Nachhilfeunterricht

Hoher Besuch Dem UN-Sonderbeauftragten für Bildung wurden keine typischen Beispiele für deutschen Schulalltag gezeigt - das wusste er

Nein, in der einen Woche seines Besuchs hat der Sonderberichterstatter der UNO bestimmt kein repräsentatives Bild vom deutschen Schulsystem bekommen. Mit diesem Einwand wehren sich die Kultusminister etwa aus Hessen und Bayern gegen die Analyse des costa-ricanischen Rechtsprofessors Vernor Muñoz. In Nordrhein-Westfalen hat ihm das CDU-geführte Schulministerium zwei Schulen präsentiert: Die von einer Initiative gegründete Roma-Schule in Köln, die schon erstaunliche Erfolge bei der Integration von als "Klau-Kinder" bezeichneten jungen Roma-Einwanderern aus Ost-Europa hat, und die Gesamtschule in Bonn-Beuel. In dieser Lehranstalt werden Kinder mit Sonderschulbedarf in den normalen Unterricht integriert, hier werden Kinder aus 25 Nationen unterrichtet. Und in den 20 Jahren haben über 4.000 Kinder die Schule verlassen, und davon ganze acht ohne einen Abschluss. Im Durchschnitt bleiben in Deutschland zehn Prozent der Kinder ohne Abschluss, bei denen mit nichtdeutscher Muttersprache sind es 20 Prozent.

Sonst hält die CDU-Landesregierung die Gesamtschulen ja nicht gerade für die Leuchttürme ihres Schulsystems, sondern möchte sie so schnell wie möglich den Hauptschulen gleichstellen. Doch dem ausländischen Gast wollte man lieber diese nordrhein-westfälischen Beispiele zeigen als stinknormale Hauptschulen, in denen Migrantenkinder ja so hervorragend gefördert werden, oder Gymnasien, die allen Kindern so große Entwicklungsmöglichkeiten bieten.

In Bonn-Beuel übernahmen Schülerinnen aus dem Spanisch-Kurs die Führung des UN-Abgesandten. Der zeigte sich beeindruckt. Und er wusste, dass er kein repräsentatives Bild deutscher Schulwirklichkeit zu sehen bekam. Hinterher in der Diskussion mit dem Schulleiter und dem CDU-Staatssekretär aus dem NRW-Schulministerium, Günter Winands, ließ er sich das Für und Wider von Gesamtschulen und dem gegliederten Schulsystem erklären. Wie denn die Lehrer mit ihrer Verantwortung fertig würden, schon mit zehn Jahren die Kinder zu selektieren, fragte er.

Das Resumée, das Muñoz am vergangenen Dienstag vor der Bundespressekonferenz zog, ließ an Deutlichkeit eigentlich nichts zu wünschen übrig: Da gebe es Bundesländer, die 3.800 Euro im Jahr für einen Schüler ausgeben, und andere, die 6.300 Euro aufwenden - wie könne da noch die Gleichheit der Lebensverhältnisse gewährleistet sein? 16 verschiedene Schulsysteme gebe es mittlerweile - vom zweigliedrigen bis zum viergliedrigen - behindert das nicht die Mobilität im Lande? Soziale Armut sei mit Bildungsarmut verknüpft - die Kinder der 1,5 Millionen Armen hätten kaum eine Chance, dem Schicksal ihrer Familien durch bessere Bildung zu entkommen. Die Ursache dafür sieht er in der frühen Selektion, in der Regel bei Kindern mit zehn Jahren nach Abschluss der vierten Klasse. Und 44 Prozent der Zuweisungen durch die Grundschule erwiesen sich als falsch - Muñoz hatte sich gründlich vorbereitet und auch die IGLU-Studie gelesen, den internationalen Grundschulvergleich. In der sozialen Selektivität und der Benachteiligung der Migrantenkinder sieht er die größten Herausforderungen für das deutsche Schulsystem.

Ein Menschenrechtsproblem? Jedes Kind habe das Recht auf die volle Entfaltung seines Potenzials. Doch hierzulande stehe nicht das Entwicklungspotenzial der Kinder im Mittelpunkt, sondern die Vorgabe des Schulsystems. Muñoz´ Empfehlung: Man solle doch unter diesem Gesichtspunkt auch einmal über die Schulstruktur diskutieren.

Vier Empfehlungen gab der UN-Berichterstatter, darunter auch die, mit der frühen Selektion Schluss zu machen. In einem weiteren Punkt mahnte er die Kinderrechte an: In Deutschland werden 16-jährige Einwanderer, Flüchtlinge und Asylanten ohne gesicherten Status als Erwachsene behandelt. Abweichend von den Bestimmungen der Konvention, die bis zum Alter von 18 Jahren gilt, genießen sie deshalb nicht den Schutz der UN-Kinderrechtskonvention, werden ausgegrenzt, haben kein Recht auf Schule und Ausbildung. Immerhin, in diesem Punkt zeigte sich der Berliner Schulsenator Klaus Böger als Vertreter der Kultusministerkonferenz lernbereit: Man werde darüber auf der nächsten Sitzung der KMK sprechen. Wenn man schon über die Vorschulerziehung mehr soziale Gerechtigkeit schaffen wolle, dann müssten Kitas und Kindergärten auch kostenlos sein, war Muñoz´ dritter Rat. Und schließlich solle im Unterricht und in der Lehrerbildung mehr über Menschenrechte informiert werden.

Was er denn davon halte, dass man auf Schulhöfen Deutsch zur verbindlichen Sprache erkläre? Würden sich die Kinder untereinander darauf verständigen, um miteinander kommunizieren zu können, so sei das in Ordnung. Würde aber der Gebrauch der Muttersprache von der Schule verboten, so sei das ganz klar ein Verstoß gegen das Recht auf die eigene Muttersprache. Dass Kinder sprachlich im Deutschen gefördert würden, sei sehr zu begrüßen, aber man dürfe die Sache nicht umdrehen und den Schulbesuch an die Bedingung knüpfen, dass die Kinder Deutsch sprechen. Kopfschütteln und Unverständnis bei Schulsenator Böger.

Wird Muñoz´ Besuch die bildungspolitischen Fronten auflockern helfen? Im Grunde waren es kaum neue Erkenntnisse, die er mitzuteilen hatte. Die Pressemitteilungen von Parteien, Verbänden und Ministerien zeigen die üblichen Abwehrmechanismen. Neu war die Sichtweise des UN-Beauftragten. Dass Bildung ein individuelles Recht ist, das auch Migranten und Flüchtlinge gegenüber dem Staat geltend machen können, und nicht umgekehrt ausschließlich der Staat das Recht haben soll, von seinen Bürgern Integrationsleistungen abzuverlangen, ohne ihnen dazu auch konkrete Hilfen zu geben, das scheint hierzulande ein fremder Gedanke zu sein. Genau so fremd, wie dem ausländischen Gast das deutsche Schulsystem erschien, der die Schulen von Lateinamerika und Afrika genauso kennen gelernt hat wie die in anderen westlichen Industriestaaten.


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00:00 03.03.2006

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