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Diskurskarriere Wie der bildungstheoretische Neusprech zu einem Steuerungsmedium für die Personalauswahl geworden ist

Die deutschen Bildungsanstalten werden seit nunmehr einem halben Jahrzehnt mit bisher nicht absehbarem Ende durch eine alles erfassende Diskursmaschine gedreht, die mit Begriffen aus der Welt der Kompetenzen, Standards und Evaluationen geölt ist. Wer nicht rechtzeitig von der Sprache der Lernziele auf die der Kompetenzen umschaltet, gerät früher oder später zwangsläufig ins Abseits. Wen Zweifel daran beschleichen, ob etwa soziale Kompetenzen von der gesteigerten „Selbstkompetenz“ begrifflich klar abgegrenzt sind, kann diese Zweifel zwar äußern, letztlich werden Diskursverweigerer aber erfahren, wie sie unmerklich aus dem Zentrum des Geschehens hinausmanövriert werden und wie andere ihren Platz übernehmen, die eleganter im neuen Sprachfluss mitschwimmen. Bei Bewerbungen ist die Liste von Fortbildungsveranstaltungen längst, gegenüber den früher im öffentlichen Dienst vorrangigen Kriterien der Fachkompetenz und der Sekundärtugenden, an die erste Stelle gerückt.

Vor Jahren hätte sich eine Biologin selbstverständlich im neuen Fachgebiet der Neurobiologie und der Hirnforschung fortgebildet und Gesellschaftswissenschaftler wollten wissen, ob an der allseits grassierenden Globalisierung mehr dran ist als an der altbekannten Inter- oder gar Transnationalisierung. Gewiss gibt es auch heute noch fachliche Fortbildungen, und doch spüren viele, dass sich ein Zertifikat in Selbstmanagement irgendwie noch schicker im persönlichen Portfolio macht. Und wie klingt das doch gleich besser, als wenn einfach nur die Frage besprochen werden würde, ob man seine Arbeiten termingerecht abliefert oder seinen Schreibtisch aufräumt.

Ob das Fußvolk zur Teambildung angeregt werden soll, ob die mittlere Führungsebene einer Bildungsanstalt ihre Kommunikationsprozesse optimieren und evaluieren soll, oder ob der Inner Circle des Managements sich in Fragen der Bewertung von Leistungen von einer bewährten Fortbildungsteamerin coachen lässt, – merkwürdigerweise begegnen alle Beteiligten immer wieder denselben Methoden. Diese sind auf den ersten Blick so merkwürdig inhaltsleer, weil universell anwendbar; sie schleichen sich von seitwärts an, tun ganz unschuldig, eben weil sie nicht moralisch, nicht befehlsförmig oder vorschreibend, praktisch voraussetzungslos und gegen jeden Inhalt, jede Ideologie und jedes politische Ziel neutral zu sein scheinen. Im Gegenteil geben sie aber, wovon schon Marx in anderem Zusammenhang schrieb, die Macht von Personen an Sachen ab: die Bewertung des Ergebnisses der letzten Arbeitsphase erscheint so objektiv wie unanfechtbar als Häufung roter Punkte auf einem Blatt, in dem sich alle irgendwie wiedererkennen, die einen Punkt irgendwohin geklebt haben. Wie dem auch sei, fest steht, wer vor einem beliebigen Publikum souverän mit Flipcharts, Pinnwänden, Bepunktungen, Doppelkreisen oder sonstigen in Fortbildungen erworbenen Methoden jonglieren kann, hat schon einmal die Nase vorn.

Die Macht der Kohortensprache

Andere haben die Nase voll. Da gibt es gestandene Lehrerinnen und Lehrer, die über Jahrzehnte erfolgreich gearbeitet haben – das war zumindest der allgemeine Eindruck –, die, kaum werden auf einer Konferenz die blassbunten Kärtchen verteilt und die dazugehörigen massiven Stifte, ein schwer zu erklärendes körperliches Unwohlsein überfällt. Unbeherrschte murmeln etwas von „Fortbildungswichsern“ und können den Griff zur noch zu korrigierenden Klassenarbeit nur schwer unterdrücken. Man weiß von Fällen, wo solche Mitarbeiter dann die Anstalt gewechselt haben und in einer anderen mit geringerer Fortbildungsdichte auf einmal vor Aktivität, Verantwortungsübernahme und kooperativer Kompetenz nur so explodieren. Kurzum, es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass der elaborierte Code von Qualitätsmanagements, Teambildungsprozessen, Prozess-Coachings, Steuerungsgruppen und Evaluationen mittlerweile insgesamt zu einem Steuerungsmedium für Personalauswahl und Karrieren geworden ist.

An sich ist es noch nichts Besonderes, dass Neuerungen in verschiedenen Lebensbereichen mit neuen Begriffen einhergehen, die alte mit der Zeit verdrängen. Jede Zeit hat ihre Philosophie, wie das Denken heute großspurig genannt wird, und in der Wirtschaft oder in der Medizin oder wo auch immer werden alte Lehren von neuen abgesetzt. Mit solchen Verdrängungsprozessen gehen häufig Personalwechsel einher. Allerdings bedeutet es schon einen Unterschied, ob solche Reformen im sachorientierten Meinungsstreit durchgesetzt werden, so dass hernach alle Beteiligten wissen können, aufgrund welcher Entscheidungen und mit welchen Folgen das Neue betrieben wird und neue Leute an die Schalthebel gelangt und alte zurückgetreten sind, oder ob sich Generationswechsel in einem eher informellen Prozess durchsetzen, der sich anderer Medien als des rationalen Diskurses bedient. Bildungswelten im weitesten Sinne scheinen dafür paradoxerweise am ehesten anfällig zu sein. Und in dem Maße, wie Bildung nicht mehr als einmal gehobener Schatz verstanden wird, sondern als permanenter Prozess, wie Bildung sich also nur in ständiger Fortbildung begreift, kommt den in Fort- und Weiterbildungen üblichen Sprachen eine besondere gesellschaftliche Bedeutung zu.

Zum Beispiel die Hermeneutik

An den Universitäten kennt man das Phänomen schon lange. Da kann einer eine noch so interessante Sache betreiben, wenn es ihm nicht gelingt, den Forschungsantrag mit dem entsprechenden Projektdesign zu versehen und sich der gutachteradäquaten Sprache zu bedienen, werden Andere den Zuschlag bekommen. Im akademischen Milieu sind es immer schon Kohortensprachen, die wie ein Stallgeruch funktionieren und selektieren. Die Sprache der Standards und der Erfolgsmessungen stammt, wie bekannt, aus den amerikanischen Unternehmenskulturen. Hier haben sie, nach den organisationssoziologischen Ansätzen der sechziger bis achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, die ihren Erfolg aus der Enthierarchisierung veralteter Führungsstrukturen gewannen, der Tatsache Rechnung getragen, dass, nach dem Ende der industriellen Massenproduktion und angesichts absehbarer Ressourcenerschöpfung, die Arbeitskraft selbst, das Personal den einzig verbleibenden Spielraum zur Produktivitätssteigerung bietet. Die Formierung der Arbeitskraft in all ihren Dimensionen, die Manipulation von Haltungen und Einstellungen, die Entfesselung von „zurückgehaltenen“ Ressourcen des Personals treibt seit zwei Jahrzehnten die Personal- und Managerschulungen der Konzerne.

Ob die von den Global Players entwickelten Verfahren und Sprachen etwa zur Schule passen, ist kaum öffentlich diskutiert worden. Eins ist sicher: Wie die amerikanischen Konzernleitungen das neue Instrumentarium nutzten, um ihre Belegschaften, insbesondere das Management, globalisierungsreif zu schleifen, so bildet der neue methodische Diskurs der Prozesssteuerung das Milieu, in dem es dem leitenden Personal der Bildungsanstalten gelingen soll, die Kollegien, ja, – letztlich die ganze Bildungsklasse umzustrukturieren. Institutionelle Sprachen bestimmen Karrieren und schaffen sich ihre sozialen Milieus. Das ist als solches nicht neu. Die Hermeneutik etwa, bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein die in den Geisteswissenschaften einflussreichste Denkströmung, ließ sich immer schon als Diskurs des Bildungsbürgertums interpretieren. Verschiedene Schichten und Eliten schaffen immer wieder durch ihr „kulturelles Kapital“ Distanz im Klassen- und Machtgefüge und halten, wenn auch nur für eine Weile, die Kanäle frei für eigenes Fortkommen.

Um Missverständnisse zu vermeiden, muss hinzugefügt werden, dass diese Einsicht weder die Richtigkeit noch die Falschheit der karrierebestimmenden Diskurse beweist. Die absolute Monarchie hat nicht gegen ihr, sondern mit ihrem Hofzeremoniell eine spezifische historische Produktivität entfaltet, wie es das Bildungsbürgertum zu seiner Zeit mit seinen für manche unerträglichen Geheimcodes auch tat. In diesem Sinne ist zweifellos an den aus den Managerschulungen in die deutschen Bildungswelten überkommenen Diskursen auch „etwas dran“, und die Ressentiments dagegen verweisen eher auf die Verteidigung eines nicht weniger zweifelhaften Status-quo-ante als auf die Sinn- oder Wirkungslosigkeit der neuen Diskurse. Wenn allerdings nicht nur Diskurse Karriere machen, sondern Karrieren mittels neuer Diskurse gemacht werden, dann muss für die neuen Fortbildungssprachen dieselbe Forderung erhoben werden, die auch für andere Herrschaftsdiskurse erhoben wird: Wie der Absolutismus in der Souveränitätslehre eine so verständliche wie kritisierbare Selbstauskunft geliefert hat, wie die Hermeneutik als Selbstverständigung des Bildungsbürgertums gegengelesen werden kann, so müssten die neuen Karrierediskurse ihre Metatheorie liefern und somit aus der bequemen Mulde informeller Machtentfaltung heraustreten. Erst dann könnte überprüft werden, ob nicht nur ein paar Menschen Karriere gemacht haben, sondern die Menschheit mit Kompetenz, Standardisierung und Evaluation weitergekommen ist.

Wieland Elfferding arbeitet als Lehrer an einer Berliner Gesamtschule. Er ist Autor und Herausgeber von Büchern zu gesellschaftspolitischen sowie kulturphilosophischen Themen

17:00 08.01.2011

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