Nachbarn im Bild

Protestszenen Zwei Filme über Flüchtlingspolitik und Mietpreise in Berlin
| Ausgabe 19/2014

Man kann sich über Sinn und Zweck von Demonstrationen lange den Kopf zerbrechen. In Berlin tut man das derzeit vor allem im Rahmen einiger Stadtproteste. Denn es wird schwieriger, diese als Formen von Öffentlichkeit zu verstehen, wenn 500 Menschen bei einer Kiezdemo gegen Zwangsräumungen von ebenso vielen Polizisten eskortiert werden. Oder wenn nach der Räumung des Flüchtlingscamps am Oranienplatz die Refugees zu einer Solidaritätsdemonstration aufrufen, um durch die Straße geschleust zu werden wie eine abendliche 1. Mai-Demonstration. An jeder Querstraße zwei Mannschaftswagen, damit Außenstehende nicht einmal mehr auf die Idee kommen, einen Blick zu riskieren.

Zwei Filme versuchen jetzt, in ausgewählten Kinos und vielleicht auf kommenden Festivals Einblicke in ein scheinbar höchstgefährliches Milieu zu ermöglichen. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Mietrebellen heißt der eine, der sich in eine Reihe von Filmen fügt, die zeigen, wie aus Mieterinnen Aktivistinnen werden – und einen neuen Begriff findet, um diese Unterscheidung aufzuheben. Anders als in dem mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm Betongold, in dem die Filmemacherin Katrin Rothe am Beispiel der eigenen Wohnung geduldig dokumentiert, „wie die Finanzkrise in mein Wohnzimmer kam“, setzen Gertrud Schulte und Matthias Coers in Mietrebellen auf den Menschen in der Revolte.

Der Film kombiniert verschiedene Protestszenen mit Mietrebellen-Besprechungen. Das führt zu latenter Überforderung, denn in den knapp 60 Minuten sprechen gefühlt ebenso viele Menschen in die Kamera. Sei es am Rande einer Demonstration oder Zwangsräumung, aber auch, und das sind die interessantesten Momente, in einer Seniorenwohnanlage, deren Bewohnerinnen als „Palisaden-Panther“ eine drastische Mieterhöhung verhindern konnten. Verständlich wird dadurch, dass viele betroffen sind, allerdings nicht so richtig, wovon. Ein wenig mehr Ruhe und erklärte Zusammenhänge hätten dem Film gutgetan.

Ganz anders der Film Insel 36 über das mittlerweile geräumte Flüchtlingscamp am Oranienplatz. Im Zentrum des ersten langen Dokumentarfilms der Regisseurin Asli Özarslan steht Napuli Paul Langa, die im Sudan gefoltert wurde und in Deutschland auf ein neues Leben hoffte. In den Boulevardzeitungen wurde die 25-Jährige als „Frau im Baum“ bekannt, weil sie aus Protest gegen die Räumung des Camps fünf Tage lang auf einem Baum ausharrte.

Insel 36 beginnt ebenfalls mit einer Protestszene. Im Gegensatz zu den Demonstrationen in Mietrebellen sind es hier nicht Tausende Menschen auf der Straße, sondern zehn, die vor dem Oranienplatz stehen und in den Berliner Winter rufen. Später werden sie eine Bustour in die umzäunten und bewachten Gemeinschaftsunterkünfte machen, und spätestens dann wird klar, warum schon dieses Camp ein Stück Freiheit bedeutet hat.

Die Kamera ist dabei und beobachtet. Sie zeigt Napuli Paul Langa, die einzige Frau im Camp, wie sie Neuankömmlinge willkommen heißt oder einen Bewohner beim Wasserholen am Hydranten um die Ecke begleitet. Wenn man in Deutschland nicht gewollt ist, ist der Alltag schon Protest. „Lerne deine Nachbarn kennen“, lautet die Botschaft der Mietrebellen. Insel 36 zeigt, wie das Medium Film damit einen Anfang machen könnte.

Mietrebellen ist demnächst in Hamburg und Berlin zu sehen ( mietrebellen.de ). Über Insel 36, bislang nur als Teampremiere aufgeführt, informiert: insel36.de

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare