Nackt

Linksbündig Caroline von Monacos Presse-Coup

So ein König hat´s nicht leicht. Tagein, tagaus das Zepter schwingen, regieren, repräsentieren, kondolieren. Und kaum, dass er vor der Glotze mal die Füße hoch legt, lauert da garantiert irgendeine Fotojournalie, die hinter dem wohlverdienten Feierabendbier gleich das aller schlimmste Fieber wittert. Heute ein König? Besser nicht! Solch einen Stress gönnt man keinem. Caroline von Monaco ist deshalb in die Offensive gegangen. Für sie und die herrschaftliche Mischpoke ist die couragierte Prinzessin bis nach Straßburg gezogen. Und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat jetzt ein für alle mal die hoheitsvolle Ruhe wieder hergestellt. Durch das so genannte Caroline-Urteil gilt fortan: Das Pompöse ist Privat.

Prinzessin, König, Fürstentochter: sie alle haben nun ihre fotofreie Häuslichkeit zurück. Endlich Friede in den Palästen. Sollte man meinen. Doch irgend etwas ist schief gelaufen. Denn was bringt die fetteste Yacht, wenn die Frau-im-Spiegel-Nation nicht vom Beiboot gaffen kann? Was die Liaison mit der chicen Bürgerlichen von Nebenan, wenn Ralf Morgenstern nicht missgünstig am gedeckten Kaffeekränzchen sabbern darf? Keine Bilder - keine Bilderbuchprinzessin. Und so könnte die erholsame Ruhe bei Lisbeth, Sylvia und anderswo schon bald der schauderhaften Totenstille in Edgar Wallaces Blackwood Castle gleichen.

Da hat das Carolinchen möglicherweise an dem Thron gesägt, auf dem sie alle sitzen. Ein Fauxpas, der in die Flaute führt. Denn wo keine Kamera mehr klickt, hat Europas Adelssippschaft auch seine letzte Rolle eingebüßt. Revolutionen, Kriege, Guillotine - das hat das gekrönte Haupt noch weggesteckt. Derlei aber geht zu weit. Wer in der Yellowpress nicht einmal mehr die glammernde Projektionsfläche der anschwellenden Neidgesellschaft geben darf, der kann gleich auf die faden Ratschläge des aufgeklärten Absolutismus zurückgreifen.

Damals hatte Marie Theresia ihrem lebenshungrigen Töchterchen folgenden Ratschlag an das Herz gelegt: "Wir leben in dieser Welt, um unseren Mitmenschen gutes zu tun. Eure Aufgabe ist von höchster Verantwortung, denn wir sind nicht für uns selber da oder gar nur um uns zu amüsieren." Bewirkt hat´s nichts. Dank einer rebellischen Jugend, konnten Europas Edelmänner noch gut 300 Jahre weitermachen. Die Tochter nämlich hielt solch Moral für altmütterliches Gequake. Marie Antoinette hieß das aufmüpfige Mädchen. Und ihre eigenen Weisen schlagen noch heute wie die Wellen am Strand von Marbella: "Ihr habt kein Brot, dann eßt doch Kuchen." Mit solch Spätbarocker Lüsternheit aber ist nun unwiderruflich Schluss.

Dabei war die Krise schon lange im Anmarsch; der Märchenprinz tot und statt Stars und gesalbter Häupter auf allen Kanälen nur noch Prominente. Das 15-minütige Rumoren der spätkapitalistischen Pop-Demokratie hat den Souverän um die Souveränität gebracht. Wo Container-Alex mit gleicher Selbstverständlichkeit vom Titel der Bunten gaffen darf wie ein hochdekorierter Pinkelprinz, da steht die Standesgesellschaft auf wackligen Füßen. Statt Kaiser nur noch Bettelmänner.

Und irgendwie, da sieht alles gleich aus. Die Fotostrecke von der letzten Saint-Tropez-Sause jedenfalls kommt nicht mehr aufgehübschter daher als der Partyplebs einer Nan Goldin oder eines Wolfgang Tillmans. Was die Paparazzis da aus ihren Büschen heraus knipsen, ist derart unscharf und verwackelt, dass das Glamouren immer schwerer wird. Oben wie Unten - die Fratzen einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft.

Was also bleibt? Caroline hat sich für eine Notbremsung entschieden. Nachdem die Bilder von ihrer letzten Einkaufstour so unprätentiös daherkamen, als wären auch in Monaco die kleinen Preise einfach günstig, kam ihr eine vortreffliche Idee: Warum nicht die letzte Bastion der Monarchie einfach für privat erklären? Schluss mit den ersten Dienern der Regenbogenpresse. Die Zeit der ansehnlichen Ölgemälde war ohnehin vorbei. Bevor man als Prinzessin also endet wie Sabine Mustermann - lieber eine Revolution von oben.

Der Kaiser ist nackt. Und ganz ohne Staffage sieht er nicht weniger piefig aus als wir anderen Zlatkos und Küblböcks auch. Mit dem Caroline-Urteil aus Straßburg könnten wir die Royalistenbuden eigentlich auch gleich dichtmachen. Denn wenn uns die Reichen und Schönen nicht mal mehr vormachen wollen, wie man schöner wohnt, extremer einkauft und schneller liebt, dann ist die letzte Vorbildfunktion dahin. Abschalten! Kommt nicht´s mehr! Die Medienrevolution flitzt gnadenloser herab als das Fallbeil. Fotos den Hütten, Krieg den Palästen!


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00:00 10.09.2004

Ausgabe 38/2020

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