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Gegenwart Kai Hensels Thriller „Bist du glücklich?“ kapert souverän das Genre. Wir sind die Statisten

Laura und Patrick sind eigentlich zwanzig Jahre zu jung für einen idyllischen Landsitz mit Karpfenteich. Er ist 28, sie ist 26. Er hat eine App am Laufen, sie schreibt ein Detox-Buch. Sie sind Prototypen eines neuen Berlin, das nicht mehr arm und sexy sein will. Neues Geld kauft altes Prestige, das ist der Gang der Welt. Selten aber sieht man diesen Gang so lustvoll aus dem Tritt gebracht wie in Kai Hensels Thriller Bist du glücklich?

Vor vier Jahren hat Hensel mit Das Perseus-Protokoll einen (eigentlich kaum, aber dann doch) denkbaren Verlauf der Griechenlandkrise beschrieben. Das Buch hatte kein Gramm Theorie zu viel, alles war strikt mit Figuren verbunden, es ging um ein Leseerlebnis, das auf Identifikation setzte. Fast noch konsequenter setzt Hensel in Bist du glücklich? auf ein Verfahren, das in Computerspielen die Situationen bestimmt: alles ist „point-of-view“, einen souveränen Erzähler gibt es zwar immer noch, er zeigt sich darin, dass er Fragmente zunehmend hektisch werdender Erlebnisse höchst wirkungsvoll miteinander in Beziehung setzt.

Die Ereignisse in Hensels neuem Buch beschränken sich auf einen Tag und eine lange Nacht. Patrick und Laura fahren aufs Land, in einen fiktiven Ort namens Bugelow. Man kann hier gut jedes beliebige Landgut in der Uckermark einsetzen, auf dem sich die Erfolgreichen der Berliner Republik in den letzten Jahren ein Idyll geschaffen haben. Das Schloss in Bugelow ist stark renovierungsbedürftig, aber als romantische Kulisse für ein Treffen mit einem amerikanischen Investor bestens geeignet. Laura ist eine höhere Tochter aus Hamburg, die sich vor allem um die Zahl der Likes sorgt, die sie mit einem Eintrag über jüdische Speiseregeln auf Facebook erreicht.

Patrick und Laura werden verfolgt. Eine Krankenschwester, die eine Obession für den gut aussehenden Jungunternehmer entwickelt hat, fährt in einem Käfer hinterher. Die Gewalt, die davor eher nur implizit eine der Verhältnisse war, bekommt mit Schwester Brigitte eine konkrete Dimension, und allmählich wird deutlicher, welche Genre-Anleihen Hensel dieses Mal nimmt.

Bist du glücklich? hat so manchen Moment, den man im Kino unter „Splatter“ verzeichnen würde, und eine wesentliche Idee der Geschichte greift die grassierende Mythologie des Vampirismus auf. Hensel bezieht auch konkrete Verhältnisse im deutschen Grenzland mit ein. Eine hochgroteske Szene in einer Investitionsruine besiegelt das Schicksal zweier Figuren, bei denen man sich an Philip Scheffners Dokumentarfilm Revision über zwei illegale Migranten aus Rumänien erinnert fühlen könnte, die in Mecklenburg-Vorpommern bei einem „Jagdunfall“ den Tod fanden. Wenn es um das nackte Leben geht, ist Hensel beinharter Realist.

Von wegen Entgiftung

Gute Genre-Literatur lebt davon, dass sie ein Sensorium für Konstellationen hat. Hensel geht es sehr wesentlich darum, die Qualitäten der virtuellen Welten zurück in eine körperliche Wirklichkeit zu holen, die er drastisch beschreibt: Zwischen K.-o.-Tropfen und Aufputschmitteln geht es hier ständig um eine Balance auf Messers Schneide. Von Detox kann keine Rede sein.

Computerspiele eignet die Suggestion, dass man mit jedem Level einem Ziel näherkommt. Es ist schon fast perfide, wie lustvoll Hensel seinem Helden ständig Prügel vor die Beine wirft: Patrick kommt gar nicht dazu, voranzukommen, weil sich die Probleme so auftürmen. Und mit seiner Levellösungsethik kann er sich zwar in der Illusion wiegen, eines nach dem anderen abzuarbeiten, er beschwört damit aber nur neues Unheil herauf. In seiner bitterbösen Rasanz ist Bist du glücklich?, wie die gleichnamige App im Buch, selbst in hohem Maße immersiv, versucht also, die Leser so unmittelbar wie möglich in das Geschehen zu verstricken. Zugleich ist Hensels Verfahren aber erkennbar so hochspekulativ, dass man kaum anders kann, als die ironische Distanz wiederzufinden, von der das Buch eigentlich geprägt ist. In dieser Spannung liegt mehr als nur handwerkliche Qualität: Bist du glücklich? ist Literatur auf dem Level der Gegenwart.

Info

Bist du glücklich? Kai Hensel Hoffmann & Campe 2016, 336 S., 20 €

*Die Fotos der Beilage

Kamil Sobolewski, geboren 1975 in Gdansk, Polen, studierte Fotografie an der Berliner Ostkreuzschule. Für seine Arbeit „Rattenkönig“ wurde er unter die neun Finalisten im Fotowettbewerb „gute Aussichten – junge deutsche fotografie“ für das Jahr 2015/2016 gewählt. Die Jury schrieb, Sobolewski begebe sich auf eine Reise ins Innere. „Die kleinen schwarzweißen Formate zeigen eine metaphorische Reihung unterschiedlicher Gefühls- und Bewusstseinszustände, in denen es um existenzielle, grundsätzliche Fragen geht. Aus den kraftvollen, existenzialistisch durchhauchten Bildern geht eine Mischung aus Trotz und Resignation, Aggression, Kampf und Zärtlichkeit hervor.“ Mehr Informationen zu Kamil Sobolewskis „Rattenkönig“ (in Englisch, 14,8 × 21 Zentimeter, 64 Seiten, 24 Euro) unter dienacht-magazine.com

06:00 24.11.2016

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