Nach dem Kauf ist vor dem Kauf

Daten-Ware Ohne diesen Rohstoff funktioniert die digitale Wirtschaft längst nicht mehr

Ein ungeahnter Abgrund im Datenschutz scheint sich wieder einmal geöffnet zu haben: Für nur 850 Euro war die Verbraucherzentrale an die Datensätze von sechs Millionen Bundesbürgern herangekommen. Vier Millionen enthielten zugleich Bankverbindungen. Dieser Abgrund kann freilich nur den überraschen, der bislang einem Schlafwandler gleich über ihn hinweg geschritten ist. Tatsächlich klafft er seit Jahren. Wie tief er ist, beginnt die Öffentlichkeit gerade erst zu begreifen.

Für die digitale Wirtschaft, die der Computer basierte Postfordismus und die Expansion des Internet hervorgebracht haben, ist jeder Kunde samt Kaufvorgang zuvörderst ein Datensatz. In Datenbanken gespeichert, lassen sich all diese Datensätze zu Verbraucherprofilen verdichten. Die sind der Rohstoff, ohne den die digitale Wirtschaft nicht funktioniert - ja, nicht mehr funktionieren kann. Um im beinharten Wettbewerb des Globalkapitalismus durchzuhalten, genügt es längst nicht mehr, ein gutes Produkt zu verkaufen. Die Verbraucher müssen dazu gebracht werden, am besten tonnenweise zu konsumieren. Wer einen Krimi bestellt, bekommt automatisch fünf weitere angeboten. Auf das günstige Flugticket nach London folgen postwendend Angebote für andere Billigflüge.

Und das ist noch nicht alles: Wer Thriller à la Michael Crichton verschlingt, reist womöglich gern, denn solche Schinken gehören zur Standardlektüre an den Stränden dieser Welt. Die Information darüber ist für einen Reiseveranstalter bares Geld. Es ist genau diese Logik, die etwa den Rabattkartensystemen zugrunde liegt, hinter denen Netzwerke aus Unternehmen verschiedenster Branchen stehen. Sie alle bedienen sich aus denselben digitalen Verbraucherprofilen.

So kombinieren Unternehmen soziodemographische und Kundendaten, um die Bonität eines Käufers einzuschätzen. Wer in einem sozial "schwachen" Stadtteil wie Hamburg St. Georg lebt und womöglich noch einen fremd klingenden Namen hat, bekommt gar nicht erst die Möglichkeit angeboten, seinen Online-Kauf per Nachnahme zu begleichen, die etwa einem Hanseaten aus Blankenese selbstverständlich gewährt wird. Dieses "Scoring" genannte Verfahren wird längst im großen Stil von Banken, Online-Handel sowie Mobilfunkanbietern eingesetzt, obwohl eine derart automatisierte Bewertung von Kunden rechtlich einer Diskriminierung gleichkommt.

Angesichts dieser Entwicklung hat Verbraucherzentralen-Chef Gerd Billen Recht, wenn er den Coup von vergangener Woche nur als "Spitze des Eisbergs" bezeichnet. Das Dumme ist nur, dass dieser Eisberg weiter wachsen wird, solange es eine digitale Wirtschaft, aber keine Brandwände gibt, die das Verschieben und Verscherbeln von Kundendaten verhindern. Technisch lassen sich die nicht mehr errichten.

Die einzige Konsequenz aus dem Skandal kann nur eine drastische Neubestimmung sein, was Datenschutz rechtlich bedeuten soll. Die Grünen haben vorgeschlagen, ihn als Grundrecht ins Grundgesetz aufzunehmen und den Datenhandel vollständig zu verbieten. Überfrachtet das Grundgesetz nicht noch weiter, haben erstaunlich viele Kommentatoren reagiert. Doch wer Datenschutz für eine "Überfrachtung" hält, kann eigentlich noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen sein, in dem die Menschen nicht nur in der "realen" Welt, sondern zugleich in einer Datensphäre leben. Da war das Bundesverfassungsgericht bereits weiter, als es im Mai ein neues "Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme" postulierte.

Nötig wäre jetzt, das digitale Abbild einer Person zu einem untrennbaren Bestandteil ihrer selbst zu erklären, der allen Schutz vor Missbrauch verdient. Praktisch könnte das so aussehen, dass künftig für jede einzelne Datenweitergabe eine schriftliche Zustimmung eingeholt und im Streitfall vorgelegt werden muss. Wer sich in einem Boxverein trifft, um eine Stunde Hiebe auszuteilen und einzustecken, erlaubt seinem Gegner damit ja auch nicht automatisch, ihn am nächsten Tag auf der Straße mit Fäusten zu traktieren.

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