Nach dem Ausverkauf

Nostalgie Vor 25 Jahren veröffentlichte die Band Nirvana aus Seattle das Album „Nevermind“. Bis heute zehrt die Stadt vom Grunge-Mythos

In Seattle im Bundesstaat Washington im Nordwesten der USA leben heute etwa 680.000 Menschen, wobei die 25- bis 34-Jährigen die größte Bevölkerungsgruppe stellen. Die Seattleites gelten als jung, liberal, politisch und sozial engagiert. Die Stadt hat den höchsten Mindestlohn in den Vereinigten Staaten. Und sie wird, ähnlich wie Portland im Nachbarstaat Oregon, seit den Nullerjahren als Magnet für sogenannte Hipster gehandelt, für gut ausgebildete, an digitaler Technik, Kultur und einem gepflegten ökologischen Lebensstil interessierte jüngere Erwachsene. Wollte man das soziale und kulturelle Klima in Seattle in Relation zu deutschen Metropolen setzen, müsste man sagen: Seattle wäre aller Wahrscheinlichkeit nach eine Hochburg der Grünen.

Manche bezeichnen Seattle auch als „Emerald City“, als Smaragd-Stadt. So heißt die Hauptstadt des zauberhaften Märchenlandes Oz. Gleich drei Big Player der US-Wirtschaft sind hier angesiedelt: Boeing, Microsoft und Starbucks. Die Nähe zum Meer und die herrliche Naturlandschaft mit dem knapp 4.400 Meter hohen Vulkangipfel des Mount Rainier machen die Metropole als touristisches Ziel sehr beliebt. Einen ebenso starken Sog übt bis heute der Grunge aus: der Musikstil, der hier Ende der 80er Jahre abseits des Mainstreams entstand, laut und dröhnend, eine Mischung aus Hardcore, Punk und Metal. Ausdruck einer zornigen Jugend, die sich von ihren Eltern der 68er-Generation verschaukelt fühlte. Kurt Cobain, der Frontmann der Band Nirvana, war die Galionsfigur dieser desillusionierten Szene.

Vor einem Vierteljahrhundert, am 24. September 1991, erschien das zweite Nirvana-Album Nevermind – mit der punkigen Hymne Smells Like Teen Spirit, die den Grunge mit einem Schlag aus der schrabbeligen Westküstennische in die Topränge der Charts beförderte. Als Schlüsselwerk der konsumkritischen Generation X wurde das Album gefeiert. Für Cobain und seine Band war der Erfolg eher ein Fluch als ein Segen. Das gute alte Undergroundproblem des Sell-out, des Glaubwürdigkeitsverlusts, der – nach Meinung mancher – einsetzt, sobald der kommerzielle Erfolg kommt. Cobain hielt diesen Konflikt bekanntlich nicht aus. Am 5. April 1994 setzte er, 27-jährig, seinem Leben mit einem Kopfschuss aus einer Schrotflinte ein Ende.

Deals per Handschlag

Drei Jahre vor diesem Suizid, als Nevermind gerade erschienen war, strömten Heerscharen von Musikjournalisten in die Stadt. Einer, der sich noch gut an diese Invasion erinnert, ist Jack Endino, der erste Produzent von Nirvana und vieler anderer Bands aus Seattle, weswegen er bis heute „Godfather of Grunge“ genannt wird. „Nevermind hat einen kommerziellen Boom ausgelöst. Bands wie Pearl Jam, Radiohead oder Soundgarden sind im Fahrwasser von Nirvana auf der Grunge-Welle mitgeschwommen“, sagt der 51-Jährige. Noch immer lebt und arbeitet er in der Stadt, noch immer hält er die alten Ideale hoch und produziert fast ausschließlich Independentbands. Deals beschließt er meist per Handschlag, ohne schriftliche Verträge. Einen Anwalt hat er nicht, zu teuer, findet er.

Eines Tages bekam er einen Anruf von Cobain. Musiker vertrauten Endino, weil er selbst als Gitarrist in der lokalen Szene unterwegs war. Und weil es billig war, mit ihm zu arbeiten: Fünf Dollar kostete die Stunde. Sechs Stunden brauchten Nirvana, um unter Endinos Regie ihre allerersten Songs aufzunehmen, summa summarum kostete die Session 152 Dollar und 44 Cent. Nachdem Endino eine Kopie des Nirvana-Tapes an das befreundete Sub-Pop-Label weitergereicht hatte, macht es unter der Hand schnell die Runde. Nirvana wurde bei Sub Pop unter Vertrag genommen. Bleach hieß das Debütalbum von 1989, das außerhalb der Indieszene erst einmal kaum beachtet wurde. Zwei jahre später nahm die Band ihr zweites Album, Nevermind, mit einem anderen Produzenten für das größere Label Geffen auf. Schnell verdrängte es Michael Jacksons Dangerous von Platz eins.

Am Washington Boulevard Ost, in der Nähe des Viretta Parks, wohnt Seattles Upper Class. Eine Villa extravaganter als die andere. Dazwischen eine Grünanlage auf einem Hügel, von dem sich ein toller Blick über den Lake Washington bietet. Hier liegt, hinter großen Bäumen, das ehemalige Anwesen Kurt Cobains, in dem er mit seiner Frau, der Musikerin Courtney Love, und der gemeinsamen Tochter Frances Bean lebte. Eine Holzvilla, wie sie Stephen King hätte ersinnen können: dunkel, verlassen, mit Fenstern, die wie tote Augenhöhlen aussehen. Touristen und Fans kritzeln Sprüche an den Zaun, der sich um das Grundstück schließt: „Rest in Peace“ oder: „Kurt, du hast uns im Stich gelassen, du hast unser Leben verändert!“

Seit der Demokrat Gregory J. Nickels 2002 zum Bürgermeister gewählt wurde, gehört das Musikleben zum festen Bestandteil des städtischen Marketings. Kein Wunder: Die einstigen Grunge-Fans nähern sich dem Best-Ager-Alter und sind als zahlungskräftige Gäste willkommen. James Keblas hat kräftig daran mitgearbeitet, „Seattle zur Musikhauptstadt der Welt zu machen“, wie er etwas großmäulig erzählt.

Bis 2014 war Keblas viele Jahre als Direktor des städtischen Film and Music Office für Musikförderung zuständig. Inzwischen gehört die Musik zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen der Stadt. 4,3 Milliarden Dollar jährlich werden mit Musik umgesetzt, über 30.000 Menschen arbeiten in der Branche, vom CD-Verkäufer über den Fanartikelhersteller bis zum Kurator. Zwischen 100 und 200 Musikerinnen und Musiker seien heute in der Region aktiv, sagt Keblas. Er legt Wert darauf, dass Seattle längst mehr hervorgebracht habe als Grunge. Es gebe eine starke Hip-Hop-Szene, viel Americana, Folk und elektronische Musik, man habe gute Radiosender, hervorragende Plattenläden und Dutzende Labels. All das habe es vor dem Grunge allerdings nicht gegeben, sagt Keblas.

Das Cover von Nevermind zeigt ein Baby, das unter Wasser schwimmt und nach einer Dollarnote greift, die an einem Angelhaken hängt. Der Verlust der Unschuld durch Geld und Ruhm.

Loser-Look ab 85 Dollar

Vierte Straße downtown: Hier befindet sich Sub Pop, das berühmteste Independentlabel der USA, bei dem nicht nur Nirvana, sondern auch Mudhoney und Soundgarden unter Vertrag standen. In der Kantine ist eine ganze Wand mit Plattencovern gepflastert, in den Toilettenräumen hängen Goldene Schallplatten – Trophäen aus rund 30 Jahren Rockgeschichte, sagt Megan Jasper, langjährige Vizepräsidentin des Labels, heute Mitglied der städtischen Seattle Music Commission. Ende der 80er war sie Praktikantin bei Sub Pop. Über Kurt Cobain sagt sie: „Wenn man zum Idol einer ganzen Generation wird, geht die Persönlichkeit über den Jordan. Am Ende ist man nur noch eine Projektionsfläche.“

Kurt Cobain prägte – ob er wollte oder nicht – das Image des sensiblen Losers. Sein Outfit aus zerrissenen Jeans, Holzfällerhemden, Converse-Turnschuhen und Arbeiterjacken wurde von Marketingleuten zur „Grunge Wear“ erklärt, bald boten Designerläden karierte Flanellhemden ab 85 Dollar aufwärts an – als lässigen Freizeitlook für Karrieremenschen, die ihre Karrieren in der erblühenden IT-Branche begannen. Mark Arm, der Frontmann von Mudhoney, betrachtet die Geschichte des Genres nüchtern bis ernüchtert: „Schnapp dir heute ein paar 20-Jährige und frag sie, ob Grunge für sie wichtig ist. Wahrscheinlich interessiert sie das nicht die Bohne.“

Davon unbenommen, zeigt das „Experience Music Project“-Museum dieser Tage die interaktive Ausstellung Nirvana: Taking Punk to the Masses. Frank Gehry hat das Gebäude entworfen, das mit seiner fensterlosen, blau und rot schimmernden Fassade fast wie ein Raumschiff wirkt und von Microsoft-Mitbegründer Paul Allen finanziert wird. Das Haus soll die Geschichte der populären Musik erzählen. Ausgestellt sind neben Cobains Fender Stratocaster auch Devotionalien von Jimi Hendrix und von Ray Charles, die ebenfalls aus Seattle stammten. Hier können die Fans von früher in Erinnerungen schwelgen

Westlich der Innenstadt, im Bezirk Capitol Hill, brummt derweil das Nachtleben. In den Clubs wird vor allem Hip-Hop und Techno gespielt. Und am nächsten Morgen trinken die jungen Leute Kaffee in einer der vielen Starbucks-Filialen. 1992, ein Jahr nach Nevermind, wurde die 1971 in Seattle gegründete Kette zur Aktiengesellschaft – und dann sehr schnell zum Erfolgssymbol der Globalisierung.

Und der Grunge? Der sieht im Museum jetzt seiner Mumifizierung entgegen. Sogar die sterblichen Überreste Kurt Cobains sind mittlerweile verschwunden. Courtney Love hatte die Asche ihres Mannes bei sich zu Hause aufbewahrt, versteckt in einem Kleiderschrank. Ein unbekannter Dieb soll sie gestohlen haben.

06:00 23.09.2016
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