Nacht der Welt

Schöner Exzess Slavoj Zizeks Grundlagenwerk "Die Tücke des Subjekts" besinnt sich auf die vergessene Seite der Postmoderne

Seit Jahren sage ich mir: "Du musst endlich Lacan lesen." Doch das kryptische Werk des wilden Analytikers entzieht sich auf seltsame Weise, ihm eilt der Ruf der Unverständlichkeit so sehr voraus, dass man das Projekt "Lacan lesen" lieber fürs Rentenalter aufheben möchte. Slavoj Zizek, "der slowenische Philosoph", wie er allenthalben formelhaft bezeichnet wird, hat Lacan gelesen. Und wie. "Ich bin allhier", scheint er zu rufen, in großen Tageszeitungen, auf Kongressen, in einer erklecklichen Reihe an neuen Büchern meldet er sich zu Wort. Zizek schreibt wie ein Berserker, mit manischer Energie bemächtigt er sich aller Themen, die auf der Tagesordnung stehen. Hat der Mann eine eigene Theorie? Man weiß es nicht, aber er hat einen "Schlüssel", und alles was er anfasst, zeigt sich in genial verwandelter Perspektive. Das umfangreichste unter seinen drei in diesem Jahr auf Deutsch erschienen Büchern, Die Tücke des Subjekts (im englischen Original 1999), ist ein Grundlagenwerk. Beinahe alles, was sich philosophisch zwischen Kant und Judith Butler ereignet hat, wird hier durch die Lacan-Mühle gedreht. Das Buch, um es kurz zu sagen, ist ein Universum.

"Der Mensch ist diese Nacht, diß leere Nichts, ... hier schießt dann ein blutiger Kopf, - dort eine andere weiße Gestalt plötzlich hervor, und verschwindet ebenso - Diese Nacht erblickt man, wenn man dem Menschen ins Auge blickt - in eine Nacht hinein, die furchtbar wird."

Mit Tücke des Subjekts will Zizek, wie er im Vorwort behauptet, "das cartesische Subjekt wieder zum Geltung bringen" - nichts ist weniger wahr als das. Was den Autor interessiert, und zwar ausschließlich, ist "die vergessene Rückseite" der "exzessive, nicht anerkannte Kern des Cogito". In drei große Kapitel gliedert sich das Buch; Zizek beginnt mit dem Deutschen Idealismus und einer ausführlichen fachphilosophischen Diskussion der bekannten Heidegger-Deutung transzendentaler Einbildungskraft bei Kant. Entgegen der Vorliebe postmoderner Schulen, bringt Zizek jedoch Hegel gegen Heidegger ins Spiel, und zwar den frühen Hegel der Jenaer Realphilosophie, aus der das obige Zitat stammt. Die "Nacht der Welt" wird zum Leitmotiv, Zizek sucht das Äußerste, den Wahnsinn, eine Einbildungskraft, die vor jeder vernünftigen Synthese mit Partialobjekten handelt, er sucht - was immer das sei - die "präontologische Dimension des gespenstischen Realen". Mit geradezu nervtötender Konsequenz beharrt Zizek auf dem Scheitern, dem Bruch, dem Riss, dem "unaufgelösten Rest" und führt damit einen "Negativismus" wieder in die Debatte ein, der lange schon als nicht mehr en vogue galt. Geben wir ihm Recht, Hegel ist der radikalere Denker. Gegen ein Bewusstsein, "das sich notwendig selbst Gewalt antut", ist Heideggers Begriff der "Sorge" nur eine unscheinbare Blähung.

In einem zweiten großen Abschnitt widmet sich Zizek der politischen Philosophie der Post-Althusser-Ära in Frankreich. Neben der sehr aufschlussreichen Darstellung hierzulande wenig bekannter Theorien, vor allem derjenigen Alain Badious, geht die Frage darum, was ein Ereignis, ein politischer Akt, und was Ideologien seien. Auch hier überbietet Zizek - mit Lacan, versteht sich - die Ansätze politischer Philosophie und derselbe Impetus beherrscht auch den dritten Teil des Buches, der sich in der Hauptsache akribisch mit den neueren Schriften Judith Butlers und der Theorie der Geschlechterdifferenz auseinander setzt.

Eine genaue Übersetzung des Originaltitels The Ticklish Subject hätte - neben der hübschen Variante "Das kitzelige Subjekt" - auch "Das heikle Thema" heißen können, was in mancher Hinsicht passender gewesen wäre.

Die englischsprachige Ausgabe von Tücke des Subjekts verrät im Untertitel, worum es Zizek geht: um eine "politische Ontologie". Politik kommt im Buch auf zwei verschiedene Weisen vor. Einmal, in "locker gestrickter" Art, wenn Zizek bestehende Theoreme in die marxistisch-psychoanalytische Zange nimmt und beispielsweise die Rede von der Risikogesellschaft und der "zweiten Moderne" für zu leicht befindet, weil sie die sozioökonomische Basis vergesse, oder die Identitäts- und Geschlechterpolitiken, weil sie fälschlicherweise das Perverse für das Subversive halten. An allen Ecken und Enden gilt hier das Motto: tiefer denken.

Auf einer zweiten Ebene aber steht Politik tatsächlich für eine Struktur, für die "ontologische" Verfassung von Welt. Die herkömmliche Subjektkritik hatte dem großen Cogito Hegemonie vorgeworfen; das sich selbst durchsichtige Denken, die Hegelsche "Substanz als Subjekt" sei in totalitärer Weise allumfassend. Mit Zizek nun trifft dieser Vorwurf umgekehrt gerade das postmoderne Denken, denn letztlich sind es Foucault, Butler - und fügen wir hinzu: Deleuze -, die die Hegemonie eines einzigen Prinzips behaupten. Hier gibt es kein "Außerhalb" der Macht, Widerstand ist als "Falte", als Gegenmacht, als subversives Umdeuten gedacht. Das ist Zizek zu wenig. Er führt eine minimale Transzendenz wieder ein, eine Transzendenz freilich, die heute nicht mehr himmlisches Jenseits heißen kann, dafür aber "Verfehlung", "Psychose", "Exzess". Es geht, kurz gesagt, um die Möglichkeit eines radikal einschneidenden Ereignisses, das - auf einen Schlag - alles Dagewesene verändert, "den radikaleren Akt einer gründlichen Umgestaltung des gesamten Feldes". "Wenn man vor die Wahl zwischen dem prämodernen organischen Gesellschaftskörper und dem revolutionären Terror gestellt ist", sagt Zizek, "dann muss man den Terror wählen." Etliche Passagen aus Tücke des Subjekts lesen sich heute, nach dem traumatischen 11. September, mit neuer Aktualität.

Viele Motive, die Zizek anführt, sind hinlänglich bekannt, auch das Philosophen-Thema "Subjekt" klingt ein wenig altmodisch - immerhin hat man es in den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis zum Überdruss diskutiert. Zizek allerdings - darin liegt sein Verdienst - macht die vergessene Seite der sogenannten Postmoderne geltend im Rückgriff auf ihre verleugneten Vorläufer Lacan, Hegel und implizit auch Sartre. Seine Denkweise hat das Zeug dazu, die Postmoderne zu übersteigen, ohne ihre Fortschritte zu verraten, es enthält fruchtbare Antworten auf schmerzlich offen gebliebene Probleme: Wie ist Kritik, Widerstand, Freiheit möglich? Wie sähe ein Denken aus, das zwischen subjektivistischer Medientheorie und objektivistischer Lebenswissenschaft vermittelt und schlicht erklärt, worin die Realität des Realen besteht? Auf die Frage: "Was kommt nach der Postmoderne, wie entkommen wir den zu Formeln erstarrten Foucaultiaden?" könnte Zizek eine Antwort haben.

Schwierig an Zizeks 550-Seiten-Wälzer ist nicht die Sprache, in der das Buch verfasst ist, sondern die Drift, der es uns aussetzt. Wer mit Zizek segelt, das ist klar, gerät bei schneller Fahrt vom Kurs ab und kommt wie durch ein sophistisches Wunder doch dort an, wo es hätte hingehen sollen. Das ist schwer auszuhalten.

"Eine kursorische Annäherung, die sich nicht für Details interessiert, entdeckt (oder bringt sogar hervor), was für eine detaillierte und ganz genaue Annäherung außer Reichweite bleibt", schreibt Zizek. Doch sein "kursorisches" Vorgehen ist gar keine "Betrachtung aus der Ferne", im Gegenteil, Zizek betrachtet aus der Nähe, mit fast hysterischem Zwang führt er minimalste Unterscheidungen ein, fördert immer wieder Unerwartetes zu Tage. "Akribische Ungenauigkeit" könnte man seine Methode nennen, die mit assoziativer Vermischung des Unzulässigen arbeitet. Bisweilen ist es vergnüglich, bisweilen ermüdend, wie der Autor Philosophie mit Filmepisoden erklärt, Witze erzählt oder Hegel vorwirft, er denke die Sache mit der Sexualität nicht richtig.

"Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek" - die Formel klingt ein bisschen nach Verlegenheit - als reiche es nicht, ihn einfach nur beim Namen zu nennen, als sei aber auch die Kennzeichnung "Philosoph" ohne weiteres Attribut verfehlt. "Slowenisch" steht für fremd, gewaltig, eigensinnig und - sozialistisch. Der Mann hält in altmodischer Manier an den soliden Theoremen der Psychoanalyse und der Dialektik fest, die ihm das zu denken erlauben, was er nicht aufgeben will: Revolution und Freiheit. Nennen wir den Philosophen einen "slowenischen Kapitän". Wer mit ihm segelt, hat eine spannende Fahrt.

Slavoj Zizek: Die Tücke des Subjekts. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2001, 548 S., 64,- DM

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 12.10.2001

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare