Subkultur für die Massen

Nachruf Andrew Fletcher stand wie kein anderes Bandmitglied für das, was den Kult um Depeche Mode ausmacht
Eine Jungsclique, zu der damals wie heute viele gehören wollen. Das geht auch ohne aufwendiges Styling. Eine Lederjacke und Sonnenbrille reichen, wie Fletcher bewies
Eine Jungsclique, zu der damals wie heute viele gehören wollen. Das geht auch ohne aufwendiges Styling. Eine Lederjacke und Sonnenbrille reichen, wie Fletcher bewies

Foto: Gonzales Photo/IMAGO

„Enjoy the Silence“: Es war der Ohrwurm, der mich ins Depeche-Mode-Fanlager zog. Oder besser, der mich dazu bewog, im Sommer 1990 die Violator-Platte auf dem Schwarzmarkt in Erfurt beim fliegenden Händler zu erwerben. Ich war 12, Depeche Mode waren mir vorher schon ein Begriff durch ältere Mitschüler. Ich wusste, wie die Bandmitglieder sich kleideten, bevor ich das erste Foto von ihnen sah. Sie waren Stilkonen für die DDR-Jugend und viele wollten so aussehen wie die vier. Als frischgebackener Mode-Fan bemerkte ich schnell, dass ihre ältere Musik die bessere war, das Album Music for the Masses (1987) seinen Nachfolger um Längen übertraf. Vielleicht auch, weil diese Platte ausdrückte, was das Wesentliche am Phänomen Depeche Mode ist. Sie bieten verlässlich und über Jahrzehnte hinweg massentaugliche Subkultur. Kein anderes Bandmitglied stand dafür so sehr wie Andrew Fletcher, der vergangene Woche mit 60 Jahren starb.

„Martin’s the songwriter, Alan’s the good musician, Dave’s the vocalist, and I bum around“, sagte Fletcher, genannt Fletch, in der Band-Doku 101 (1989). Zu Deutsch: „Martin ist der Songschreiber, Alan der gute Musiker, Dave der Sänger und ich gammele herum.“ Das stimmte natürlich nicht, aber beschreibt gut, wie Fletcher wirkte. Immer wieder äußerten selbst Fans, sie würden sich fragen, was Fletcher eigentlich in der Band genau macht. Als kreativer Kopf fiel er, der als einziges Bandmitglied nie einen Song geschrieben hat, nicht auf. Zunächst: Er gehörte einfach zur Ausstattung, war von Anfang an da. Als Bassist spielte er mit Vince Clark in der Punkband No Romance in China, gründete mit diesem und Martin Gore dann das Elektro-Trio Composition of Sound. Als Sänger Dave Gahan dazustieß, benannten sie sich in Depeche Mode um. Hier spielte Fletcher Keyboard, nie so virtuos wie die anderen. Aber irgendwie sah er lässiger dabei aus, so, als ob er eben seine Arbeit machte, zuverlässig und solide. Am wichtigsten: Er hielt die Band zusammen, war ihr Kitt.

Als sei er selbst ein Fan

Er übernahm auch organisatorische Aufgaben, die für ein Bandmitglied untypisch sind und ansonsten externe Leute verrichten, eine Zeit lang fungierte er sogar als eine Art Manager. In die Studioarbeit war er sehr involviert. Und er war über die Band hinaus geschäftig, besaß ein eigenes Label und Restaurants. Fletcher agierte nach außen wie ein Gruppensprecher, nach innen als Mediator. Als sich Gore und Gahan stritten, wer wie viele Songs auf dem Album Playing the Angel (2005) unterbringen darf, vermittelte er zwischen beiden. Auch wenn der Streit zum Weggang von Alan Wilder führte, Depeche Mode blieben an sich bestehen. Und stets kam Fletcher so herüber, als sei er selbst ein Depeche-Mode-Fan, der eben auch auf der Bühne steht.

Dieses Beständige ist es auch, das die bis heute anhaltende Faszination ausmacht. Eine Jungsclique, zu der damals wie heute viele gehören wollen. Das geht auch ohne aufwendiges Styling. Eine Lederjacke und Sonnenbrille reichen, wie Fletcher bewies.

Die Band hat den Effekt eines Jungbrunnens. Vielleicht erklärt das, warum Depeche-Mode-Partys nicht aus der Mode kommen. Quasireligiöse Messen, auf denen man sich selbst und alle anderen feiert. Darauf spielte die Band mit den Albumtitel Music for the Masses – was Menschenmassen, aber auch heilige Messe bedeuten kann – selbst an. Die Quelle dieses Brunnens ist nun mit dem Tod Andrew Fletchers versiegt.

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