Näh mir ein Funkloch

Intervention Aram Bartholl zeigt mit „Strike Now!!“, wie unser Leben stetig, aber unaufhaltsam mit dem Internet verschmilzt

Ein netter Mann ohne Hose bestellt Ravioli und gibt zwei Euro. Danke.“ Unter dem Pseudonym @foodoraboi twitterte eine Weile ein Mitarbeiter des Lieferdienstes über seinen Arbeitsalltag. Meist ging es um Bestellungen, Trinkgeld, Freundlichkeit und Kleidung der Kunden. Einige hatten wenig an, waren wortkarg und knauserig. Der foodoraboi derweil dankte immerzu, unverdrossen. Begegnungen dokumentierte er nüchtern. „Fahre Aufzug und ein Mann fragt: Ob das zulässig ist?“ Der Alltag seiner Mitmenschen irritierte ihn wie sie sein Job. „Ich schaue in ein Fitnessstudio. Da bezahlen Leute Geld für Radfahren auf der Stelle.“ Die Einträge waren lakonisch, witzig, manchmal zynisch, öfter einfach Poesie. Mittlerweile ist der Account offline, foodoraboi hatte es für kurze Zeit zu Berühmtheit gebracht.

Der Künstler Aram Bartholl schaut auf solchen Aberwitz, auf die Auswüchse in der sogenannten Gig Economy. Sein Konzept ist dabei nicht nur künstlerisch, sondern offen für den Diskurs. Mit seiner Einzelausstellung Strike Now!! will Bartholl in Vorträgen und auf Panels über die Auswirkungen der Plattformisierung der Arbeit sprechen. „Ist das die neue Sklaverei der kommerziell ausartenden Internetrevolution?“, fragt Bartholl. Sicher ist, dass die unsicheren Arbeitsbedingungen zu prekären Lebensverhältnissen führen. Jüngst hat der britische Lieferdienst Deliveroo sich vom deutschen Markt zurückgezogen, innerhalb von nicht einmal einer Woche waren Hunderte von freiberuflichen Fahrern ohne Arbeit und Aussicht auf Entschädigung, weil sie ja in keinem festen Arbeitsverhältnis standen. Bartholl wird im Ausstellungsraum den Alltag der freien Dienstleister erlebbar machen. Man kennt das aus Youtube-Videos, die zeigen, wie die Fahrer ihre Smartphones pimpen, um schnellstmöglich reagieren zu können, wenn ein Auftrag über eine Onlineplattform reinkommt.

Google-Pin über alles

Bartholls Arbeiten zeichnet ein subtiler Witz aus. Bekannt wurde der Bremer Medien- und Konzeptkünstler mit seiner Arbeit Map, deren Ausgangspunkt Google Maps ist, also der Online-Kartendienst der Internetsuchmaschine. Ein kleiner roter Pin zeigt online auf der Karte das von Google lokalisierte Zentrum einer Stadt an. Eine Skulptur in Form dieses großen roten Pins markiert „in echt“ im Stadtraum das von Google lokalisierte Zentrum, wenn Bartholl eingeladen wird, Map zu realisieren. Interventionistisch frappant wie simpel: Der Betrachter erkennt, wie unser Leben on- und offline schleichend, aber stetig verschmilzt.

Aram Bartholl, Jahrgang 1972, ist einer der Großen der Netzkunst. Sein Thema ist seit den nuller Jahren die Auswirkung der Digitalisierung auf die Gesellschaft. Ein anderer Netzkünstler schrieb einst auf Facebook: „Sagt’s nicht dem Internet, aber ich bin ganz dicke mit Constant, Aram, Cory und Evan.“ Im Internet weiß natürlich jeder, der sich für Kunst im Internet interessiert, wer gemeint ist. Constant Dullaart, Aram Bartholl, Cory Arcangel und Evan Roth. Ihre Namen sind vielleicht nicht so geläufig wie die von Gerhard Richter, Jeff Koons und Damien Hirst, aber auch sie haben ihre Bettys, Balloon Dogs und Totenschädel geschaffen. Nur sind ihre Themen andere. Lange bevor es ein Allgemeinplatz war, dass Einzelpersonen und Unternehmen Follower und Likes kaufen, haben sie die Aufmerksamkeitsökonomie und den Plattformkapitalismus auseinandergenommen.

Projekträume

Für die freie Kunstszene wird es enger. Seit 2011 würdigt die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa die widrigen Bedingungen von Kunstraumbetreibern in der Stadt. Das Preisgeld von 37.000 Euro soll „die Arbeit unterstützen, die Vielfalt sichern und die Programme sichtbarer machen“. Die Jury (April Gertler, Sonja Hornung, Radek Krolczyk, Oliver Möst, Florian Wüst) hat aus 141 BewerberInnen die PreisträgerInnen für 2019 ausgewählt.

Ausgezeichnet wurden: Apartment Project e.V., Centrum, Datscha Radio, District Berlin, EVBG, gr_und e.V., Horse & Pony, Kotti-Shop, Kreuzberg Pavillon, meantime projects, mp43-projektraum für das periphere, New Theater, panke.gallery, Raumerweiterungshalle, Schneeeule, Scriptings, singuhr e.V., Spor Klübü, The Institute for Endotic Research, TROPEZ. Auch 2020 will Berlin den Preis an „ansässige, selbstorganisierte, künstlerische Projekträume und -initiativen“ vergeben. Allerdings hat man die Vergabe unter den Vorbehalt „verfügbarer Haushaltsmittel“ gestellt.

Der niederländische Konzeptkünstler Constant Dullaart beispielsweise hat für 5.000 Dollar 2.5 Millionen Follower gekauft und sie auf Protagonisten in der Kunstwelt verteilt. Das war im Jahr 2014. Unter dem Titel High Retention, Slow Delivery steht ein Video im Netz, das zeigt, wer von Dullaart mit Followern beschenkt wurde, um je auf 100.000 Follower zu kommen. Galerien, Kritiker, Museen, Künstler und Magazine, alle sollten sie gleich wichtig sein. Bartholl war nicht unter den Beschenkten, auf Instagram hat er nur knapp 3.000 Follower. Solche Zahlen können ihm allerdings im Vergleich zu KünstlerInnen, die über die sozialen Medien bekannt geworden sind und ihren Weg in die Kunstwelt mal langsam und mal schneller finden, egal sein. Als Instagram 2010 groß wurde, war er längst international etabliert. Seine Arbeiten waren unter anderem im MoMA in New York zu sehen, bei den „Skulptur Projekten Münster“ und bei der Venedig-Biennale. Ab dem Wintersemester hat er an der HAW Hamburg eine Professur für Kunst mit Schwerpunkt digitale Medien, die Galerie Roehrs & Boetsch in Zürich vertritt ihn.

Der Google-Maps-Pin ist Bartholls Betty. Diesen Sommer war der riesige Pin auf dem Dach des San Francisco Museum of Modern Art im Rahmen der Ausstellung snap+share. transmitting photographs from mail art to social networks installiert. Dem Museum ging es darum, sich als Ziel und Zentrum auszuweisen, ist im Katalog nachzulesen. Heute funktioniert Map natürlich auch wie ein erhobener Zeigefinger, der daran erinnert, dass im digitalen Zeitalter Metadaten hinterlassen werden, wenn Fotos in den sozialen Medien mit Geotags versehen werden. „Aram Bartholl untersucht diese Spannung zwischen Internettechnologie und dem realen Leben“, steht im Katalog. Damit ist der Kern des künstlerischen Schaffens von Bartholl getroffen. Was passiert, wenn der physische und der virtuelle Raum verschmelzen? Was macht das mit uns, wenn die Follower in den sozialen Medien immerzu perfekte Bilder vom perfekten Leben sehen wollen?

„Kunst“ nennt er das erst nicht

Eine Antwort hat er bei der Thailand-Biennale im Jahr 2018 mit seiner Performance The Perfect Beach gegeben. Bartholl hat das Bild des ultimativen Traumstrandes, wie wir es vom Desktop-Hintergrund kennen, vergrößert, zwei Performer sind damit den Phra-Nang-Strand entlanggelaufen, um den Urlaubern eine Selfie-Kulisse – Strand, Palmen, Meer – zu bieten. Die gab es natürlich schon, immerhin waren sie gerade an einem der schönsten Strände Thailands. Wenn Kloschlüsseln zu Flugzeugfenstern umfunktioniert werden, um die Reise in den nächsten Traumurlaub zu inszenieren, wer weiß da noch, was Fake ist und was nicht? Bartholl überdreht die Anstrengungen, die unternommen werden, um täglich in den sozialen Medien für ein bisschen Anerkennung und Bestätigung performen zu können. Er zeigt, wie das Belohnungszentrum im Gehirn immer wieder animiert werden will.

Kaum jemand durchdenkt so konsequent im Künstlerischen wie Bartholl Herausforderungen und Folgen der Digitalisierung. Als seine ersten Arbeiten entstanden sind, war ihm selbst gar nicht so klar, erzählt er, dass er da Kunst macht. Bartholl war immer mal wieder beim Kongress des Chaos Computer Clubs eingebunden, er hat beispielsweise Hackern in Workshops an Nähmaschinen beigebracht, sich selbst ein Funkloch in Form einer Handytasche zu nähen. Dafür braucht man Polyamidgewebe, das die Tasche zu einem Faraday’schen Käfig macht, damit das Handy absolut keinen Empfang mehr hat. Seit 2006 nennt er sich Künstler, weil seine Arbeit doch viel mehr ist als ein netzpolitisches Statement. Sein Werk übersetzt das Internet in den Raum. Nicht wie die typischen Post-Internet-Künstler, die zeitgeistige Objekte für den White Cube schaffen, weil sich Netzkunst, also Kunst im Browser, dann doch nicht so gut verkaufen lässt. Post-Internet-Künstlern wurde schnell der Vorwurf gemacht, dass sie Werke schaffen, die fotografiert erst richtig gut aussehen. Schließlich wollen sie mit ihren Ausstellungsansichten Likes sammeln. Bartholl derweil hat diesen didaktischen Ansatz, Richtung Kunstmarkt hat er nie geschielt. Er ist näher dran an der ersten Generation Netzkünstler. Die hofften, dass sie durch die weltweite Verbreitung von Kunst im Netz die Gatekeeper im Kunstbereich umgehen könnten. „Das Internet ist der direkte Draht zum Publikum“, sagt Bartholl. So ist auch sein großer Hit Dead Drops entstanden. 2010 hat er die ersten fünf USB-Sticks zum anonymen Datenaustausch in Mauern in New York gesteckt, Daten konnten von jedem hinzugefügt oder heruntergeladen werden. Das Publikum hat sich rasend schnell weltweit beteiligt und hat die Dead Drops zu seinem Offline-Viralhit gemacht. Über 1.400 USB-Sticks wurden installiert.

Die Gig Economy verändert die Arbeitsgesellschaft radikal, Aram macht sie erfahrbar, dystopisch ist sein Zugang nicht, weshalb seine Kunst nicht zuletzt auch Spaß macht. Seine Ausstellung während der Berlin Art Week ist in der panke.gallery zu sehen, die dieses Jahr einen der zwanzig Preise zur Auszeichnung künstlerischer Projekträume erhalten hat. Gründer und Kurator Robert Sakrowski möchte im Wedding ein Zentrum für Netzkunst etablieren, das Ausstellungsraum und Archiv zugleich ist, weil maßgeblich in Berlin die Geschichte der Netzkunst geschrieben wurde. Bartholl ist einer der Protagonisten dieser Geschichte.

Info

Strike Now!! Aram Bartholl panke.gallery 11. – 15. September 2019

Anika Meier ist freie Autorin und Kuratorin. Für das Magazin Monopol schreibt sie eine Kolumne über Kunst und soziale Medien

Beilage

Dieser Beitrag ist Teil des Berlin Art Week Spezials – einer Kooperation des Freitag mit der Berlin Art Week

06:00 13.09.2019
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