Nachdenken über Christa Th.

BERLINER SPARKORSETT Die Kultursenatorin orientiert sich an Schinkel

Wir brauchen mehr Mäzene" hat die neue Berliner Kultursenatorin Christa Thoben dieser Tage seufzend vor Parteifreunden und Sympathisanten aus der hauptstädtischen Kunstszene gesagt. Sie saß im sogenannten BKA-Zelt am Schlossplatz, das nicht aus Wiesbaden gesponsert ist, und teilte mit, dass ihr Amt "die schönste Aufgabe ist, die es in Berlin zu verleihen gibt." Es sei ein Zwölfer im Lotto, Senatorin zu sein. Unklar bleibt, ob die Politikerin, die zuvor im Bundesbauministerium gearbeitet hat, zwei Sechser im Lotto meint oder zwölf Richtige im Fußballtoto. Alles eine Frage der Quote. Oder letztendlich das Eingeständnis, dass ohne Geld in Berlins Kulturpolitik gar nichts mehr läuft. Sparkurs ist angesagt. Aber woher nehmen? Die Kultursenatorin holt sich Trost beim berühmten Baumeister Karl Friedrich Schinkel, dem die Stadt viele schöne Bauten wie das Alte Museum oder die Friedrichwerdersche Kirche verdankt. Er habe so wunderbare Sachen gebaut, "und immer wurde sein Etat zusammengestrichen." Es dürfte fraglich sein, ob sich die reiche Berliner Kunstlandschaft, der es am Geld mangelt, dieser ökonomiehistorischen Harmonisierung anschließt. Die Wunschformel der Kultursenatorin lautet deshalb: Kulturelle Spitzenleistungen ja. Aber möglichst ohne Geld. Zu diesem Zweck hat die Politikerin, der man die Ernsthaftigkeit ihrer Absichten durchaus abnimmt, Anleihen bei ihrem gescheiterten Vorgänger Radunski genommen. Nach wie vor ist die Zusammenlegung der drei Ballett-Truppen der Berliner Opernhäuser zu einem sogenannten Berlin-Ballett für den

1. Januar 2001 vorgesehen. Die Ensembles werden es mit Schaudern hören. Weshalb sich auch sofort Widerspruch aus dem Auditorium am Schlossplatz regte, wenn auch in recht seltsamer und für den Westen der Stadt typischer Form. Die Balletts im Osten und das Westen seien deshalb nicht kompatibel, weil die einen in russischer und die anderen in westlicher Weise ausgebildet worden seien.

Aber derlei Probleme sind Petitessen anlässlich der noch immer drohenden Schließung großer Häuser, obwohl die Senatorin das Versprechen abgab:"Ich möchte nichts schließen". Es muss kein Manko sein, dass sie ihr Ziel auf recht utilitaristische Weise erreichen will, beispielsweise durch die Kooperation kleiner Bühnen wie dem Hebbeltheater, dem Podewil und dem Theater am Halleschen Ufer. Überhaupt hat es den Anschein, dass es in nächster Zeit vor allem den freien Kulturinstitutionen an den Kragen geht. Obwohl man sich fragt, was da eigentlich noch zu holen ist. Bei ihrem Auftritt im BKA-Zelt vermied die Senatorin jegliches öffentliches Nachdenken über ihre Zusammenarbeit mit dem Staatsminister für Kultur Michael Naumann (SPD), der ein nicht nur finanzielles Mitspracherecht an der Berliner Kulturpolitik eingefordert hat. Wahrscheinlich wäre es nützlich, wenn beide Seiten zusammenarbeiten würden, um Berlin eine neue kulturelle Rolle zu geben, die das jeweilige Funktionsverständnis der beiden Hälften (Schaufenster der Freiheit Westberlin, sozialistisches Interpretationsdmodell Ostberlin) neu definiert.

"Unsere Gesellschaft braucht alle Anregungen aus der Kulturszene", beschreibt Christa Thoben die momentane kritische Situation und erinnert dabei ein bisschen an Erich Honecker, der einst die Weite und Vielfalt der Kultur beschwor, ohne genau zu sagen, was er damit meinte. Die Kultursenatorin dirigiert das Ganze erst einmal mit dem Rotstift als Taktstock. Wenn sie es klug anstellt, könnte sie sogar mehr Erfolg haben als Peter Radunski, der seinen Laden vor allem mit uneingelösten Versprechnungen zusammenhalten wollte und prompt scheiterte. Ihr Verweis auf Schinkel ist allerdings problematisch. Schließlich hat es die Stadt nicht einmal in zehn Jahren geschafft, die einst durch die DDR abgerisse Bauakademie, den schönsten Bau des genialen Architekten, wiederherzustellen. Derweil wird heftig über die Wiedererrichtung des Hohenzollernschlosses, an dessen Stelle jetzt das nette Zelt steht, debattiert. Angesichts des Zeitlupentempos bei der Bauakademie kann man davon ausgehen, dass der geplante Wiederaufbau des bedeutendsten Profanbaus nördlich der Alpen auf Jahrzehnte ein Diskussionsluftschloss bleiben wird. Das ist tröstlich in einer Zeit, in der auch die Kultursenatorin deutlich machte, dass sie keine Visionen für ihr Amt hat. Deshalb dürfte viel davon abhängen, wer ihre Berater sind.

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00:00 04.02.2000

Ausgabe 41/2021

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