Nachts im Museum

Eventkritik Die Kunsthalle Mannheim bietet spezielle Single-Führungen an. Bei Kunst und Sekt sollen die Teilnehmer sich näher kommen

Einer der ersten warmen Frühlingsabende des Jahres – die Kunsthalle Mannheim hat zu einer besonderen Veranstaltung geladen: Ein „Abend für Singles“ ist angekündigt, Museales soll mit Emotionalem verbunden werden. Denn Kunst, sagt Dorothee Höfert, vermittle sich nicht von allein. Die Kunsthistorikerin arbeitet daher mit einem 15-köpfigen Team daran, dass das Werk zum Rezipienten findet. Neben Angeboten für Kinder, Workshops und Vorträgen für Erwachsene gehe man in Mannheim seit zwei Jahren auch „vorsichtige Schritte in den Bereich Abend-Event“, sagt Höfert. Eine After-Work-Veranstaltung mit Cocktails und Lounge-Musik hat man ebenfalls im Programm.

Die einsamen Herzen mit Kunstsinn wollen sich an diesem Abend die Retrospektive „Ré Soupault. Künstlerin im Zentrum der Avantgarde“ anschauen. Die ersten Singles stehen pünktlich um 19 Uhr am Eingang der Kunsthalle. Es sind vorwiegend Frauen in Zweierformation, vereinzelt Männer, die trotz Single-Dasein in Frauenbegleitung kommen, und ein paar echte Solisten. Nachdem sie ihre Eintrittskarte gekauft haben, werden die Besucher, die zögerlich heranschlendern, von Höfert am Eingang zur Ausstellung begrüßt.


Aus einem Gettoblaster ertönen Chansons von Edith Piaf, sie sollen Pariser Flair nach Mannheim bringen – damit das mit den Emotionen im Museum auch klappt. Die Teilnehmer des Events versammeln sich an Stehtischen, erste interessierte Blicke gehen hin und her, man taxiert die Anwesenden. Die Atmosphäre hat etwas leicht Aufgekratztes.

Ungefähr 30 Personen kämen im Schnitt zu den Single-Führungen, hatte Höfert im Vorfeld erzählt, vorwiegend Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren; Männer seien immer in der Minderheit. Dieser Abend mit Schwerpunkt auf Ré Soupault, einer eher unbekannten Künstlerin der Klassischen Moderne, die mit ihren Fotografien und als Modeschöpferin präsentiert wird, spreche wohl auch eher Frauen an: Fünf Männer sind unter den – grob gezählten – 35 Teilnehmern auszumachen.

Etwas steif wirkt die Gruppe noch zu Beginn. Aber Höfert versteht es im Verlauf ihres kurzweiligen Rundgangs durch die Ausstellung, die Singles ein wenig aus der Reserve zu locken und zugleich den Blick auf Details im Werk von Soupault zu lenken. Einige Teilnehmer kommen darüber tatsächlich ins Gespräch.

Bettine, Psychologin aus Mannheim und seit vier Jahren im Förderkreis der Kunsthalle, schwärmt von den Führungen. Sie ist nicht zum ersten Mal bei einem Single-Abend dabei; sie schätze die Begeisterung und Offenheit von Höfert („Sie lässt andere Blicke zu“) und genauso die „zwanglose Begegnung am Abend“, sagt sie. Über den Aspekt der „diskreten Verbindung“ habe sie sich mit einer Freundin bei einem Treffen allerdings auch schon amüsiert.

Ganz so ernst soll das mit den Emotionen im Angesicht der Kunst dann wohl doch nicht gemeint sein. Trotzdem bedauert auch Bettine, dass kunstinteressierte Männer hier wenig präsent sind. Sie führt die „Asymmetrie“ aber auf das frauenspezifische Thema zurück, das Verhältnis sei sonst durchaus ausgewogener.

Höfert geleitet die Gruppe zu Fotografien, erläutert das „neue Sehen“ von Ré Soupault, die am Bauhaus in Weimar studierte. Und die Kunsthistorikerin erklärt die Arbeit als Modedesignerin im Paris der dreißiger Jahre. Ein Höhepunkt der Ausstellung ist das kombinierbare „Transformationskleid“ für einen Tag im Leben der modernen Frau, das nach dem Entwurf von Soupault neu geschneidert wurde. Das Kleid lässt sich durch einen Reißverschluss vom Business-Outfit zum Cocktailkleid oder zur Abendrobe verwandeln.

„Get-together“ im Clubraum

Am Ende der Führung wird die Gruppe dann zum „Get-Together“ in den Clubraum eingeladen. Sekt steht bereit, die Teilnehmer gruppieren sich wieder um Stehtische oder lassen sich in Sesseln nieder. Richtig gemütlich ist das Ambiente nicht, aber man kommt ins Gespräch.

Franz kreist mit einem Glas Sekt in der Hand zwischen den Tischen umher. Er stellt sich als „Gebrauchsgrafiker mit Interesse für Kunst und Musik“ vor. Und er sucht intensiven Augenkontakt. Zum zweiten Mal sei er bei der Single-Tour im Museum dabei, erzählt er. Eine Disco sei ihm für die Kontaktaufnahme „zu unbestimmt“. Bisher sei er „bei einer Probandin an die Wand gefahren“, gibt er zu. Aber er werde nicht aufgeben. Unverdrossen späht er in die Runde.

Eine Vierergruppe, zwei Frauen, zwei Männer, ist an einem der Tische ins Gespräch vertieft. Einige kommen regelmäßig zu den Single-Veranstaltungen. Einer von ihnen, ein Vater von drei Kindern, lebt seit einem Jahr in Mannheim und ist seit Kurzem Single. Er sei zum ersten Mal in der Kunsthalle. Im Internet suche er gezielt nach Veranstaltungen für Singles, erzählt er. „Die Führung – das ist die Beigabe.“

Andere wurden durch eine Ankündigung in der Lokalzeitung aufmerksam oder – so hört man mit leicht entschuldigendem Ton – wurden von einer Freundin einfach mitgeschleppt. Die Führung animiere, „ins Gespräch zu kommen“, sowohl über die Kunst als auch über Persönliches, sind sich die meisten Besucher einig. Was dann daraus wird? Das ist wie beim Betrachten eines Kunstwerks – es kommt halt darauf an, was man selbst daraus macht. Ulrike Mattern

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11:00 17.04.2011

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