Nach dem Tabubruch

Mythos Die Theatergruppe Rimini Protokoll verarbeitet Adolf Hitlers „Mein Kampf“ kurz vor dem Auslaufen des Copyrights
Thomas Irmer | Ausgabe 37/2015 3

Am 3. Juli 1926 kommt Adolf Hitler nach Weimar und trägt ins Gästebuch des Hotels Elephant zur Person ein: Schriftsteller, München. Hitler arbeitet nach der Abfassung des ersten Bands während der Festungshaft in Landsberg am Lech bereits am zweiten Teil des Buchs, das am Ende seiner späteren Herrschaft eine Auflage von 12,5 Millionen erreicht haben wird. Es ist die NS-Staatsbibel, die bei Eheschließungen und Berufsabschlüssen überreicht sowie in Frontausgaben verbreitet wird. Auch in den Bibliotheken der Konzentrationslager gehört das Buch für die Gegner und Opfer des Regimes in den Ausleihbestand – ungefähr 80 Exemplare wurden später allein in Buchenwald gezählt. Wer es dort wie gelesen hat, weiß man ebenso wenig, wie allgemein wenig über die Wirkung des Buchs bekannt ist. Nach dem Sturz der NS-Diktatur wurde es aus allen öffentlichen Einrichtungen entfernt, wahrscheinlich millionenfach weggeworfen, in den Keller gebracht oder mit mehr oder weniger Bedacht im privaten Bücherregal in die zweite Reihe geordnet – häufig ohne Vorsatzseite, auf der Exlibris-Stempel, Besitzername oder Widmungen standen.

Zur ungeklärten Frage der Lektürewirkung trat nun auch der tabuisierte Besitz des Buchs, zumindest in den Besatzungszonen und den beiden aus ihnen hervorgehenden Staaten; das ist auch eines der Forschungsinteressen der Gruppe Rimini Protokoll. In anderen Ländern, vor allem in West- und Südeuropa, aber auch in den USA, war Mein Kampf zum Flohmarktpreis zu haben. 70 Jahre nach dem Tod auch dieses Autors erlischt das Urheberrecht, und Mein Kampf wird, wie es juristisch heißt, zum 1. Januar 2016 „gemeinfrei“. Nachdruck eigentlich ohne weitere Urheberrechtswahrung möglich. In Deutschland ist jetzt nicht ganz klar, ob das auch für dieses Buch gelten darf.

Bislang galt, entgegen allen Legenden: Besitz und Lektüre von Mein Kampf sind keinesfalls eingeschränkt. In Bibliotheken muss man allerdings wissenschaftliches Interesse nachweisen. Verboten ist die Verbreitung der Schrift, vor allem deren Neudruck. Der Freistaat Bayern als Rechtsnachfolger des „Zentralverlags der NSDAP, Franz Eher Nachfolger GmbH, München“ nimmt auch für den Schriftsteller Adolf Hitler die Rechte wahr, kontrolliert also die Verbreitung von Mein Kampf und konnte so Neuauflagen in Deutschland immer rechtswirksam verhindern. Mit der Gemeinfreiheit des 800-Seiten-Texts entsteht eine neue Situation. Als Volksverhetzung und NS-Propaganda könnte dann das Werk in Neuauflagen durchaus verfolgt werden, worauf sich die Innenminister geeinigt haben. In einer wissenschaftlich kommentierten Ausgabe wäre Mein Kampf nun aber rund 90 Jahre nach seiner Niederschrift im Kontext seiner Zeit zu beleuchten: Mit verborgenen Quellen, historischen Verdrehungen, autobiografischen Verbrämungen und seiner antisemitischen Anstachelung. Dann könnte man auch erkennen, wie gefährlich das Buch heute noch ist.

Ein Historikerteam vom Münchner Institut für Zeitgeschichte kündigt eine kommentierte Ausgabe von 2.000 Seiten an. Doch wird das den Status des Buchs in der Gesellschaft verändern? Ist es wirklich „gefährlich“, und nicht primär kaum gelesener Tabubestseller, antiquarisches Sammlerstück und wahrscheinlich unbrauchbarer Quellentext, um heutige Neonazis zu verstehen, weil diese das Buch eben allenfalls als Fetisch verehren, aber kaum als Denkanleitung studieren?

Schlecht geschrieben

Das war in etwa die Ausgangslage, als sich Helgard Haug und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll zusammen mit dem Dramaturgen Sebastian Brünger vor drei Jahren ans Werk machten. Das Buch musste nicht extra besorgt werden, denn man kann es im Internet herunterladen. Sie sammelten Ausgaben aus verschiedenen Ländern und Zeiten, trafen Experten der Mein-Kampf-Forschung und suchten nach Protagonisten, die sie in der von ihnen entwickelten und erprobten Methode auf die Bühne bringen wollten – Leute, die mit dem Thema eine Geschichte haben, die dann wiederum miteinander und ineinander wirken, sozusagen abheben und den Gegenstand in neuen Perspektiven erhellen.

Die Stadt Weimar sollte es für die Uraufführung sein, denn hier gibt es nicht nur das internationale Kunstfest und das Deutsche Nationaltheater als Auftraggeber, sondern die Klassikerstadt gehörte zu den Orten, die Adolf Hitler für seine Aura einsog, nachdem hier 1926 der erste Parteitag der NSDAP nach ihrer Wiederzulassung stattgefunden hatte. 1937 wurde der berühmte Elephant abgerissen und (zeitgleich mit dem Lager Buchenwald) als modernstes Luxushotel neu gebaut – mit einem eigens für Hitlers Auftritte über den Eingang gesetzten Balkon. Die Weimarer riefen: „Lieber Führer, komm heraus aus dem Elephantenhaus!“

Charakteristisch für Rimini Protokoll ist ein mäanderndes Umkreisen des Gegenstands. Zu Beginn der Aufführung sieht man am linken Bühnenrand neben einem kleinen Weihnachtsbaum Bilder vom Eichmann-Prozess in einem Fernseher laufen, während zwei Spieler eine Marx-Engels-Gesamtausgabe aus dem wie ein Regal wirkenden Bühnenaufbau räumen; Karl Marx-Das Kapital, Erster Band war vor neun Jahren ein sehr erfolgreicher Rimini-Abend zu einem ebenfalls bekannten und weithin ungelesenen Buch gewesen, dessen Bühnenbild nun in der Rückansicht den optischen Rahmen abgibt.

Der Weihnachtsbaum neben Adolf Eichmann gewinnt an Bedeutung, wenn die Rechtshistorikerin Sibylla Flügge erzählt, dass sie mit 14 ihren Eltern ein selbstgefertigtes Mein-Kampf-Exzerpt zum Fest schenkte. Dann kommt Christian Spremberg, der als blinder Moderator schon beim Kapital dabei war, mit einem Einkaufswagen voll mit sechs dicken Bänden Mein Kampf in Brailleschrift. Seine Schlinge ist, dass ihm das Ertasten eines Hakenkreuzes auf dem Buch im Grunde nichts bedeutet, für ihn ist Nazikult vor allem über Stimmen und Sprechweisen, über das Reden definiert – was er später auch vorführt.

Es gibt aber auch den diskursiven Angang, wenn der israelische Rechtsanwalt Alon Kraus doziert, dass es „besser geschriebene antisemitische Texte“ gebe, wobei „besser“ geschrieben meint: gefährlicher. Der deutsch-türkische Rapper Volkan T Error hingegen bringt eine irritierende Ambivalenz ins Spiel, wenn er aus einer von ihm geschätzten türkischen Comicversion des Buchs erzählt, dass da am Ende in einem einzigen Bild sogar noch der Holocaust abgehandelt wird, bevor im Schlussbild das „Tausendjährige Reich zu Asche zerfällt“. Für einen Moment steht die anhaltende Attraktivität von Hitlers Kampfschrift in der orientalischen Welt mit im Raum. Insgesamt gibt es eben nicht den einen Zugang zu Werk und Wirkung: Das Buch wird auch unter der Rubrik „deutsches Festungshaftschrifttum“ abgehandelt, sodass man nach einem kurzen Blick auf Horst Mahler sich die Frage erlaubt, woran Beate Zschäpe gerade schreibt. Der ansonsten in der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek beschäftigte Buchrestaurator Matthias Hageböck balanciert einen erstaunlichen Stapel von Mein-Kampf-Ausgaben, Volkan legt ihm noch zwei türkische obendrauf, und natürlich ist auch das ein weiterer Schritt zur Entmystifizierung dieses Buchs mit den Mitteln des Rimini-Theaters.

Geschichtslektion

Ein Tabubruch ist es also wohl nicht, dieses Buch so leichthändig auf der Bühne zu behandeln. Aber was dann? In einer Expertenrunde wurde um die richtige Einschätzung gerungen. Der Jenaer Geschichtsprofessor Norbert Frei kann sich zwar vorstellen, dass demnächst in der U-Bahn jemand ungeniert Mein Kampf liest, aber es gebe trotzdem „keinen Bedarf an Normalisierung“ dieser Art. Gut, da wird in erster Linie akademische Kompetenz verteidigt und den Kollegen mit ihren 1.000 Seiten Kommentar zur Seite gesprungen. Der gewaltige Fußnotenapparat könnte aber unabsichtlich zu einer neuen Mystifizierung beitragen, nämlich zur Idee, man könne das Buch ohne Expertenwissen gar nicht lesen.

Eine „Normalisierung“ muss aber schon stattgefunden haben, meint Helgard Haug, denn vor 15 Jahren wäre ein solches Theaterprojekt noch undenkbar gewesen. Rimini Protokoll hat nicht etwa provoziert, sondern eine halb offene Tür eingerannt. Hitlers Buch, so darf man zusammenfassen, wäre also selbst in einer knalligen „Best-of- Mein-Kampf“-Version nicht mehr so gefährlich, weil dessen Verführungskunst, trotz aller rechten Flügelschläge, heute kaum noch einen Resonanzraum hat in Deutschland. Dazu merkt Volkan an: „Best-of heißt auf Türkisch Hit-ler.“

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06:00 07.10.2015

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