Nachmittag eines Einsilbers

Berliner Abende Ein saufgesichtiger Mittfünfziger schlappt um die Ecke. Er trägt schwer an seinem unmäßig gewölbten Bauch. Gestreifte Hosenträger halten die Sache ...

Ein saufgesichtiger Mittfünfziger schlappt um die Ecke. Er trägt schwer an seinem unmäßig gewölbten Bauch. Gestreifte Hosenträger halten die Sache noch ein bisschen. Zwei Promenadenmischungen rennen ihm schwanzwedelnd voraus. Arthur reißt seinen Arm hoch. Er deutet auf die Hunde und ruft: "A-A"! "Exakt", sagt seine Begleiterin. "Erst lässt er sie scheißen. Dann hast du´s am Schuh. Aber vorher scheint die Sonne drauf. Damit auch unsere Nasen was davon haben." "Na", sagt der einsilbige Arthur und hält den Finger an die Nase. "Genau. Pass auf. Zum olfaktorischen Moment jetzt noch ein Gedicht von Herrn Jandl: "Wo gehen ich / liegen spucken / wursten von hunden / saufenkotz" - "Kotz!"wiederholt gelehrig das Echo.
"Siehst du die Spree?" fragt das Kindermädchen. Arthur zeigt auf die grau glänzend gekämmten Wellen der Rummelsburger Bucht. Ein Mandarinentenpaar schaukelt auf dem Wasser. "Da!" ruft er. "Ent." Dann beschreibt sein Arm einen halben Kreis. "Hßß", stößt er scharf und dramatisch hervor. Der Finger sticht in Richtung Kraftwerk, gegen die Dampfwolken ausstoßenden Schornsteinriesen am nahen Horizont. Arthur ist fast zwei Jahre alt. Sein Name klingt nach Matrosenanzug, Kreisel und Peitsche. Arthur guckt und guckt. Er sagt nur: "Da!", und alle Augen marschieren in Richtung seines napoleonisch gereckten Zeigefingers. Der Einsilber trägt Blue Jeans, Jacke wie Hose. Selbst in der größten Hitze befiehlt er knapp: "Zu". Es kann nicht losgehen, bevor jeder silberne Druckknopf geklickt hat. Arthur rennt über die Wiese. In seiner Augenhöhe entgeht ihm wenig. "Blühn!" ruft er und dreht sich dem gemächlich folgenden Kindermädchen zu. "Noch und Noch!"
"Brrm Brrm Brrm", macht das Arthur-Motorengeräusch und saust im dreirädrigen Runner das Paul-und-Paula-Ufer entlang. Vorbei an Trecker Beckers Bauwagen-Vermietung, schnell, schnell auch vorbei an dem roten Bagger, dessen krallenbewehrte Schaufel sich kreischend und krachend in die Wände eines lange schon verlassenen Hauses gräbt. Und da liegt die Käthe vor Anker. Hier haust Herr Fuchs. Selten lässt er sich blicken. Aber im eisigen Winter, um Mitternacht, konnte man ihn sehn, auf Deck sein Feuerholz sägen. Nicht immer bellen die Hunde, die zwischen ausgebleichten Knochenhaufen ihre Tage und Nächte als Wächter auf dem Kahn fristen. Aber jetzt. Denn mit Tschingderassa und wummernden Pauken wird über den staubigen Sportplatz marschiert. Mädchen und Jungen in T-Shirts und Röcken, in bunten und langen und kurzen Hosen setzen fahnenbehängte Fanfaren an die Lippen. Bum Bum Bum rührt sich die Pauke. Täterä schmettert Arthur.
Unterhalb der Paul-und-Paula-Bank, genau da, wo im Film das Floßbett schwamm, halten Angler ihre Gerten ins Wasser. Die Männer tragen braungrün gefleckte Hosen und Jacken. Sie sehen aus wie erdige Kröten und fischen im Trüben. Nicht weit entfernt wirft die gestaute Spree unter der kleinen Brücke schaumige Blasen über Haufen von angeschwemmtem Müll. Am kunterbunten Jugendschiff vorbei wandern der kleine Junge und seine Begleiterin zur leeren weißen Stadt, Vineta auf Stralau an der Spree. Er versucht seinen Kopf durchs Geländer zu stecken. Nichts kann er sehen. Aber er winkt sich grüßend zu. Er weiß, dass er da unten ist, irgendwo im dunklen, gekräuselten Fluss. Als er sich umdreht, kommt eine alte Frau auf ihn zu. Sie spitzt ihren hellrosa bemalten Mund, beugt sich halb zu ihm herunter und sagt durch die gespitzten Lippen: "Du bist ja ein Süßer". Arthur zeigt auf sie oder ihren geblümten Dederonbeutel oder ihren Rocksaum. Er sagt knapp: "Frau", und wirft einen schüchternen Blick in die Runde. "Stimmt", ruft sein Kindermädchen und grinst. Täglich nimmt der Wortschatz zu: Frau und Mann. Pi und Pa und Po. Pi, der Spielplatz. Pa, jegliches Zweirad, wobei die ganz heißen chromblinkenden Öfen mit einem begeisterten Ho spezifiziert werden. Po fährt grade an den beiden vorbei: Ein gelbes Postauto.
Als sie durch das quietschende Friedhofstor kommen, schlägt die Uhr am Langerhansturm. "Neugotik! ruft das Kindermädchen. "Dong, Dong", schallt der Junge und läuft an Gräbern vorbei zum Wasser. Aufgeregt scheucht er die Odinshühnchen unter der Trauerweide hervor. Plötzlich bleibt er stehen. Schaut auf ein Grab und ruft laut: "Hein! Hein!" Verwundert schlendert die Begleitung heran. "Ja, klar. Freund Hein, der hat die weggesichelt, die hier schlafen. Aber was weißt du?" Der kleine Zeigefinger wedelt immerzu. Ein rotweißer Leuchtturm steht neben dem Stein. "Hein! Hein!" Arthur stürzt auf ihn zu. Er meint Hein Blöd. Er findet auch Elfen, schnuppert an Rosen, sieht bunte Windräder auf den Gräbern knattern. Lichter flackern. Botschaften sind in die Erde gesteckt. Manche von ihnen sorgsam zusammengerollt und in Folie vor schnellem Verwittern geschützt. Arthur bringt eine an. Sie lautet: Alles wird gut.

00:00 21.06.2002

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