Nahverkehr

Berliner Abende Kolumne

Freitagabend. Im Fernsehen erzählt irgendein Drecksprominenter in lockerer Talkrunde von einer Adoption oder Akupunktur - oder war´s eine überstandene Amöbenruhr? Halt´s Maul!

Ich beschließe, in meiner Stammkneipe noch ein Bier zu trinken. Nicht sehr originell, aber ich bin über 30 und muss mir nichts mehr beweisen. Ich kann ruhig zugeben, dass ich schon tot bin.

Im Treppenhaus ist es merkwürdig still. Im Hofeingang erwartet mich ein Teenager, der an die Hauswand pinkelt. Den kenne ich doch, das ist der Danny Fuchs mit den geilen Turnschuhen aus dem vierten Stock. Ich würde ihn zu gern fragen, warum er nicht in seiner Wohnung aufs Klo geht. Stattdessen werfen wir uns aber nur ein peinlich-verklemmtes "´n Abend" zu, als hätten wir uns nicht gesehen.

Es ist längst dunkel draußen, das kleine bisschen Winter, das wir haben, lässt mir die Nase gefrieren.

Auf dem Weg zur Haltestelle kommt mir der dicke Kerl mit den beiden Dalmatinern entgegen. Er hat, wie immer, seine beiden Hunde dabei und wühlt, wie stets um diese Zeit, in den großen Müllbehältern am Eingang zum Friedrichshain, während sich seine Köter gegenseitig bespringen. Beide Tiere sind offensichtlich Männchen, und das ganze Unterfangen bleibt ziemlich sinnlos ebenso wie die Schatzsuche von Herrchen, obwohl der sehr professionell vorgeht und mit einer Taschenlampe in den dunklen Müll hinein leuchtet. Aber die Mülleimer im Friedrichshain sind im Winter unergiebig, die Hoffnung stirbt allerdings zuletzt.

Ich schaue kurz den beiden kopulierenden Tölen zu und denke, irgendwie muss ich das nicht wirklich sehen.

Natürlich kommt die Straßenbahn nicht pünktlich. Der gute Herr Schäuble sollte endlich aufhören, die Bundeswehr für Fußballeinsätze zu fordern, sondern die Krawalltruppe mal ordentlich die Berliner Verkehrsgesellschaft aufmischen lassen. Von mir aus können die hinterher auch gern Fotos mit Kontrolleursschädeln machen, ist mir wurscht. Hauptsache, die Bahn kommt endlich, wenn sie soll.

An der Haltestelle streiten sich gerade Hasi und Mausi über den Dreier, den sie kurz zuvor mit einer ihnen unbekannten Dame begangen haben - unbekannt deshalb, weil sie besagtes Dreiermitglied nicht mit Namen, sondern nur mit "die" betiteln. Da beide Mitte 20 sind, kann das aber auch ihr normaler Sprachgebrauch sein. Offenbar hatte Hasi sich so sehr auf ein bisschen Lesben-Action gefreut, aber zwischen den Mädels lief gar nichts. Das sind so Unterhaltungen, bei denen ich am liebsten meine Monatsfahrkarte zusammenrollen und mir in die Gehörgänge rammen möchte.

Die Bahn kommt mit nur 20 Minuten Verspätung und ist natürlich randvoll, weil sie zu den Stoßzeiten am Wochenende natürlich immer nur mit einem Wagen fährt. Nachts um vier fährt sie dann leer mit zweien oder dreien.

Also steh ich im Gedränge und ärgere mich, dass ich kein Taxi genommen habe. Selber Schuld. In meinen Hintern hat sich das Knie eines Fahrgastes verkeilt, der in aller Seelenruhe Sartres Geschlossene Gesellschaft liest, während er einen Hotdog verspeist. Natürlich tropft ihm dabei Remoulade auf die Lektüre, ich selbst bekomme auch einen Klecks ab. "Sorry", murmelt er mit vollem Mund, und ich erhasche einen Blick auf halb zerkaute Speisereste sowie ein loses Gold-Inlay in seinem Mund.

Gleich vor mir steht ein ausgelassenes Partygrüppchen, jeder bewaffnet: mit mindestens einer Bierflasche in der Hand und einer zweiten in der Manteltasche. Erschrocken frage ich mich, ob meine Monatskarte überhaupt noch als Fahrausweis gilt oder ob man nur noch mit einem Bier in Bus und Bahn gelassen wird.

Das werden schwere Zeiten für mich, denn ich habe noch nie etwas davon gehalten, im öffentlichen Nahverkehr zu saufen, zu rauchen, zu essen, mich zu übergeben oder mein Geschäft zu verrichten, ganz zu Schweigen von neckischen Fesselspielchen, die ein knutschendes Pärchen auf dem Sitz neben mir praktiziert. Dazu jaulen links und rechts die Handys und ich darf Monologen über Verhütung, Schulnoten und Einkaufslisten lauschen. Ich komme mir gerade sehr alt und spießig vor, und genau das wollte ich doch nie sein. Weder das eine noch das andere. Aber so ist es.

Glückwunsch, ich bin endlich angekommen. Die Bahntüren öffnen sich, willkommen im Jahr 2007! Wir lassen unsere Privatsphäre nicht mehr zu Haus. Wir zerren sie an die Öffentlichkeit, jagen sie auf die Straße, prügeln sie in die Straßenbahn. Dies ist der öffentliche Nahverkehr, Baby! Nah sind wir uns alle, der Verkehr interessiert uns einen Scheiß, die Hauptsache ist, wir sind öffentlich! Wir wollen verdammt noch mal wahrgenommen werden!

Sind wir nicht alle Dalmatiner?


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00:00 02.03.2007

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