Nach wie vor geht man bei Rot über die Straße ...

MOMENTAUFNAHME, IM DEZEMBER 2001 Eine Wiederbegegnung mit Russland nach zehn Jahren - es gibt ein Oben und ein Unten und dazwischen nichts

Zeit und Raum erschienen dem Ortsfremden schon immer als Einheiten, die hier anders funktionieren. Daran hat sich auch im Dezember 2001, da ich nach einer Unterbrechung von genau zehn Jahren wieder in Moskau bin, nichts geändert. Auf den ersten Blick jedoch wirken die Stadt und ihre Menschen sehr verändert. Unübersehbar sind die äußeren Zeichen der "neuen Zeit" - die Insignien der westlichen Konsumwelt, von Coca Cola über Nescafé bis Mercedes und IBM, aufdringlich und marktschreierisch, nicht nur auf den im Zentrum renovierten, ansonsten meist vernachlässigten Häuserfassaden. Sie prangen auch auf eigens errichteten, riesigen Aufstellern und sind das sichtbarste Zeichen einer "Modernisierung", wie die hier von vielen unverhüllt brutale Kapitalisierung genannt wird.

"Moskau ist anders", wirbt Aeroflot selbstgewiss und ungewollt doppelbödig So wird der westliche Besucher auf dem Flugplatz Scheremetjewo zwar mit modernen Bistros konfrontiert, jedoch muss er sich wie früher umständlich und ungebührlich lange durch zwei enge Kontrollbuchten zur Passkontrolle zwängen. Personal läuft zwar reichlich herum, doch die anderen Passagen bleiben unbesetzt.

...und sei es das letzte Hemd

Die Stadt, deren riesige Ausmaße sich bei der Autofahrt vom Flugplatz im Norden bis ins Zentrum hinein nur ahnen lassen, von deren unerschöpflichen Menschenmassen man sich aber täglich in der Metro ein anschauliches Bild machen kann, wirkt wie ein gewaltiger Moloch, der sich ächzend und stöhnend mit äußerster Anstrengung aufrecht zu halten sucht. Allgegenwärtige Wechselstuben - zum Teil in schäbigstem Zustand, aber bewacht von Miliz - lassen keinen Zweifel, dass der Dollar hier die eigentliche Währung ist, obwohl man in Geschäften ausschließlich mit Rubel zahlen muss. Dies gehört zu den vielen surrealen Dingen, die einem sofort auffallen. Um das nach mehrfacher Rubelabwertung große Misstrauen der Bevölkerung zu kompensieren, scheint das Tolerieren von Devisenbesitz eine konziliante Geste der Behörden zu sein, die sich ansonsten nicht sonderlich eifrig um die Belange der Menschen kümmern.

Bei einer Arbeitslosenquote von in Moskau offiziell zehn Prozent, die aber tatsächlich weit höher liegen dürfte, sieht sich die Masse der Bevölkerung auf abschüssiger Bahn, da gibt es nur ein Oben und Unten, und dazwischen so gut wie nichts. Sichtbarer Verelendung ausgesetzt sind alle jene, die ohne Dollar überleben müssen: Alte mit Renten um 200 Rubel (ungefähr neun Euro), Familien mit Kindern, Kranke und Invaliden, nicht nur Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg, auch die Gezeichneten der Kaukasus-Feldzüge seit 1994. Ins Auge springende Folgen dieser Not sind nicht nur ungezählte Bettler, dazu gehört auch die kaum übersehbar Schar von Kleinsthändler, die auf den Straßen, an der Metro, auf Plätzen mit allem und jedem zu handeln suchen, und sei es das letzte Hemd. Die früher oft spürbare russische Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit scheinen einer apathischen, depressiven Stimmung gewichen, die sich - egal ob man nach einer Straße oder einer Buslinie fragt, in einer stereotypen, abwehrenden Antwort entlädt: "Nje snaju" - "Ich weiß nicht". Früher undenkbar.

In der Metro, von jeher ein Schmelztiegel dieser Gesellschaft, hat die Fahrgemeinde der erwähnten "Modernisierung" ihren Tribut zollen müssen. Traf man hier früher alle sozialen Schichten und alle Generationen, so dominieren jetzt die zur Arbeit eilenden Russinnen und Russen mittleren und jüngeren Alters, zuweilen Managertypen mit Laptop und Handy. Fiel einem hier früher viel mangelhaftes Schuhwerk ins Auge, strahlt dem Beobachter heute feines Markenleder entgegen. War noch vor zehn Jahren in den ausladenden Waggons die Lektüre von Büchern und Zeitungen üblich, so herrscht jetzt ein allgemeines Schlafen und Dösen vor. Kaum Gespräche, vom surrenden Fahrgeräusch unterlegt. Auch kaum noch Nicht-Russen, wo doch einst gerade in der Metro der Viel-Völker-Staat Flagge zeigte.

Als Neuheit auf Moskaus Straßen verkehren private Minibusse, die für wenig Geld schneller und bequemer sind als die klapprigen und uralten Trolley-Vehikel. Sie sind wohl die Ursache dafür, dass man die früher so verbreiteten und billigen Taxis kaum noch sieht und stattdessen inzwischen fast jedes Privatauto nebenher als Taxi fungiert.

Kopftücher und Kittelschürzen

Auch im Zentrum, auf der Twerskaja, die früher Gorkistraße hieß - mir vor allem bekannt durch das Hotel Lux, Quartier der Kommunistischen Internationale (KI) und Ort vieler Tragödien während des Stalinismus gleich neben dem berühmten Delikatessengeschäft Jelissejewkij - ist die "Modernisierung" unübersehbar: Nobelrestaurants und Geschäfte, in denen gähnende Leere herrscht. Italiens und Frankreichs Mode-Designer warten hier vergeblich auf Kundschaft, die nur aus den neuen russischen Reichen bestehen könnte. Die ziehen es jedoch ganz offensichtlich vor, gleich im Ausland zu kaufen. Hier spätestens stellt sich bei mir das ungute, den gesamten Aufenthalt überschattende Gefühl ein, das im Wahrnehmen des latenten Zynismus dieser Stadt zwischen Nobelrestaurants und Luxus-Boutiquen auf der einen, und Verfall, Depravation und Elend auf der anderen Seite gründet.

Man passiert Kunstwelten, etwa in der neugebauten, unterirdischen Passage Ochotnyj Rjad, in der die Bodyguards gelangweilt die wenigen Flaneure taxieren. Auch das früher eher volkstümliche GUM ist zu einem saturierten Konsumtempel degeneriert, aus dem man schnell wieder entweicht. Schwer zu finden sind normale russische Restaurant - es dominieren Bistros und Fast-Food-Ketten fürchterlichster Art mit dennoch enormen Preisen.

Zum Glück gibt es untrügliche Anzeichen, die darauf hindeuten, wie sehr unter diesem künstlich aufgepfropftem Lebensstil die russische Lebensart ungebrochen bleibt. Zum Beispiel in Gestalt der nach wie vor gefragten und viel beschäftigten Sonnenblumenkerneverkäufer oder der stark frequentierten, in leuchtend gelber Farbe prangenden Kwass-Fässer - in Form der seit vorrevolutionären Zeiten bewährten, meist in den Händen von alten Frauen betätigten Reisigbesen oder der auf den Straßen angebotenen wohlschmeckenden Piroggen und Pasteten, der Kopftücher und Kittelschürzen der Frauen sowie der allbekannten Schirmmützen der Männer, die früher beliebtes Mitbringsel waren. Nach wie vor gehen die Moskauer auch stets bei Rot über die gefährlich breiten Straßen.

"Heißes Brot" rund um die Uhr

Als auffällig nehme ich die unzähligen Blumenstände wahr, deren reiches Angebot - wegen der extrem hohen Preise - mehr bestaunt als genutzt wird. Dieses Phänomen lässt mich über die russische Seele nachdenken. Braucht sie den Kontrast der schönen, zum Teil exotischen, von weit her eingeflogenen Blumen, um die Misere des Alltags zu vergessen? Oder sind es Rudimente einer russischen Galanterie aus vergangenen Zeiten? Jenseits der obligaten roten Nelken? Ich stelle mir die Frage, wo die vielen unverkauften Blumen bleiben, denn am nächsten Morgen werden wieder große Mengen unterschiedlichster Sorten sorgfältig in Behältern arrangiert und verleihen dem tristen Straßenmilieu einen unverhofft märchenhaften Anstrich.

So auch an der Ecke der Oktjabrskaja, in der für drei Wochen nicht weit vom Bjelorussischen Bahnhof mein Zuhause liegt. Eine ganz normale Moskauer Straße, die aufschlussreiche Einblicke in den hiesigen Alltag erlaubt. Deutlich einfacher und besser kann man jetzt einkaufen. Es gibt auch alles, einschließlich der westlichen Produkte, deren Preise jedoch von normalen Russen nicht bezahlt werden können. Billig sind lediglich die Grundnahrungsmittel wie Brot, Milch, Gemüse und die unverändert gut schmeckende Smetana. Eine Bäckerei bietet "heißes Brot" rund um die Uhr. Den Eingang dieser Straße beherrscht eine Hunde-Troika, die auf dem großen Areal einer stillgelegten Fabrikanlage ihr Domizil aufgeschlagen hat. Inmitten von umherliegenden, vor sich hinrostenden Geräten und diversen Containern, an denen zu erkennen ist, dass sie den aus der Noch-DDR abziehenden russischen Armeeangehörigen zum Transport ihrer Habe zur Verfügung gestellt wurden, fristen diese Tiere ihr wildes Straßenleben. Leicht traurigen Blicks, jedoch eher freundlich gesonnen, da sie von den Anwohnern - noch immer sind die Moskauer tierlieb - mit allem entbehrlichen Fressbaren versorgt werden.

Mir scheint diese Unbehaustheit fast ein symbolisches Pendant zu der ebenfalls aus allen gewohnten Bahnen geworfenen Moskauer Bevölkerung. Nicht weit von hier, inmitten der Stadt, fällt eine riesige leerstehende, großflächige Industrieanlage mit marodem Maschinenpark auf. So wie hier der Sitz des einst allmächtigen Prawda-Imperiums künden ähnliche Fabrik-Ruinen von den Umbrüchen des vergangenen Jahrezehnts und vom Fehlen der westlichen Investoren.

Im Unterschied zu früher sind Theaterkarten heute in Moskau ohne Probleme zu bekommen. Die glänzende Marat-Premiere in Ljubimows Tanganka-Theater in Anwesenheit des Regisseurs und eine Vorstellung im Lenkom von Mystifikationen nach Szenen aus Gogols Toten Seelen, beide Vorstellungen ausverkauft trotz beachtlicher Kartenpreise, das spricht für eine alte Theaterleidenschaft.

Der seit dem Ende des Sowjetimperiums erfolgte Bildersturm hat viele öffentliche Plätze ihrer Wahrzeichen beraubt. Es fand eine enorme Entsorgung von Geschichte statt. Wo sind all diese Denkmäler geblieben? Die Moskauer haben für dieses Problem eine originelle Lösung gefunden. Gegenüber dem legendären Gorki-Park in der Nähe der Metro Oktjabrskaja, im Park der Künste neben der Neuen Tretjakow Galerie, wurde ein sogenanntes Statuen-Areal eingerichtet, das vom Staat erhalten wird. Hier findet man in trautem Beieinander eine Menge der demontierten Denkmäler, dazu zeitgenössische Skulpturen und andere Kunstwerke Moskauer Künstler von zum Teil beachtlicher Originalität. Die bekannte Stalin-Skulptur von Merkurow (1938) thront hier in Feldherrenpose auf ihrem Sockel vor dem Halbrund einer vergitterter Mauer, in der Steine aus verschiedenen Gulags eng übereinander gestapelt sind. Auch diverse "neue Menschen", die heroischen Arbeiter- und Bauern-Gestalten von Muchina und anderen sind hier zu bewundern. Ganz zu schweigen von Felix Djzerschinski, den vielen Lenins, Stalins, Breschnews ...

Von diesem Gelände aus ist das neue Wahrzeichen von Moskau besonders gut zu sehen: das überdimensionale Denkmal Peters I., dessen riesige Figur das neue, moderne Russland symbolisieren soll. In höchst naturalistischer Manier von Zurab Zereteli für viele Millionen errichtet, scheint dies ein vergeblicher Versuch neuer Identitätsstiftung, der die meisten Moskauer schon wegen der Tatsache, dass es eben dieser Peter I. war, der Moskau 1713 den Hauptstadtrang absprach, kalt lässt. Aber für diesen Herrscher sprechen natürlich seine Reformen, die das Ziel hatten, Russland das "Fenster zum Westen" zu öffnen, denn darum geht es ja heute unter Wladimir Putin auch.

Das Zurück in die vorrevolutionäre Geschichte ist allgegenwärtig: Vor allem in der 1997 wieder errichteten Christi-Erlöser-Kathedrale an dem Platz, den Stalin 1931 für den geplanten Sowjetpalast vorgesehen hatte. Auch andere Kirchen wurden wiederaufgebaut oder rekonstruiert. Neu ist auch seit 1995 vor dem Historischen Museum eine riesige Skulptur des reitenden Marschall Shukow - wohl der Versuch, dem Abriss der Stalin und Lenin eine neue Autorität entgegenzusetzen. Die zwei als Marx und Lenin kostümierten Figuren am Aufgang zum Roten Platz fallen nur wenigen auf ..

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00:00 04.01.2002

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