Nackt Wandern

Alltag Natur ist Kultur, und sich in die Natur zu begeben, bedeutet, Kultur zu interpretieren. Wer dabei keinen Fehler begehen will, kann einschlägige Kurse belegen

"Mit der Elster kennen Sie sich aus?"

"Mit der Elster? Ja, mit der kenn´ ich mich aus."

"Gut. Dann kann ich jetzt beruhigt in den Schwarzwald fahren."

"Sie gehen wandern? Schön. Hauptsache, keine Ringe, Ohrringe oder Kettchen unbeaufsichtigt draußen liegen lassen. Sonst sind sie weg. Elstern leben in Städten wie in Wäldern, die trifft man überall an. Schöne Tiere, ansonsten."

Mein Steuerberater schaut mich groß an.

"Die Elstern. Nicht?", sage ich.

Da dreht er sich auf seinem Schreibtischstuhl nach links einem CD-Ordner zu und streift mit dem Finger über die Titel. "Nein, junge Frau, ich gehe nicht wandern. Nordic walking gehe ich, high end plus one, Aufbaukurs zwei, habe ich als Gutschein zum Geburtstag bekommen. Und das hier, sehen Sie, das ist die Elster. Schieben Sie die CD ein, das Programm sagt Ihnen dann, was Sie zu tun haben. Die Zahlen haben Sie ja, die tragen Sie dann einfach da ein."

Inzwischen weiß jeder, dass die Elster ein Programm und kein Vogel ist, und wenn ein Kind einmal fragen sollte: "Warum heißt der Vogel wie das Steuerformular?", dann wird man ihm sagen: "Weil der Vogel gerne so ist, wie die Elstererklärung, nämlich diebisch. Und deshalb nennen wir den Vogel auch so."

Auch Nordic walking muss längst nicht mehr erklärt werden. Nur wenige Jahre ist es her, da fand man es noch merkwürdig, wenn Menschen im Stechschritt durch ein unschuldiges Birkenwäldchen marschierten. Inzwischen haben wir uns längst daran gewöhnt. Auch an Passanten haben wir uns gewöhnt, die sich auf der Straße mit beiden Armen frei gestikulierend laut unterhalten, dabei aber allein sind. Erst dachten wir noch: "Führen jetzt plötzlich alle Selbstgespräche? Werden wir alle zu Verrückten oder Autisten in dieser sich bis in die Galaxie hinaus atomisierenden Gesellschaft?" Heute wirken laute Redner ohne Begleiter, denen nur eine dünne Schnur unters Jackett fährt, bedeutsamer als Schweigende ohne Schnur. Sie sind vernetzt und verkabelt und haben es nicht mehr nötig, vor Ort zu sein. Vor Ort sind die anderen; wer wichtig ist, ist woanders.

Menschen, die sich am selben Ort aufhalten und miteinander sprechen, gelten heute als einsam, zumindest als gefährdet, vor allem dann, wenn sie länger als eine halbe Stunde am selben Ort verharren; sie müssen sich offenbar mit dem begnügen, was gerade da ist.

Fragen muss sich gefallen lassen, wer Dinge tut, die früher als selbstverständlich galten. Wer zum Beispiel in deutschen Mittelgebirgslandschaften wandern geht. Wandern - diese offensiv sinnlose Tätigkeit, unkoordiniert und gedankenlos in den Tag hinein zu flanieren. Bald wird sich dafür ein Kurs anbieten.

Manche Menschen gehen in die Natur, weil dort alles noch so authentisch ist; weil eine Kuh noch eine Kuh ist und ein Kind ein Kind, das begreifen lernt, woher die Milch kommt. Nur wissen die Menschen dort, dass die Natur auch längst nicht mehr ist, was sie einmal war. Natur ist Kultur, und sich in die Natur zu begeben, bedeutet, Kultur zu interpretieren. Um beim Interpretieren keinen Fehler zu machen, kann man sich beim Aufbaukurs "Richtiges Natur- und Kulturinterpretieren" im Elbsandsteingebirge anmelden, lese ich in schwarzen Lettern auf einem knallgelben Plakat in einem Lokal im Wald, notiere mir die Adresse und gehe hin. "Was ist das für ein Kurs?", frage ich eine Frau, die gerade die Schiebetür zu einem Sitzungsraum aufzieht und gleichzeitig versucht, einen bunten Strauß Textmarker nicht auf den Boden fallen zu lassen. "Es handelt sich", wie die Kursleiterin mitteilt, "um eine anglosächsische" - bitte? "um eine anglosächsische Einrichtung, die das Ziel hat, echte Naturkultur ganzheitlich erfahrbar zu machen."

Es ist nicht schwierig, wie sich zeigt.

Nehmen wir einen Rasen. Der kann als Kulturprodukt problemlos durchgehen, viel eher als ein Naturprodukt. Also ist das Rasenmähen - das Rasieren, eine Kulturinterpretation, meistens eine kollektive sogar, wenn wir am Wochenende die Vororte Berlins aufsuchen. Dort wird kollektiv interpretiert, die Männer mähen den Rasen, drinnen saugen die Frauen den Teppich - der mit etwas Wohlwollen ruhig als Naturprodukt gelten kann - Bakterien siedeln da, und Hautpartikel neben Schuppenflechten, Fußnägeln und anderem DNA-Humus, Wursthäuten, Fliegenleichen.

Auch die Natur im Elbsandsteingebirge ist vor Kultur nicht sicher. Eigentlich wollten wir dort klettern gehen. Doch weil das Klettern in der Sächsischen Schweiz anders ist als in der Schweiz, in Italien oder in Frankreich, weil man im Elbsandsteingebirge so genannte Keilklemmen braucht, die in die Felsritzen eingekeilt werden, mussten wir es bleiben lassen und wandern nun arglos durch den Wald.

Wir sitzen über einem überwältigenden Abgrund, um uns ein wallendes Wäldermeer; dazwischen unverblümt in die Höhe ragende Gesteinstürme. Unsere Beine baumeln über einem Abgrund von tausend Metern; wir fürchten uns. Doch wovor? Davor, in die Tiefe zu fallen? Nein. Davor, dass wir springen könnten, sagt Sartre. Das aber kann die Natur nicht gewollt haben. Und was wider die Natur ist, ist Kultur.

Plötzlich treten drei Nackte aus der Ida-Höhle ins Freie. Mitten im Oktober. Drei Männer um die fünfzig, splitternackt und braun gebräunt, das sind sie wirklich, erstaunlich gleichmäßig braun gebräunt. Mit Bergschuhen und Rucksäcken mit Hüftgurten, und darunter, unter den Hüftgurten, schlenkern jeweils ihre Penisse und lugen ihre Hodensäcke hervor - auch die: erstaunlich gleichmäßig gebräunt; und silbern schimmert ihr schütteres Schamhaar.

"The more exposed, the more invisible." Ich weiß nicht warum, aber plötzlich fällt mir dieser Satz ein, der auf der letzten Dokumenta irgendwo auf einer Wand zu lesen war. Ich beiße in meine Tomate, ich glaube, vor Scham. Auch die anderen essen jetzt einfach weiter.

Ob das hier so üblich ist? "Im Osten, ja", hör ich es flüstern. "Quatsch", hör ich es von der anderen Seite. "So etwas kann nur aus dem Westen kommen, aus Amerika."

"Dazu sind die doch viel zu verklemmt, in Amerika", kommt es wieder von der einen Seite.

Die drei Nackten schauen derweilen übers weite Panorama und wandern dann gemütlich weiter.

Nein, es ist nicht üblich, nacktes Wandern in Sachsen. Es muss ein Kurs sein. Ganzheitliches Wandern oder Ähnliches. Nur wir, scheint mir, sind ohne Kurs unterwegs.

"Und welchen Kurs besuchen Sie?", frage ich wenig später einen jungen Mann, der gerade mit einem Stück Baumstamm auf der Schulter daher kommt. Er stellt den Baumstamm ab und fährt sich mit dem Handrücken über die schwitzende Stirn. Da sehen wir, dass er nicht allein unterwegs ist, sondern mit einer ganzen Gruppe, von denen jeder je einen Baumstamm auf der Schulter trägt. "Was für ein Kurs?", und er lacht. "Das ist kein Kurs. Das ist ein Abenteuerwochenende", sagt er, schultert den Baum und geht weiter.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare