Nähe, Nähte

Cord Seine Kuschelrippchen haben einst unsere zarten Seelen geprägt. Was heißt es wohl, wenn er wiederkommt? Psychologisieren Sie bitte jetzt
Ruth Herzberg, Gerald Fricke | Ausgabe 45/2019
Nähe, Nähte

Illustration: Christian Bobsien für der Freitag

Berlin, Hauptstadt der DDR, Ende der 70er Jahre. „Schlaf jetzt! Gute Nacht!“ Licht aus, Tür zu. Aber besser als allein im Dunkeln zu liegen und sich zu gruseln, ist es, sich durch den dunklen Flur zu schleichen und durchs Schlüsselloch ins helle Wohnzimmer zu gucken. Da sitzt Mama auf dem braunen Cordsofa und sieht fern. Zu sehen ist nur das Sofa, eine Ecke vom Fernseher und ein Stück von Mamas Beinen. Das reicht nicht. Vielleicht klappt es heute Abend, die Tür ganz leise ein ganz kleines bisschen aufzumachen. Vielleicht kann ich mich heute Abend unbemerkt in Licht und Wärme hineinschleichen. Aber das Wohnzimmer ist strenger bewacht als die innerdeutsche Grenze. Kaum habe ich die Klinke berührt, merkt Mama das. „Was machst du denn hier, ab ins Bett!“, ruft sie und ich muss zurück in die Dunkelheit.

So war das damals. Kinder mussten allein im Dunkeln einschlafen. Ostberliner Intellektuelle tranken permanent schwarzen Tee bei Kerzenlicht, ihre Wohnungen wurden mit Gas und Kohle geheizt und alle hatten Cordsessel, Cordsofas, Cordhosen.

Die Spießer trugen Hosen aus schmalem Cord mit Bügelfalte, aber Mutter und ihre Freunde trugen Breitcord. Je breiter der Cord, desto weiter der Geist.

Cord war Kindheit, Cord war Angst. Als ich bei meinem besten Freund Johannes übernachtete, wurde ich nach einer Kissenschlacht von seiner Mutter auf die blaue Cordliege im Arbeitszimmer ausquartiert. Über der Liege hing ein Regal. Ich konnte deswegen nicht schlafen. War das Regal denn überhaupt fest genug angeschraubt?

Es schwebte über mir, reichte bis zur Decke und war mit Unmengen von Büchern vollgestopft. Das konnte gar nicht halten. Es würde auf mich fallen und mich zerquetschen. Ich lag im Dunkeln und starrte die leicht durchgebogene Regalunterseite an, um mich im Fall der Fälle rechtzeitig zur Seite zu rollen.

Unten auf der Straße fuhren Autos vorbei. Ihr Scheinwerferlicht wanderte über die Zimmerdecke. In der Zimmerdecke waren Risse! Das Haus war ein Altbau. Es war klar: Irgendwas würde heute Nacht zerbrechen. Entweder das Regal oder gleich das ganze Haus. Ich lag auf der Cordliege, bedroht vom Regal und der bröckligen Zimmerdecke und wartete auf den Tod.

Die Erwachsenen saßen indes bei Kerzenschein in der Küche. Kerzen durfte man nicht unbeaufsichtigt brennen lassen, hatte ich im Fernsehen der DDR gelernt. So entstehen Brände! Eine brennende Kerze fällt um und die ganze Wohnung fängt Feuer!

Trotz meiner Angst vor Feuer habe ich gerne mal gekokelt, wenn ich allein zu Hause war, und so tropfte öfter mal Kerzenwachs auf meine Cordhose. Ich weiß noch genau, wie es sich anfühlt, mit dem Fingernagel Kerzenwachs von Cordstoff zu kratzen.

Cord war Kindheit, Cord war Angst, Cord war Kerzenlicht und schwarzer Tee, Cord war Geborgenheit, Cord war Herbst. Die 70er waren Herbst. Anfang der 80er wurde es hell. Oma tauschte ihre dunkelblaue Cord-Eckcouch gegen zwei weiße Webstoffsofas aus, in der DDR gab es mittlerweile richtige Jeans zu kaufen, anstatt der bisherigen Imitate aus braunem Cord, der sogenannten Doppelkappnahthosen.

Ruth Herzberg

In den frühen achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts trugen Erhard Eppler und progressive Pastoren Rollkragenpullover und Cordanzug und zeigten uns Konfirmanden damit, dass sie gegen den NATO-Doppelbeschluss waren. Dessen Erfinder, Helmut Schmidt, der erste Angestellte der Bundesrepublik, trug ebenfalls Cord in der Freizeit („sieht ja aus wie bei Karstadt hier!“), hackte mit Spiegel-Redakteuren in Schlaghosen Holz und segelte am Brahmsee.

Sammy Davis jr. erklärte bei Bio’s Bahnhof, wie man richtig klatscht – auf der zwei und der vier. Auch Inge Meysel und Cord Jürgens machten mit, und Roger Moore konnte sogar in der Spielbank in Monte Carlo im Cordanzug auftreten. Die Kernkraftwerke waren atombombensicher und jeder Arbeitnehmer sollte in dreißig Minuten einen Autobahnanschluss erreichen können. Dafür standen Bundesverkehrsminister „Schorsch“ Leber, Cord Gscheidle und das Grundgesetz. Mit dem Ostblock war auf der KSZE-Schlussakte in Helsinki der „dritte Korb“ zur Regelung der humanitären Angelegenheiten verabschiedet worden. Mit einem Opel Rekord konnten auf der Transitautobahn sogar imperialistische Jeanshosen (der Freitag 42/19) in die DDR geschmuggelt werden. Die Entspannungspolitik war erfolgreich auf Cord gezogen. Es gab sogar Meinungsfreiheit, bis auf Bayern: Der „Stoppt Strauß!“-Button durfte nicht getragen werden.

Später, in der Berliner Republik, sollte „Kommissar Speiche“ das Cord des öffentlichen Dienstes wieder auftragen, wenn er meine Fahrraddiebstahlanzeige aufnahm: „So, wo ist denn meine Lesebrille“ ... Wir tauschten uns über „das verrückte Wetter“ aus. Wir gaben meine Daten ein, Einfinger-Adlersuchsystem. Wir schüttelten die Köpfe über die Explosion der Managergehälter und wieder „das verrückte Wetter“. So, bitte hier unterschreiben.

Versehentlich eingeführt in das „andere“ Nachkriegsbürgertum wurde das Cordjackett schon von Jean-Paul Sartre. Als Gegenentwurf zur formierten Gesellschaft unter Bundeskanzler Ludwig Erhard, dessen Hipster-Undercut hinwiederum im 21. Jahrhunderts von aufstrebenden Zweitligafußballern wiederentdeckt werden sollte. „Aber wir wollen nicht abschweifen, liebe Sportfreunde“, um es mit Ernst Huberty zu sagen: Das Ende der Rheinischen Republik wurde nicht mit dem Mauerfall, sondern schon mit dem „Breitcordschock“ in der ZDF-Hitparade 1973 eingeläutet. Die feinen Unterschiede der Krisensiebziger waren unübersehbar: Die Reaktion trat mit kaltem Luhmann-Laborkittelcord und den Chicago Cordboys (Hayek, Friedman) im Verein mit französischem Post-Cord gegen das aufgeklärte Tagesschau-Cord Karl-Heinz Köpckes an. Foucault gegen Habermas, nur anders.

Und heute? Wanderer, kommst du in die „Start-up-Community“ einer mittelgroßen Stadt, so verkündige dorten, du habest ein meta-ironisches Jackett gesehen. Als Statement für das „Cord-Working“ und den neuen Gesellschaftsvertrag, möglicherweise. Aber Moment, es klingelt gerade, die postmoderne Mehrfach-Cordierung ruft an, muss ich rangehen!

Gerald Fricke

06:00 04.12.2019

Ausgabe 14/2020

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