Nachholende Verdrängung

Studierte Mieter haben`s leichter Eine Untersuchung der Humboldt-Universität zu Stadterneuerung in Ost-Berlin erinnert an alte Diskussionen

Vermutlich hat der Hauseigentümer nicht einmal geahnt, welche Freude er seinen Interviewern von der Humboldt-Universität machte: "Natürlich werden die Leute aus dem Haus verdrängt. Asoziale und Notleidende können dann nicht mehr verlangen, für sechs Mark pro Quadratmeter mit U-Bahn-Anschluss zum Alex zu wohnen." In die Berliner Mitte gehörten eben nur die Zahlungskräftigen, so der Eigentümer des Hauses am Prenzlauer Berg. Das Zitat, fett gedruckt und an den Kapitelanfang einer neuen Studie über Stadterneuerung in Ostdeutschland gestellt, hat Seltenheitswert. Öffentliche Bekenntnisse zur Gentrification - also der Verdrängung ärmerer Bewohner in den Innenstädten durch den Zuzug von Bewohnern der Mittelschicht - gelten nicht als ratsam. Nur zu gut ist noch in Erinnerung, welchen Sturm der Entrüstung der damalige Investorenbeauftragte des Berliner Senats, Hanno Klein, erntete, als er kurz nach Mauerfall von Stadtplanung als "gut organisisierter Vertreibung" sprach.

Zehn Jahre danach bestreiten viele Stadtplaner und Soziologen, dass es in den Sanierungsgebieten der neuen Bundesländer zu Verdrängung gekommen ist: Wegzüge aus den Vierteln interpretieren sie lediglich als Beleg einer nachholenden Mobilität. Nachdem der Wohnungsmarkt nicht mehr staatlich reguliert war, so ihre These, setzte die schon aus Westdeutschland bekannte Suburbanisierung ein: Das Haus im Grünen war jetzt für alle machbar, die über genügend Geld verfügten.

Nachweisen lässt sich Gentrification also nur über eine aufwändige Bewohnerbefragung, wie sie Andrej Holm und Daniela Zunzer unter der Leitung von Hartmut Häußermann durchführten. Ihre Studie, die im Mai erscheinen wird, ist die bisher größte unabhängige Arbeit über Gentrification in Ostdeutschland. Für ihre Untersuchung konzentrierten sich Holm und Zunzer auf zwei Gebiete im Berliner Prenzlauer Berg - den Kollwitzplatz und den Falkplatz.

Die Sanierung in den neuen Bundesländern und Ostberlin unterschied sich grundlegend von der in Westdeutschland: Wurde die Sanierung in West-Berlin beispielsweise noch zu 100 Prozent durch staatliche Fördermittel finanziert, so erfolgte die Stadterneuerung im Osten angesichts der Dimension der Gebiete und der knappen öffentlichen Kassen weitgehend durch private Investitionen, die durch steuerliche Sonderabschreibungen erleichtert wurden. Dadurch wurde ein Eigentümertypus begünstigt, der an schnellen Gewinnen interessiert war. Offiziell hielt der Berliner Senat aber an der "Gleichwertigkeit von sozialen und städtebaulichen Zielen" fest. Die Modernisierung sollte sich an den Bedürfnissen der Bewohner orientieren, eine Verdrängung ärmerer Mieter vermieden werden. Damit, so die Studie, war eine "Quadratur des Kreises" vorprogrammiert. Entweder mussten die Eigentümer auf eine Modernisierung verzichten, weil sie nicht genügend Rendite erwarten konnten, oder aber die Verdrängung konnte nicht ausbleiben.

Eine flächendeckende Gentrification lässt sich im Prenzlauer Berg jedoch nicht feststellen. Das Problem der privat finanzierten Stadterneuerung in Ostdeutschland, so die Autoren, liegt tiefer: Die Stadterneuerung in Ostdeutschland passe sich "bruchlos ein in die in Mode gekommenen neoliberalen Auffassungen von Eigenverantwortlichkeit". Der Staat stellt zwar weitgehende Instrumente gegen Luxussanierung und unkontrollierte Mieterhöhungen zur Verfügung, überlässt ihre Durchsetzung aber den Mietern. In einem Verhandlungsprozess mit dem Hauseigentümer müssen Ablauf und Ausmaß der Modernisierung geklärt werden. "Die Mieter sind als Laien mit Eigentümern konfrontiert, die mit der ganzen Kraft des professionellen Akteurs ihre Ziele verfolgen", so Andrej Holm. Ob und unter welchen Bedingungen die Mieter in ihren Wohnungen bleiben, hängt daher von dem sozialen und kulturellen Kapital ab, das sie mobilisieren können.

Hochschulabsolventen und Studenten konnten erwartungsgemäß mit dem verhandlungsorientierten Sanierungsverfahren besser umgehen. Zum einen verfügten sie über ein soziales Netzwerk, das auch Anwälte und Architekten einschloss und so die Hauseigentümer mit eigenen Vertragsvorstellungen oder Grundrisslösungen konfrontierte. Zum anderen konnten sie eher Verhandlungsmöglichkeiten erkennen und ihre Interessen durchsetzen. Daher fanden sich nach Sanierungsende finanziell ähnlich gestellte Haushalte in völlig unterschiedlichen Situationen wieder.

Ein Elektrikerehepaar beispielsweise hatte sich eine übergroße Einbauküche aufschwatzen lassen, die neuen, aber billigen Fliesen wiesen erste Schäden auf - und die Miete stieg um 150 Mark. "Sobald sich was billigeres findet, ziehen wir aus", lautete ihr Fazit. Bei der Germanistin im Stockwerk darüber war dagegen die Küche nach Mieterwünschen vergrößert worden; die Fliesen im Bad hatten sich die Mieter selbst ausgesucht. Eine Mieterhöhung mussten sie nicht bezahlen: "Der Eigentümer hat es noch nicht geschafft eine ordentliche Schlussabrechnung zu fertigen." Mit der Modernisierung waren sie zufrieden. Als Konsequenz aus ihrer Untersuchung fordern die Autoren der Studie eine gezielte und umfassende Betreuung jener Mieter, die mit den Sanierungsverhandlungen nicht zurechtkommen.

Dass soziale Fähigkeiten maßgeblich über den Ausgang eines Modernisierungsprozesses entscheiden, wird durch die privat getragenen Investitionen zwar verschärft, ist aber nicht grundsätzlich neu. Bereits in Berlin-Kreuzberg führte die Stadterneuerung zu dem merkwürdigen Ergebnis, dass in den nach Kriterien der "behutsamen Stadterneuerung" restaurierten Häusern der Akademiker-Anteil nach der Modernisierung fünfmal so hoch war wie im übrigen Sanierungsgebiet. Bei der Lektüre der Häußermann-Studie stellt sich ein Déjà-vu-Gefühl ein: Bereits 1990 hatten die Autoren Rolf Froessler und Klaus Selle in einem Resümee der Gentrification-Diskussion in den alten Bundesländern beschrieben, dass die permanente Diskussion um Verdrängung den Prozess nur verlangsamen, nicht aber stoppen konnte.

Das hat seine Gründe: Bei der Innenstadtsanierung liegen sozialstaatliche mit wirtschaftlichen Perspektiven in einem unlösbaren Zielkonflikt. Berlin hat - ebenso wie andere ostdeutsche Städte - nach der Wende auf eine nachholende Modernisierung von Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft gesetzt. Wesentlicher Standortfaktor dafür sind attraktive Innenstädte für die oberen Mittelschichten. Wo hätten all die neuen Kreativen, die Mitarbeiter von Bundesregierung und Medien unterkommen sollen, wenn nicht in den sanierten Häusern in Mitte und Prenzlauer Berg? Ein langsameres Sanierungstempo, das auf die Bedürfnisse der Bewohner größere Rücksicht genommen hätte, wäre unweigerlich zum Standortnachteil geraten. Dieser Zielkonflikt, den die politische Seite aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr einräumen mag, erschien der im Senatsauftrag tätigen Mieterberatung selbstverständlich. Man habe nie "realistisch" erwartet, "alle Leute beschützen" zu können.

Hartmut Häußermann, Andrej Holm, Daniela Zunzer: Stadterneuerung in der Berliner Republik, Leske + Budrich-Verlag, Opladen 2002, 18 Euro

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00:00 19.04.2002

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