidt nicht sonderlich ausstehen kann, ob er ihn beurteilen kann, wage ich dann doch zu bezweifeln. Genau das scheint seine Sicht zu trüben.

Man kann Schmidt alles Mögliche andichten, dann muss man aber auch die wirkliche Lage Deutschlands zu diesen Zeiten beschreiben.

Was sich sonst noch so tat, zu dieser Zeit:

Die früheren Kolonien der europäischen Eroberer befreiten sich von diesem Joch, mit der Folge, dass Rohstoffe nicht mehr zu absoluten Schleuderpreisen zu bekommen waren, weil gleichzeitig die alte Kanonenbootpolitik nicht mehr opportun war. Im Ergebnis mussten wir ab 1973 höhere Ölpreise zahlen, was der darauf basierenden Industrie bis heute Probleme bereitet. Das waren dann damals Helmut Schmidts Probleme.

Dazu kam der NATO-Doppelbeschluss, nachdem die UdSSR ihre auf Europa gerichteten Atomrakteten "modernisierte". Auch das waren Helmut Schmidts Probleme.

Seit den 70ern bereiteten sich die heute als Neoliberale bezeichneten Kräfte auf die Umgestaltung der Republik vor, was sich in dem sogenannten Scheidungspapier der sozialliberalen Koalition aus Lambsdorffs Feder zeigte.

Die Arbeitslosenquote war während Schmidts Regierungszeit gestiegen. Die Zahl der Arbeitslosen betrug am Ende Schmidts Regierungszeit 1,2 Mio. Menschen. Kohl machte daraus innerhalb eines halben Jahres dann 1,8 Mio. Menschen.

Natürlich werden Mythen gestrickt, wenn ein Bedürfnis danach entsteht oder gefördert wird. Wer sich aber die Bundestagsdebatten von damals anschaut und es mit dem vergleicht, was Kohl, Schröder und Merkel boten, wird verstehen können, das dem Mythos Schmidt auch etwas Reales zugrunde liegt.

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Ehemaliger Nutzer 10.11.2011 | 01:21

Zu Franz Walters Lichtgestalt Willy Brandt ist noch nachzutragen, dass er es war, der den sogenannten Radikalenerlass zu verantworten hat.

Zu Franz Walters manipulativen Zahl der Firmenpleiten ist noch nachzutragen, dass natürlich immer die Firmen selbst für ihre Geschäfte verantwortlich sind. Außerdem, und das ist viel wichtiger, gibt es jedes Jahr Firmenpleiten. Einfach, weil die Firmen nicht auf dem Markt bestehen können. Und zwar, unabhängig von der jeweiligen Politik. Bei über 2.500.000 Firmen in Deutschland betragen die angegebenen Firmen-pleiten übrigens 0,004%. Und es werden jedes Jahr an die 50.000 Firmen neu gegründet. In der Regel weiß man erst nach 5-7 Jahren, wer sich dauerhaft auf dem Markt etabliert. Das hätte Franz Walter sauber recherchieren können und müssen. Oder mal bei den BWLern nachfragen.

Tobi-Eiki 16.11.2011 | 12:35

Schade, dass der Artikel nicht auf den NATO-Doppelbeschluss von 1979 eingeht!

Aufgrund der Tatsache, dass die UdSSR gegen Mitte der 1970er Jahre zunehmand an militärischer Oberhand gewann und die veralteten SS-4 und SS-5 Raketen durch modernere SS-20 Raketen austauschte, mussten die westlichen Regierungen Europas reagieren. Helmut Schmidt erkannte diese bedrohliche Situation und befürwortete deshalb eine Aufrüstung der westlichen Nukleararsenale in Westeuropa, um dann auf Augenhöhe mit der UdSSR verhandeln zu können. Aufgrund der pazifistischen Grundstimmung in der Bundesrepublik, welche nicht nur durch viele Bürger, sondern auch durch viele Parlamentarier getragen wurde, zerbrach die Koalition zwischen SPD und FDP, sodass Neuwahlen unerlässlich wurden. Der Erfolg der deutschen Einigung, welcher überwiegend Helmut Kohl zugeschrieben wird, geht tatsächlich viel weiter zurück. Kohl musste den NATO-Doppelbeschluss "nur" noch implenentieren, was aufgrund von sicheren parlamentarischen Mehrheiten kein großes Problem darstellte.
Schmidt scheiterte somit auch an der unpragmatischen Haltung bezüglich des NATO-Doppelbeschlusses innerhalb seiner eigenen Partei.
Selbst der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck hat fast 30 Jahre nach dem NATO-Doppelbeschluss zugegeben, dass er diesen Schritt Schmidts heute für richtig hält. Damals ließ er sich von der Friedensbewegung mitreißen, weshalb auch er sich gegen seinen Kanzler Helmut Schmidt stellte.

Einige Historiker gehen übrigens davon aus, dass das erneute Wettrüsten der 1980er Jahre - man denke an das SDI-Programm des Ronald Reagan - erheblich dazu betrug, dass die UdSSR zerbrach. Darunter auch Manfred Görtemaker.

nik100943 21.10.2015 | 18:52

Deutschland war am Ende der Regierungszeit Schmidt pleite !!

Absolut zutreffende Schilderung und Einschätzung der Ära Helmut Schmidt. Dennoch erlaube ich mir eine bezeichnende Ergänzung: Als Helmut Kohl nach erfolgreichem Misstrauensvotum als Kanzler einen Kassensturz machen liess, stellte sich heraus: Deutschland war zahlungsunfähig !! Daher musste Kohl als erste Maßnahme einen Kassenkredit i.H.v. 1 Mrd. DM aufnehmen. Damit das Land seine Verbindlichkeiten wieder erfüllen konnte. Helmut Schmidt war also tatsächlich 1982 nicht nur als Kanzler auf breiter Front gescheitert. Er war auch (noch) nicht der Weltökonom, als der er sich seit Jahren gerne feiern lässt. Eigentlich war er auch ein Menschenfeind !! Ich erinnere "sein" Kanzlerfest 1981 in Bonn, wo nur ein kleinster Kreis von Insidern eingeladen war. Auch sein engster Freund und Segel-Partner Karl-Wilhelm Berkhan mit Frau. Schmidt zeigte sich kurz seinen Gästen auf einer Tribüne, lustigerweise in einem Käfig, sprach einige "dürre Worte" und weg war er. Er hatte auf "seinem Fest" mit keinem Menschen den geringsten Kontakt. Meine Einschätzung: Schmidt hat sich mit normalen Menschen immer gelangweilt, wurde schnell rüde, abwertend und beleidigend. Seine Mitarbeiter können ein Lied davon singen. Das war übrigens bei Herbert Wehner genau so.