Nach dem Argentinazo

Bicentenario Die vier Tage der Feierlichkeiten zur 200-Jahrfeier waren auch Tage des Waffenstillstands in den alltäglichen Schlachten, die seit dem sozialen Aufstand von 2001 andauern

Die 200-Jahrfeier Argentiniens verbrachte ich damit, in der Menge eingetaucht durch Buenos Aires zu wandern und mir darüber den Kopf zu zerbrechen, was das denn nun sei, das „Vaterland“. In der Universität hatten sie uns eingetrichtert, dass dieses Gefühl kollektiver Zugehörigkeit der Vorstellungskraft einiger Herren im fernen 19. Jahrhundert entsprungen sei, dass die Geschichte, jede Geschichte, nur eine Erfindung der Macht sei, ein Zuschnitt der Realität, entworfen, um uns zu schwächen. Aber inmitten dieser Menschenmenge erschien es mir unmöglich, die Emotionen anhand dieser blöden Bücher herauszufiltern, die ja auch dazu geschrieben worden waren, um bestimmte Subjektivitäten zu formen. In unserer Nationalhymne heißt es: „Ewig sei der Lorbeer, den wir zu erlangen wussten“ und ich bin davon überzeugt, dass sich niemand beim Singen jemals darüber Gedanken gemacht hat, um welche Lorbeeren es eigentlich geht. Jedenfalls schwören wir alle aus tiefstem Herzen „ruhmreich zu sterben“, wir spüren, dass diese große Farce uns so eigen ist, wie unsere Augen und unsere Hände, so eigen wie eine geteilte Geste und so weit entfernt von der Welt der Wahlen wie unsere Eltern, Geschwister und unsere Physiognomie.

Als das Fest zu Ende war, stellte ich fest, dass ich mich mitten auf der Avenida 9 de Julio befand, dem Sinnbild Argentiniens. In Buenos Aires sind politische Demonstrationen, manche von ihnen Massendemonstrationen, an der Tagesordnung, so dass es für uns zur Normalität gehört, auf die Straße zu gehen, um Tausende von Dingen einzufordern. Doch es ist alles andere als normal, zum gemeinsamen Feiern auf der Straße zusammen zu kommen, es sei denn, wir gewinnen ein Fußballspiel.

Bei manchen Ereignissen so wie 2001, als es zu dem großen sozialen Aufstand kam, der als Argentinazo bekannt wurde und der mit der Regierung Fernando de la Rúas aufräumte, konnte man auf derselben Straße Szenen des Jammers, des Geschreis und sogar des Gefechts beobachten, die Gänsehaut hervorriefen – zumindest bei einem kleinen Studenten, der bereits damals Sehnsucht nach Aufruhr und Revolution hatte. Ich arbeitete mitten im Zentrum in einem städtischen Museum, wenige Blöcke von der Plaza de Mayo entfernt. De la Rúa hatte soeben den Notstand ausgerufen, um anschließend alle Ersparnisse der Bevölkerung zu beschlagnahmen. Unmittelbar nach der Verkündung seiner Entscheidung, den argentinischen Staatsbürgern alle bürgerlichen und politischen Rechte zu entziehen, begannen die Menschen, auf die Straße zu strömen, auf die Boulevards, die Plätze oder vor die Häuser einiger Minister, die dafür verantwortlich waren, dass in unserem Land fast 50 Prozent der Menschen in Armut lebten. Die Volksvertretung war zusammen gebrochen und die Mittelschicht ging mit Kochtöpfen in der Hand auf die Straße und rief die Parole: „Haut alle ab, keiner soll bleiben!“ Währenddessen umzingelten in den ärmeren Vierteln ganze arbeitslos gewordene Familien die Supermärkte, um Nahrungsmittel einzufordern, und die ganz Verzweifelten hielten Fleischtransporter an und teilten den erbeuteten Mundraub unter sich auf. Die wenigen sozialen und politischen Organisationen, die weiter handlungsfähig blieben, waren jene, die schon immer am Rande der Ämter und der Bürokratie agiert hatten, wie die linken Parteien und die organisierten Arbeitslosen, die so genannten „Piqueteros“.


In den Tagen vor dem 19. Dezember 2001 gingen Tausende von irritierten und verärgerten Menschen, die es nach den 23 Uhr-Nachrichten leid waren, schlechte Neuigkeiten, schlechte Entscheidungen mitgeteilt zu bekommen und es vor allem satt hatten, keine anderen Lösungsvorschläge als die des Internationale Währungsfonds zu hören, auf die Straßen, schlugen auf Kochtöpfe und verbrannten Gummi, um die Straßen zu blockieren. Die Frauen der Mittelschicht, die Markenkleidung aus den Einkaufszentren trugen, die während der Präsidentschaft Menems entstanden waren, schrieen mit aufgeregter Stimme: „Piquete (Barrikade) und Kochtopf, der Kampf ist derselbe!“ Damit gaben sie vor, eine vermeintliche Einheit mit den unteren sozialen Schichten zu bilden. In den Vierteln jedoch, in denen die Piqueteros lebten, hörte man keine solcher Parolen. Die unterprivilegierten Schichten wussten bereits zwischen ihren Alliierten zu unterscheiden und ihre Organisationen waren sich der Kurzlebigkeit solcher Freundschaften bewusst.

Buenos Aires ging in Flammen auf und niemand vermochte es, Kontrolle über die Situation zu erlangen. Als mittags verkündet wurde, dass der restliche Arbeitstag ausfallen würde, hatte die Polizei bereits mehr als 20 Personen getötet. Ich lief durch die Straßen in Richtung Zentrum, um zur Plaza de Mayo zu gelangen. Die angrenzenden Blöcke sahen aus wie ein Kriegsgebiet. Improvisierte Barrikaden an den Kreuzungen sollten die politische Repression abwehren; dahinter hatten sich alle möglichen Leute – von Militanten bis hin zu Kurieren samt ihren Motorrädern – verschanzt. Der Krach der Schreie, der Sirenen, der Tränengasgranaten, der Gewehrschüsse und die Gesänge der Masse, wenn sie auf die Polizei zustürmte, war schaurig und Angst erregend, und machte gleichzeitig Lust darauf, mitzumachen. Als ich nach Hause kam, war die Zahl der – vorwiegend jugendlichen – Toten bereits auf 39 angestiegen. Die Straßen waren im wahrsten Sinne des Wortes mit Blut beschmiert und das Fernsehen zeigte immer wieder die verzweifelten Augen derjenigen, die die Toten auf der Straße betrachteten. Die Epoche des extremen Liberalismus, die mit der Diktatur 1976 begonnen hatte, endete mit diesem großen Knall, den die faktische Macht mit allen Mitteln der Repression und des Trugs zu verhindern gesucht hatte.

Diese schäbige Realität scheint im Laufe der Jahre immer mehr in der Vergangenheit geblieben zu sein und heute drängen sich die Menschen auf der Straße, um nicht nur das Jubiläum der Revolution vom 25. Mai 1810 zu feiern, sondern auch den Triumph des Lebens über den Tod, der Freude über die Wut. Sechs Millionen Menschen bevölkerten den ganzen Tag und die ganze Nacht alle Ecken und Enden der Stadt, um am Spektakel teilzunehmen, auf Partys, in Kneipen, Diskotheken und Restaurants, ohne dass sich ein einziger gewalttätiger Zwischenfall ereignete. Obwohl die monopolistischen Medien zu Beginn versucht hatten, den Unabhängigkeitsfeierlichkeiten die Bedeutung abzusprechen, ist es eine der wesentlichen Erfolge unserer Regierung, dass es ihr gelungen ist, dass sich die Menschen wieder für Politik interessieren. In jeder nur erdenklichen Kneipe werden heute konkrete Themen diskutiert, Strategien, Möglichkeiten, Pläne, die umgesetzt werden müssten usw. Auch wenn die Medien ständig versuchen, den Klatsch und Tratsch zum Thema zu machen, kehrt die Politik immer wieder auf die Bildfläche zurück.

Diese vier Tage der Feierlichkeiten waren auch Tage des Waffenstillstands in den alltäglichen Schlachten, die seit 2001 andauern. Die Menschen umarmten sich, lachten und redeten miteinander. Ganze Familien vermischten sich mit anderen, die Mädchen blendeten uns mit ihrem Lachen und die Jungs sangen in voller Lautstärke und sprangen hin und her, als ob die ganze Stadt ein großer Fußballplatz sei. Nachdem wir viele Jahrzehnte wie hypnotisiert nach außen und nach oben geschaut haben, beginnen wir nun, nach innen und nach unten zu schauen, unsere Aufmerksamkeit auf die blutigen, dunklen und gealterten Straßen zu lenken und zu versuchen, sie mit unseren Unmengen von Schritten zu säubern.

Agustín Calcagno lebt in Buenos Aires und arbeitet als freiberuflicher Journalist und Erzähler. Er schreibt verschiedene eigene Blogs, unter anderem calcagnocomolasagna.blogspot.com

Übersetzung: Marcela Knapp

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19:12 30.06.2010

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