Nach dem Ende der Welt in Venedig

17. Architektur-Biennale Die Ausstellung fragt, wie das Zusammenleben gestaltet werden kann. Dabei ist die Frage ein bisschen auch, ob wir das überhaupt wollen
Nach dem Ende der Welt in Venedig
Wohnräume sollen flexibel sein, Begegnung zulassen, privaten Platz verringern, damit der gemeinschaftliche größer sein kann. Will das jemand?

Foto: Marco Bertorello/AFP/Getty Images

In Venedig gewesen. Fast geweint. Weil man die Schönheit aufessen will, sich damit einschmieren, um sie irgendwie fassen, irgendwie speichern zu können. Geht aber nicht. Also gucken. Laufen. Lesen. Denken. Biennale, na klar. Ob es voll war oder leer, wollen immer alle wissen. Leer sicher nicht, auch zwei Monate nach der Eröffnung. Und es ist diese, sich mit der Frage ausdrückende Meidung des Menschen vor sich selbst, vor Nähe, die schon vor der Pandemie bestand und an die man immer wieder denken muss, wenn man durchs Arsenale läuft.

„How will we live together?“, fragt die 17. Architektur-Biennale, und ein bisschen ist die Frage aber auch, ob wir überhaupt zusammenleben wollen. „As New Households“ heißt ein Ausstellungsbereich, und der denkt darüber nach, wie Gemeinschaft in Zukunft aussehen kann, weil die Kernfamilie nicht mehr das vorherrschende Modell für Wohnraum ist. Familie ist vorbei – jetzt ist es offiziell –, wie also leben?

Shared Space ist die Antwort, Wohnräume sollen flexibel sein, so auf neue Bedürfnisse, Zusammenfindungen, Trennungen reagieren können, sie sollen Begegnung zulassen, sollen privaten Platz verringern, damit der gemeinschaftliche größer sein kann. Es werden einige Modelle gezeigt, in denen Menschen sich in Innenhöfen treffen sollen, wie die aufgestellten Miniaturen vormachen, gemeinsam arbeiten, essen, spielen, wandeln. Verbundene Wohnungen, Häuser, nah aneinander gerückte Tische. Bänke in Höfen. Auch die große Verbreitung des Schweizer Baugenossenschaftsmodells wird vorgestellt und ein Landhaus in der Nähe von Boston will die Gegensätzlichkeit von Land- und Stadtleben aufheben, indem es flexibel ist, sowohl social distancing zulässt als auch wochenendliche Großfamilientreffen und AirBnB-Vermietungen, vermutlich, um sich Stadt- und Landleben leisten zu können.

Die Peruaner Alexia León und Lucho Marcial stellen mit ihrer Installation Interwoven gleich eine Begrenzungsmöglichkeit von Lebensraum vor, die vorsieht, dass sich das Haus zu anderen öffnet, anstatt sich abzugrenzen. Drehbare Holzteile ermöglichen die Öffnung und Schließung von Wänden und lösen so innen und außen – also Abgrenzung zu anderen, ganz auf. Bei den Gardinen-Zuziehern mag das innere Unruhe auslösen.

Wollen wir überhaupt zusammenleben? Nebeneinander arbeiten? Gemeinsam Wäsche aufhängen oder lesen? Baugenossenschaften gründen, auf deren monatlichen Sitzungen die immer wieder gleichen Streite ausgefochten werden, die gleichen Ego-Männer zu lange reden? Deren geteilte Flächen sich diejenigen nehmen, die stark genug sind, Raum einzunehmen? Sind diese Wohnformen wirklich so inklusiv, sind sie für alle? Bringen sie Menschen mit unterschiedlichen Backgrounds zusammen und fördern den sozialen Frieden? Also kann Architektur sozial machen?

John Ardern und Anab Jain haben mit Sebastian Tiew einen großen Eichentisch aufgestellt, an dem sich die Überlebenden nach dem Ende der Welt zusammenfinden, um mit aus Trümmerteilen gebautem Besteck Geteiltes zu verspeisen und zu verstehen, dass nur Gemeinsamkeit das Überleben sichern kann. Doch an dem Gelingen dieses süßen Glaubens zweifelt man, auch in Venedig, wo das Geld bestimmt, wer wie viel Platz hat und wo die BewohnerInnen die BesucherInnen meiden und die BesucherInnen sich selbst. Wir müssen gemeinsam sein wollen. Bloß wie das klappt, kann die Architektur hier nicht beantworten. Touristen nicht zu meiden, obwohl man selbst einer ist, das kann man in Venedig gut üben. Und das hat dann ja doch wieder mit der Schönheit der Architektur zu tun.

Info

Die 17. Architektur-Biennale in Venedig läuft noch bis 21. November 2021

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06:00 04.08.2021

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