Nach der Flut

Rollenmodelle Wie die Architektur mit dem Klimawandel umgeht

In Graz kann man von einigen Hochhäusern aus direkt in die Alpen gucken. Es heißt sogar, die Häuser seien vor allem ihres verheißungsvollen Fernblickes wegen gebaut worden. Sobald das winterliche Morgenlicht von den Bergen reflektiert einen Ton klarer wird, beginnt man sich hier lebhaft auf das Wochenende zu freuen: Es hat geschneit.

Allein, in diesem Jahr ist alles anders. Schneebedeckte Berge lassen sich selbst vom Flugzeug aus nicht mehr sichten und die traditionelle Eisplastik im Landtagshof - Hauptattraktion der Grazer Weihnachtsmärkte - ist schon vor dem vierten Advent davon geflossen. Unübersehbar zeichnete ihr Tauwasser ein schwarz glänzendes Omen aufs Pflaster, das hierzulande keines weiteren Kommentars bedarf. In Österreich war der Temperaturanstieg in den letzten 150 Jahren dreimal so groß wie im weltweiten Mittel. Jetzt liegt auf der Hand, dass mit dem milden Winter 2006 - 2007 der Ausstieg aus dem Wintertourismus beginnt. Das Ausbleiben von Frost hat die hoch gerüstete Beschneiungsindustrie jäh ad absurdum geführt. Damit die auf der Hälfte aller österreichischen Skipisten zum Kilometerpreis von 650.000 Euro installierten Schneekanonen ihre wohlstandserhaltende Sprüharbeit überhaupt aufnehmen können, braucht es Temperaturen unter minus vier Grad. Die werden offensichtlich nicht mehr erreicht. Während die Täler unter kaltem Nebel erstarren, verwandelt föniges Wetter die höheren Lagen in frühlingshafte Gefilde. ‚Wellness statt Winter´ lautet umgehend der Slogan besonders wendiger Hoteliers. In sieben Minuten vom Bett in den Pool, wird die Werbung aktualisiert, wo früher die nahe Pistenlage verlockte. Semantische Umdeutung wird aber absehbar nicht ausreichen, eine milliardenschwere Branche, die 16 Prozent der österreichischen Wirtschaftskraft ausmacht, nachhaltig zu ersetzen. Schon eine Saison mit Totalausfall sicher geglaubten Schnees wird das Land anhaltend in eine wirtschaftliche Abwärtsbewegung drängen.

Dass der Schnee nicht notwendig zu den Alpen gehört, ist eine jüngere Erkenntnis, die den abtauenden Alpengletschern zu danken ist. Statt des vermutet blank anstehenden Gesteins legte das rückläufige Eis überraschend die Spuren jener Wälder frei, durch die einst Hannibal mit seinen Elefanten in den Norden gezogen sein mag. Ob nun menschlich induziert oder nicht: Es wird ordentlich warm auf dem Dach Europas. Man kann die noch immer strittige Ursachenforschung der Wissenschaftler sogar vernachlässigen, um zu prognostizieren, welche systembedrohlichen Veränderungen im 21. Jahrhundert ins Haus stehen und wie hoch ihr Preis ausfallen wird. Neben der Artenvielfalt der Biosphäre stehen menschliche Zivilisationen, komplexe Lebensformen wie materielle Kulturschätze auf dem Spiel. Den Etsch abwärts etwa steigt die Anzahl der jährlichen Hochwasser so verlässlich, dass die Region Veneto 2003 endlich mit dem Bau eines monumentalen Tiefbauprojekts begonnen hat. Wenn das Projekt MOSE abgeschlossen sein wird, werden 79 hohle Stahltoren die Lagune von Venedig an drei Seiten abschließen. Steigt die Flut um mehr als einen Meter (was mehrmals im Jahr geschieht), werden die Tore mit Luft voll gepumpt und treiben nach oben, um dem Druck des Wassers standzuhalten. Die Serenissima ist ihrer Verletzlichkeit wegen von je her Einladung zur Reflektion der Vergänglichkeit gewesen. Sie ist es auch heute.

Wer sich auf die Suche nach Signalen eines kulturellen Wertewandels begibt, der angesichts der einschneidenden Veränderungen fällig wäre, wird beim Sichten der Beiträge der jüngsten Architekturbienale 2006 in Venedig Stadt und Gesellschaft im 21. Jahrhundert fündig: Allein im amerikanischen Pavillon zeigte sich im Zeichen von Sandsack und Schlauchboot ein unmittelbarer Bezug auf die sich mehrenden Desaster. Neben den überwiegend wachstumstrunkenen, am schieren Phänomen der rasanten Verstädterung berauschten Länderbeiträgen bot sich der offizielle US-Beitrag als ein groteskes Menetekel dar. Unter dem bezeichnenden Titel Nach der Flut hatten die Kuratoren den von Rita und Katrina verwüsteten Golfstädten Louisianas metaphorisch zwar "ein Bauen auf höherem Niveau" versprochen, doch letztlich waren nur allseits bekannte Studiokunststückchen zu sehen. Ein einziger Beitrag sah den Kampf von New Orleans mit dem Wasser realistischerweise als verloren an. New Orleans ist wie Venedig eine Stadt im anhaltenden wirtschaftlichen Niedergang. Die Bevölkerung ist in den letzten 40 Jahren um 150.000 Einwohner geschrumpft, und 28 Prozent lebten schon vor der Flut unter der Armutsgrenze. Vor allem seine Lage unterhalb des Meeresspiegels lässt Wiederaufbaugedanken insofern als absurd erscheinen, da jeglicher baulicher Katastrophenschutz die neue Architektur in einer Weise verteuert, die an den Verhältnissen und Bedürfnissen der bisherigen Bewohner deutlich vorbei geht.

New Orleans ist nichts ohne ihre seit Generationen hier ansässig gewesene Bevölkerung. Die Kommune schöpfte aus dem in den USA einzigartigen sesshaften Milieu überwiegend schwarzer Hafenarbeiter ihre Identität und weltbekannte Vitalität. Da mögen Stararchitekten wie Daniel Libeskind oder das Netzwerk der New Urbanists noch so wortreich über eine "schöner denn je" wieder erstehende Missipimetropole sinnieren, eine realistische Antwort auf das Behausungsproblem der obdachlos gewordenen Überlebenden bleiben sie schuldig.

Statt der intelligenten, schwammartig Regenwasser absorbierenden und Orkanen trotzenden Designerhäuser hat sich dem Besucher der Biennale deshalb vor allem das Bild von tausenden Rettungskisten eingebrannt, die wie weiße Zuckerwürfel auf dem Wasser treiben. Zwei Harvardstudenten haben es entworfen. Ihr Statement lief darauf hinaus, dass - zieht man die Macht der entfesselten Elemente nüchtern ins Kalkül - das immer wieder kommende und gehende Wasser die räumlich-sozialen Verhältnisse jedes Mal neu bestimmt. Die Überlebenden in den Sicherheitsboxen lässt das zurückweichende Wasser nach jeder Katastrophe vor einem neuen Arrangement zurück - und "befreit" sie jedes Mal zu einem neuen Lebensentwurf. Der Entwurf, der mit einem Ehrenpreis honoriert wurde, schockiert durch die Perpetuierung des Lebenskampfes in den Städten am Meer. Er ist als Metapher zwischen findigem Ankerwerfen und geduldigem Geschehenlassen zu lesen. Ein ebenso weises wie menschliches Zukunftsbild. Annehmen und gestalten, was die Natur in ihrer machtvollen Revanche den Menschen noch lässt. "Wenn dir das Leben Limonen gibt, mach Limonade", lautet das zu dieser Art von Situationismus scheinbar passende Motto.

Hinter dem Engagement für New Orleans oder die Erdbebenregion in Kaschmir kann man ein wachsendes Netzwerk von empirisch vorgehenden Gestaltern entdecken, die den Klimawandel, den viele nur als ein unabwendbares Schicksal betrachten, zur grundlegenden Funktion ihres Designs zu erklären. Im Vertrauen auf einen "grünen Kapitalismus" bietet beispielsweise die Greenbildkonference ihre Arbeitsergebnisse in marktförmig organisierten Systemzusammenhängen an. Sie bedienen sich alter entwurfsmethodischer Tugenden der konstruktivistischen und funktionalistischen Moderne -- wie etwa der Vorfertigung - und experimentell-technologischer Innovation. Und kombinieren diese mit Prinzipien der Selbstorganisation von unten. Soll das epochal neue Paradigma aber jenseits der Mittelschichten, die man bisher erreichte, auch den indigenen und Armutsbevölkerungen zugänglich sein, wird man die geltende Geschäftsordnung durchbrechen müssen. Das kann man gerade am Beispiel New Orleans lernen, wo Versicherungen und Banken mit den auf lange Zeit verwüsteten Grundstücken einen horrenden, spekulativen und letztlich vernunftwidrigen Handel treiben. Solange fiktive Buchwerte für Liegenschaften die ultima ratio von Regionalentwicklung sind, bleibt kein Raum für das notwendig experimentelle Agieren lokaler Agenturen und ihre maßgeschneidert kleinen Utopien. Auch noch so gigantische Hochwasserwehren, die altem Denken entsprechen und die viel zu spät in Angriff genommenen wurden, könnten sich letzten Endes ebenso als Fehlinvestition erweisen wie die Armada nutzlos gewordener Schneekanonen in den Alpen. Ehe diese Einsicht aber Kreise zieht, wird vermutlich noch sehr viel Gletscherwasser in die Meere fließen.

Von der Architektur hört man in dieser dringenden Angelegenheit bislang eher wenig Neues - lediglich die Käuflichkeit ihrer Eliten bricht alle historischen Rekorde. Kurz vor Weihnachten haben hoch bedeutende Celebritäten der Profession im Wettbewerb für die "Gazprom-City" in St. Petersburg ein besonders obszönes Symbol für wirtschaftliche Kolonialisierung und Wachstumsapotheose in die Welt gesetzt. Am Ufer der Newa entsteht die Konzernzentrale jenes Unternehmens, das in den Energienöten der nächsten Jahrzehnte ganz Europa seine Preise ebenso diktieren wird wie heute bereits der Ukraine oder Weißrussland. Es ist ein zynisches Gegenstück zu den Überlebensboxen am Golf von Mexiko. Man wird diese Architektur ächten müssen, weil sie der am eigenen Energiehunger erpressbar gewordenen Welt Kapital entzieht und gestalterische und konstruktive Intelligenz korrumpiert. Besser als der Blogger Jochen Hunger auf visionville.com kann man der "Mutter der Künste" deshalb die Diagnose nicht stellen: "Die Architektur macht Werbung, sie legt Geld an, trägt sich wie eine hermelinbesetzte Königsrobe von Dolce Gabbana, und sie sagt aus der Hand die Zukunft voraus. Sie schreibt Bücher über die Naturwissenschaften und Soziologie und sie programmiert einen Gameboy für die Kleinen. So mächtig ist dieses Werkzeug. Und so in Auflösung begriffen." Fast wie Gletschereis in den Alpen.


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