Nachts um vier

Neuwahlen in der Hansestadt Ole von Beust aus zweijähriger Trance erwacht

Er wachte und geriet ins Sinnieren und da endlich kam er gegen vier Uhr nachts auf den Einfall, den er um acht Uhr zehn am Telefon mit Angela Merkel besprach. Die war einverstanden, und so trat Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust noch am selben Tag gegen 14 Uhr eiligst vor die Presse und hätte mit einem Versprecher beinahe alles verpatzt.

"Wir haben in den letzten Jahren" - sprach er und in diesem Augenblick durchzuckte es ihn, er merkte, dass er die Wahrheit sagte und verbesserte sich - "in den letzten Tagen genau gesagt, ein unwürdiges politisches Kasperletheater erlebt mit zum Teil psychopathischen Zügen." Jetzt fand er den Punkt erreicht, an dem "das Ansehen und die Würde der Stadt in Frage gestellt" seien. Deshalb wolle er Neuwahlen.

Und dann hatte Ole von Beust noch einen Einfall. Er meinte: "Wir haben zwei Jahre lang für Hamburg gute Politik gemacht."

Die Wahrheit, die er schnell korrigiert hat, lässt sich nicht aus der Welt schaffen, das unwürdige politische Kasperletheater mit zum Teil psychopathischen Zügen hat seine gesamte Regierungszeit in den vergangenen beiden Jahren begleitet. Es war sein selbstgewähltes Arrangement.

"Ich habe es ihm ermöglicht, Bürgermeister zu werden mit seinen 26 Prozent hätte er das nicht geschafft." Das darf heute Ronald Schill völlig zu recht sagen. Denn Ole von Beust verdankte es allein Schills Erbarmen, dass er mit seiner christlichen Verliererpartei endlich doch einmal regieren durfte. Er hatte 2001 mit 26 Prozent das zweitschlechteste CDU-Ergebnis aller Zeiten eingefahren. Nur weil der "Richter Gnadenlos" an der Spitze seiner Schillpartei, der Partei der Rechtsstaatlichen Offensive, mit einem Rechtsaußen-Wahlkampf 19 Prozent der Hamburger überzeugte, und schließlich noch der Konteradmiral a. D. Rudolf Lange seine FDP wieder über die Fünf-Prozent-Grenze hievte, konnte Beust mit einer christlich-liberal-schillistischen Koalition die Sozialdemokraten von ihrem verfilzten Stammsitz im Hamburger Rathaus vertreiben. Vor den Fernsehkameras umarmte er damals den Duzfreund Schill und küsste ihn ab. Es störte ihn nicht, dass ihm ein Mann zur Macht verhalf, der eine psychische kranke Frau zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilte, weil sie Autolack zerkratzt hatte. Schills irrwitzige Urteile mussten immer wieder von den höheren Instanzen aufgehoben werden, egal - für Ole von Beust war er der richtiger Mann. Er machte ihn zu seinem Stellvertreter und zum Innensenator zugleich. Mit durchschlagendem Erfolg.

Schill, der in der - so nannte er Hamburg - "Hauptstadt des Verbrechens" die Kriminalität halbieren wollte, gelang es mit großem Engagement, sie um zwölf Prozent zu erhöhen. Er durfte, ohne dass der dankbare von Beust einschritt, sich als Hamburgs mächtigster Mann aufspielen. Wer da in Wirklichkeit Erster und wer Zweiter Bürgermeister war - Schill oder Beust - blieb zwei Jahre lang ungeklärt. Bis im August Schill letzteren rechtsstaatlich-offensiv wegen eines angeblich homosexuellen Verhältnisses zum Freund und Justizsenator Roger Kusch zu erpressen versuchte. Und ihm mit seiner Erzählung von der Wohnung, in der es zu "gewissen Dingen" gekommen sei, die auf "Liebesakte" hätten schließen lassen, öffentlich in den Unterleib trat.

Da endlich dämmerte es Ole von Beust: sein Zweiter - entdeckte er nun - sei "charakterlich nicht geeignet". Dass der einstige Richter Gnadenlos als Innensenator im Rotlichtmilieu verkehrte, dass er mit der Pistole Glock 17, Kaliber neun Millimeter, in der Tasche in Stadt und Senat herumlief, dass er von Schwarzfahrern zur besseren Verbrechensbekämpfung DNA-Analysen erstellen wollte und Moskaus tödliches Gas, das gegen tschetschenische Terroristen eingesetzt wurde und im Oktober 2002 in einem Musicaltheater 120 Geiseln tötete, auch für Hamburg empfahl - dies alles und noch viel mehr hatte den Bürgermeister nicht gestört. Als Schill wegen einer rassistischen Brandrede gegen Ausländer im Berliner Bundestag das Mikrophon entzogen wurde, gab´s zuhause in Hamburg nur milden Tadel. Schill säuberte die Stadt, wo er nur konnte, von Drogenabhängigen, Flüchtlingen, Bettlern und ließ zwecks Bekämpfung von echten Verbrechen vom genialen Klodesigner Colani schöne blaue Uniformen für die Polizei entwerfen.

Erst nachdem Schill vor einer Woche drohte, er werde in einzelnen Punkten gegen den Landeshaushalt stimmen, wachte nachts um vier Ole von Beust auf und kam auf seine Idee, es mit Neuwahlen zu probieren. Jetzt hofft er sogar auf eine absolute Mehrheit. Zwei Jahre Schill-Politik haben es von Beusts CDU ermöglicht ihre Wählerzahlen von 26 Prozent auf 43 Prozent - so letzte Umfragen - hochzuschrauben. Er kann es noch einmal schaffen bei den verwirrten Hamburger Wählern. Vorausgesetzt, dass die gespaltene Schill-Partei unter fünf Prozent bleibt und ganz sicher auch die FDP, deren Oberbefehlshaber Konteradmiral Lange gleich nach Schill ebenfalls gehen musste wegen totaler Unfähigkeit in zivilen Dingen wie Kindertagesstätten und Schulen.

"Spätestens seit gestern Abend sind die Grenzen des Anstands überschritten", erläuterte von Beust auf seiner Pressekonferenz nach der Nacht, in der er um vier Uhr aufwachte. Spätestens? Die Grenzen des Anstands waren überschritten, als er sich vor zwei Jahren von dem Mann mit den psychopathischen Zügen zum Bürgermeister machen ließ.


00:00 19.12.2003

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