Nackte Aggression ist unamerikanisch?

USA Kriegstreiber überrunden die Friedensbewegten - Kritiker der Bush-Regierung sind in Gefahr, sich ans Verlieren gewöhnen zu müssen

Kriegsgegner haben einen schweren Stand in den USA. Irakkriegs-enthusiastisch sind sie nicht gerade, die Amerikaner, aber die Mehrheit hat auf Patriotismus pur gestellt, sagt Ja zum "Krieg gegen den Terrorismus" und billigt Präsident Bushs Pläne, Saddam Hussein "abzusetzen". Mehr noch: Nahezu sang- und klanglos hat die Öffentlichkeit die kürzliche Bekanntmachung eines offiziellen Strategie-Papiers hingenommen, wonach US-Militärplaner vom Abschreckungsprinzip zu einer Option des Erstschlags (first strike) gegen feindliche Staaten übergehen.

Natürlich gibt es Opposition zum Irak-Krieg. Sie bekämen mehr Telefonanrufe gegen als für den Krieg, berichten so manche Abgeordnete und Senatoren. Vielerorts haben Kriegsgegner demonstriert (siehe unter anderem: www.globalexchange.org/www. unitedforpeace.org/www.peacefultomorrows.org). Kürzlich kamen mehrere Hundert nach New York zu einem Vorbereitungstreffen für die "ganz große" Anti-Kriegskundgebung am 26. Oktober in Washington. Eine Parallelaktion soll in San Francisco steigen. Doch David Cortright - zu Zeiten des Kalten Krieges Direktor der Friedensorganisation SANE - sieht keinen Grund zu übermäßigem Optimismus. Unter dem Strich habe die Bewegung keinen großen Rückhalt in der Bevölkerung. Das sei auf die "außerordentlich erfolgreiche" Propagandakampagne der Regierung zurückzuführen; sie missbrauche die Empörung über den 11. September 2001 zur Unterstützung militärischer Kampagnen. Bush habe seine Kritiker regelrecht "überrumpelt" mit seinem Alarmruf Anfang September, Saddam sei eine große Bedrohung (er hat Osama bin Laden auf Platz zwei verdrängt), und dann mit seinem Schachzug, zur UNO zu gehen.

"Nackte Aggression ist unamerikanisch", erklärte die demokratische Abgeordnete Marcy Kaptur. Sie und etwa zwei Dutzend Parteikollegen riefen eine Koalition gegen einen Angriff auf den Irak ins Leben. Demokratische Promis - das heißt, die vermeintlichen Präsidentschaftskandidaten - von Senatsführer Tom Daschle über Dick Gephardt, den Chef der Demokraten im Repräsentantenhaus, bis hin zu Joe Lieberman, haben aber nichts Wesentliches auszusetzen an den Plänen des Präsidenten. Ganz im Gegenteil; sie wollen einmal mitverantwortlich gewesen sein für Saddams Sturz. Nur Al Gore hat etwas Kritik angemeldet.

Viele Demokraten stimmten gegen den Golfkrieg 1991. Nun sind sie aber wohl dabei, Bush den Weg nach Bagdad frei zu räumen. Eine von zahlreichen Demokraten befürwortete Kongressresolution würde Bush zwar nicht die "authority" geben, in der ganzen "Region" umzuräumen, wie er möchte, sondern "nur" im Irak. Das ist das Dilemma der Friedensbewegten: Es gibt abgesehen von Kapturs Minderheit mit ihrer nicht unbedingt geschichtstreuen Analyse niemanden im politischen System, der mit ihnen gemeinsame Sache machen könnte. Und in der US-Medienlandschaft zählt nicht viel, wer draußen vor der politischen Tür steht.

Prominente Kirchenvertreter haben sich gegen einen unilateralen Angriff ausgesprochen; käme die UNO ins Spiel, wäre allerdings mit weniger Protesten zu rechnen. Nach Umfragen sind Frauen und ethnische Minoritäten kriegsskeptischer als Bushs harter Kern, die weißen Männer. Diane McNaron, von Beruf Musikerin, erlebt in ihrer Heimatstadt Birmingham (US-Bundesstaat Alabama), dass selbst "die meisten Arbeiter" für den Krieg seien. McNaron organisiert am 26. Oktober den Bustransport nach Washington. In Birmingham hätten Pax Christi, Quäker und Muslime kleinere Kundgebungen veranstaltet, und seien "sehr unfreundlich" behandelt worden von der Polizei. Passanten regten sich gelegentlich auf, ein Aktivist sei sogar bespuckt worden.

Anderswo greifen Superpatrioten sogar zu illegalen Mitteln. In Kalifornien hätten mehrere Friedensgruppen Bombendrohungen bekommen, berichtete eine Tageszeitung. Im Zuge der Terrorismusbekämpfung werden Demonstranten zu Verdachtspersonen erklärt. Der Polizeichef von Washington warnte vor den Anti-IWF-Demonstrationen in der US-Hauptstadt Ende September, Terroristen könnten unter dem Deckmantel der Aktionen zuschlagen oder Demonstranten würden die für einen Terroranschlag vorgesehenen Fluchtrouten für Ortsbewohner blockieren. Da müsse die Polizei entsprechend vorbeugen.

Die Verantwortlichen der US-Regierung gehen anscheinend davon aus, dass der Krieg schnell vorbei sein wird. Im Golfkrieg von 1991 sind nur 148 US-Soldaten gefallen; Hunderttausende Iraker verloren ihr Leben, viele davon fliehend auf dem sogenannten Highway des Todes. Doch so ganz "kostenfrei" war der Krieg nicht für die US-Soldaten: Zehntausende leiden noch heute am ungeklärten Golfkriegssyndrom mit seinen diffusen Erscheinungen von Muskelschmerzen, Gleichgewichtsstörungen und Gedächtnisverlust.

Fast alle Kritiker der Bush-Regierung sind in Gefahr, sich ans Verlieren zu gewöhnen. Erst hat der texanische Gouverneur die Präsidentschaftswahlen an sich gerissen. Dann festigt er seine Macht mit dem 11. September. Jetzt realisiert er die außenpolitischen Träume der ganz Rechten von einer amerikanischen Weltherrschaft. Denn darauf läuft das 32-seitige Strategiepapier hinaus. Präventivkriege, und die USA sollten es nie wieder zulassen, dass ihre Superiorität jemals in Frage gestellt wird.

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00:00 27.09.2002

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