Nackt

Linksbündig Was ist eigentlich ein gläserner Abgeordneter?

Eigentlich sind wir doch ein recht offenherziges Völkchen. Es gibt gläserne Patienten, gläserne Blicke und bei Patricia Highsmith gibt es sogar eine gläserne Zelle. Nur mit dem Geld, da sind wir doch ein bisschen eigen. Während wir sonst bei Beckmann und Christiansen über alles talken können - vom Sexualverhalten Münchner Modemacher bis zum NS-Chick englischer Prinzen - hört beim Geld der Vortrag auf. Über Geld redet man nicht. Geld hat man.

Mitten hinein in diese pekuniäre Prüderie fällt nun der Schlachtruf nach dem gläsernen Abgeordneten. Deutschland ist empört. Als hätte man sich wirklich nicht vorstellen können, dass in der Republik von Peter Hartz hinter manchem Volksvertreter auch ein Volkswagenvertreter steckt, stürmt man auf die Barrikade. Zumindest auf die Parlamentarier, von denen viele mit Hartz IV noch vor kurzem die Entkleidung ganzer Bevölkerungsschichten bis zur Schamesröte gefordert hatten, schlägt nun das Pendel in voller Wucht zurück. Die letzte Hemmung ist gefallen. "Ausziehen, ausziehen!" rumort es von den Parlamentstribünen.

Was aber soll das eigentlich sein, ein gläserner Politiker? Im deutschen Bildgedächtnis ist von dieser Spezies, soweit bekannt, nur ein einziger hängen geblieben. Er ist verewigt auf einer Fotocollage von John Heartfield aus dem Jahr 1932. Zu sehen ist der durchsichtige Thorax eines schnauzbärtigen Männleins, in dessen Magen und Speiseröhre goldene Taler klimpern. Darunter die Botschaft: "Adolf - der Übermensch. Schluckt Gold und redet Blech".

Das also wird´s wohl nicht sein. Denn Berlin ist nicht Weimar. Die Bundesrepublik ist eine gefestigte Demokratie. Wie sonst kämen einige Abgeordnete auch nur auf die Idee, ihre Leistungen von Siemens, RWE oder Volkswagen zweitverwerten zu lassen? Das sind dumme Bubenstreiche. Wenn nicht systemerhaltend, dann völlig harmlos.

Deutschland steht auf festem Grundgesetz. Und darin heißt es in Artikel 48, Absatz 3 ganz deutlich: "Die Abgeordneten haben Anspruch auf eine angemessene, ihre Unabhängigkeit sichernde Entschädigung". Jetzt wollen wir keine Haare spalten. Bis in die Reihen der Grünen hinein heißt es nun: Abgeordnete sollen ja durchaus Nebentätigkeiten und -einkünfte haben. Aber wenigstens wissen wollen wir noch, warum sie im Ernstfall dann so stimmen, wie sie stimmen. Immerhin zählen wir das Jahr 2005 der Zeitrechnung. Deutschland bewegt sich. Und die Großväter des Grundgesetzes könnten wenigstens in diesem Punkt auch mal ihre Reformfähigkeit unter Beweis stellen. Wo kämen wir denn da hin, wenn der einfache Frankfurter Taxifahrer oder der kleine Arbeitslosengeld-II-Empfänger nach zwei Legislaturperioden nicht mehr in sein angestammtes Betätigungsfeld zurückkehren könnte?

Der gläserne Abgeordnete, das wäre der Sieg des Focus-Prinzips über die Vernunft. "Fakten, Fakten, Fakten" statt gesundem Urvertrauen. Laut einer Umfrage aus dem letzten Jahr sind es ohnehin nur noch drei Prozent der Bundesbürger, die Politikern Vertrauen schenken. Wenn sich Deutschland nicht endgültig auf die Couch legen will, dann muss Glauben und Zutrauen wieder neu gelernt werden. Nicht mit dem Schleifkurs des Leninismus - Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser - sondern durch politische Weichenstellung. Die selbe Umfrage besagt übrigens auch, dass mehr als die Hälfte der Deutschen dem ADAC vertrauen. Eine Verlagerung politischer Entscheidungsprozesse in die Autostadt Wolfsburg ist also nur konsequent.

Die Forderung nach gläsernen Abgeordneten markiert nur den vorläufigen Schlusspunkt einer bedenklichen Entwicklungslinie. In guter Aristotelischer Tradition will die westliche Gesellschaft wieder hinter die Erscheinungen blicken. Das fing mit Reality-TV an und hörte bei Pisa II noch lange nicht auf. Die nackte Zahl, und sei sie nur aus der Steuererklärung eines Politikers, ist die letzte metaphysische Wahrheit eines Volkes, das es wieder genau wissen will. Bevor wir uns von Hans-Olaf Henkel noch mal als "Schlamperrepublik" beschimpfen lassen müssen, singen wir lieber im Chor der Fernsehwerbung "Lass dich nicht verarschen, vor allem nicht beim Preis".

Der deutsche Müßiggang ist in Kontrollzwang umgekippt. Neiddebatten und das Rumschnüffeln in den Zweiteinkünfte von Abgeordneten wären in dieser Situation absolut kontraproduktiv. Jetzt heißt es: Gegensteuern! Etwa so: Sollten sie je einen Antrag auf Arbeitslosengeld II ausgefüllt haben, dann merken Sie sich eins: Wer aus Glas ist, sollte nicht mit Steinen werfen!


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00:00 21.01.2005

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