Nah wie nie

Schauspiel Ein Abend am Theater Basel zieht die Betrachter tief in die kühle Sprachwelt der Exilautorin Ágota Kristóf hinein. Glühbirne und Blasebalg helfen dabei

Es ist ein Leben voller Verwerfungen und Verluste, voller Abschiede und Sehnsucht. Was daraus hervorgeht, sind Texte, welche stets um die Leere und Kälte des Daseins kreisen. Literarische Zeugnisse, die klingen, als würde Metall sprechen können. So lässt einen Ágota Kristófs inzwischen kanonischer Roman Das große Heft (1986) geradewegs das Blut gefrieren: Zwei Zwillingsbrüder wachsen während des Kriegs bei der autoritären Großmutter auf und reagieren auf die Härte und Brutalität ihrer Zeit mit einer emotionalen Abstumpfung, die am Ende alles Menschliche abtöten wird.

Was muss eine Frau erlebt haben, die solch Drastisches zu erzählen vermag? Neben der Aufführung des besagten Klassikers beleuchtet das Theater Basel in der One-Woman-Inszenierung Die Analphabetin, basierend auf Kristófs gleichnamiger, autobiografischer Erzählung, intensiv das Schicksal der 1935 geborenen Autorin, die 1956 nach dem gescheiterten Volksaufstand von Ungarn in die Schweiz flieht. Wir befinden uns in einem schwarzen Raum (Bühne: Frederik C. Schweizer), der ganz von der virtuosen Präsenz Germaine Sollbergers erfüllt wird. Sie erzählt von den frühen Tagen im Waisenhaus, der gefährlichen Flucht mit Mann und Kind, dem Alltag in der Uhrenfabrik und vor allem der großen Entwurzelung. Schon früh konnte sie in ihrer Muttersprache lesen, jetzt ist alles neu. Die französische Schweiz stellt vorerst das Land einer „Feindessprache“ dar, das sie sich erst noch erobern sollte. Es ist einsam in der „Wüste“ auf dem Weg zur „Assimilation, Integration“. Dieses Gefühl der Fremdheit wird einen ganz eigenen Ton in Kristófs Texten hervorbringen.

Die Regisseurin Barbara Luchner zeigt uns Kristóf daher von Anfang an als eine Art Komponistin. Auf der Bühne befindet sich ein heruntergekommenes Klavier, an dem nicht nur weitere Gerätschaften wie etwa ein Blasebalg befestigt sind, sondern von dem ausgehend auch zahlreiche Kabel an verschiedene Enden des Raumes reichen. Es lassen sich dadurch eine Lichtwand bedienen oder gespielte Melodien aufnehmen und anschließend abspielen. Um nicht an der Monotonie der Maschinenarbeit zugrunde zu gehen, nutzt die Exilantin die Zeit zum Gedichteschreiben. Mit dem Piano (Musik: Leonhard Luchner) entwickelt Sollberger zugleich den Rhythmus für die eigenartige Kristóf-Lakonie.

Ohne Hoffnung

Alles dreht sich unterdessen um ein „erstarrtes Leben, ohne Abwechslung, ohne Überraschung, ohne Hoffnung“. Gleichwohl findet die Exilantin mit jedem Tag, der vergeht, mehr und mehr zu ihrer Stimme. Die Inszenierung hat dafür eine anschauliche Metapher gefunden: Immer wieder nimmt die Protagonistin eine neue Glühbirne zur Hand. Sie dreht sie in eine Fassung am Klavier, wo sie zu leuchten beginnt, entfernt sie und dreht sie erneut in eine von mehreren auf der rechten Seite von der Decke herabhängenden Fassungen wieder ein. So wird der eigentlich dunkle Raum allmählich heller. Auch auf die schwarzen Bücher auf dem Boden fällt mehr und mehr Licht. Die Aussage ist klar: Kristóf schafft sich ihren eigenen Kosmos, ihr Werk, das ihr Leben wird.

Wohl auch aus diesem Grund vermeidet die Realisierung jedwede bildliche Vereindeutigung. Der Wald zwischen Ungarn und Österreich erscheint lediglich als vage Andeutung auf der aus einzelnen Kuben bestehenden, illuminierten Wand. Von Anfang an gilt die Aufmerksamkeit der Vorstellungskraft, dem nicht Sichtbaren – und damit eigentlich kaum theatralisch verwertbaren Effekt. So zum Beispiel bei einem der Leitnarrative dieses Abends: Wenn sich die Protagonistin zur rechten Seite begibt, also in das Reich der Geschichten und Poesie, dann geht sie zumeist ein Zwiegespräch mit einem toten Vogel ein. So richtig lässt er sich nicht begraben und gleicht dadurch der ebenso wenig mundtot zu bekommenden Schriftstellerin.

Je mehr wir selbst in deren Inneres hineingezogen werden, desto mehr offenbart sich, wozu emotional starkes Theater imstande ist. Mächtig wird es, wenn es seine eigenen Grenzen verliert und kaum noch plakative Zeichen benötigt, um sich in den Köpfen des Publikums zu entfalten. Das ist Literatur, die Theater wird. Und Theater, das Literatur wird. Aus dem Lamento der Entwurzelung geht somit letztlich eine stille Hymne auf das Erzählen hervor. Für die u.a. mit dem Gottfried-Keller-Preis sowie dem Österreichischen Staatspreis ausgezeichnete Schriftstellerin, die nach einer langen Krankheit 2011 in Neuchâtel stirbt, avanciert es zum heiligen Refugium inmitten einer gottlosen Welt. Erzählen bedeutet für sie, eine Ordnung in das Chaos zu bringen, die Finsternis auszuleuchten und sich schließlich auf eine nie endende Suche nach der eigenen Sprache zu begeben, die jedoch nie rein sein kann. Sie trägt die Versehrungen und Spuren eines noch von Konflikten beherrschten Europas. Dass die große Bühne des 20. Jahrhunderts sich so intim im Einzelschicksal einer Migrantin spiegelt, muss man als Verdienst dieser bewegenden Inszenierung ansehen. So nah wie in Basel wird man dieser Autorin, deren Seele sich in ihren Romanen weit hinter einer kalten Sprachwand verbirgt, nicht mehr so schnell kommen.

Die Analphabetin Barbara Luchner (Regie) Theater Basel, 22.10. und 27.11.2019

06:00 20.10.2019
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