Namen und Rosen

Meisterwerk „Q“ ist ein irrer Ritt durch das europäische Mittelalter und ein packender Thriller
Thekla Dannenberg | Ausgabe 16/2016 1

Schwer zu sagen, ob es Luther Blissett gegeben hat. Angeblich hieß so ein Fußballspieler der englischen Premier League, den der AC Mailand für eine Million Pfund kaufte, um ihn nach einem spektakulär erfolglosen Jahr wieder an den FC Watford abzustoßen. Vielleicht hat sich aber auch das italienische Autorenkollektiv, das in den 1990er Jahren unter diesem Pseudonym firmierte, die Geschichte nur ausgedacht. Ganz sicher hat sich Luther Blissett mit der Jahrtausendwende als Gruppe Wu Ming neu erschaffen. Und die Mythen, die diese anarchistische Kommunikationsguerilla aus Bologna über sich selbst schreibt, sind noch fantastischer als ihre Romane. Hartnäckig hält sich zum Beispiel das Gerücht, dass sie ein Affenweibchen für die Biennale von Venedig nominiert haben.

Ihr Hurensöhne!

Vor einem Jahr erschien nachweislich auf Deutsch ihr Roman 54, der mit einer verrückten Geschichte um Cary Grant, Lucky Luciano und Tito ein Kapitel des Kalten Krieges neu erzählte. Und es stimmt auch wirklich, dass Assoziation A nun das lange vergriffene Meisterstück Q wieder auflegt. Q ist ein wilder Ritt durch die europäische Geschichte, Reformationswestern, Revolutionskrimi und Spionagethriller in einem. Ein Wahnsinnsroman. Auf siebenhundert Seiten erzählt Q mit stupender Geschichtskenntnis und großer literarischer Raffinesse von linken Utopien, von Glaube, Verirrung, Wahn, Intrige, Verrat.

Der Roman umspannt die Jahre von 1517 bis 1555. Der Ich-Erzähler ist – ganz wie seine Autoren – ein Abenteurer, der sich viele Namen gibt und dessen wahrer Identität man nie ganz auf die Spur kommt. Er ist ein deutscher Student in Wittenberg, auf der Suche nach einer besseren Welt. Enttäuscht von Luther, der den Kampf gegen die Kirche aufnahm, um sich den Fürsten zu unterwerfen, folgt er dem Rebellen Thomas Müntzer, der unter dem Wahlspruch „Alles gehört allen“ die Bauern Thüringens gegen die Obrigkeit aufbringt. Blutig werden die Aufstände von den kurfürstlichen Truppen niedergeschlagen, Müntzer und seine Getreuen gefangenen genommen. Noch kurz bevor ihnen die Köpfe abgeschlagen werden, sollen sie gerufen haben: „Omnia sunt communia, ihr Hundesöhne!“ Der Held zieht unter dem Namen Gustav Metzger weiter, immer in der Hoffnung auf ein gerechteres Reich. Er stößt auf die beiden Niederländer Jan Matthys und Jan Bockelson, selbst ernannter Prophet der eine, Komödiant und Zuhälter der andere. Die beiden wollen in Münster das „Neue Jerusalem“ errichten. Es ist ein obszönes Königreich der Hochstapler, in dem Huren, Diebe und Mörder zu Heiligen der letzten Tage werden. Der Held verlässt die Stadt des Wahnsinns, als Erzbischof Waldeck und Philipp von Hessen mit ihren Truppen anrücken. Nach dem Inferno von Münster gelangt der Ich-Erzähler nach Antwerpen, wo Kaufleute, Händler und Handwerker ihr Hab und Gut freiwillig verschenkten, um in freier Gütergemeinschaft zu leben. Sie nennen ihn jetzt Lot, der Mann, der nicht zurückblickt. Die Antwerpener lassen Lot auch die Macht des Geldes begreifen. Der blinde Zorn auf die Fugger, die Kirche und Obrigkeit finanzieren, wird ihn nach Venedig bringen, wo er nun die Fürsten, Bankiers und Kardinäle mit ihren eigenen Mitteln schlagen will.

Rebellierende Bauern

Schlacht um Schlacht folgen wir dem Helden durch das Europa der gescheiterten Aufstände, der sich vom Gläubigen zum Kämpfer und vom Idealisten zum Zyniker wandelt. Dabei ziehen Luther Blissett etliche erzählerische Register: den Gelehrtendisput und den Briefwechsel, die Kabale und die offene Feldschlacht, Thrill und Suspense. Stets im historischen Präsens lassen sie ihren Helden durch die Zeit streifen, von den strengen Hörsälen Wittenbergs zu den dekadenten Palazzi Venedigs. Vor allem aber stellen sie dem Ich-Erzähler, der durch die eisigen Flammen aller revolutionären Hoffnungen gegangen ist, einen mächtigen Kontrahenten entgegen: Q wie Qohelet, Prophet der Nichtigkeit. Er ist das Auge des Carafa, Spion der Kurie und Agent der Inquisition. Von Anfang an erleben wir die Geschehnisse im perspektivischen Wechsel auch aus Qohelets Briefen, wir ahnen seine Intrigen, das hat eine ganz eigene Dynamik.

Luther Blissett blicken mit ihren Roman jedoch nicht nur zurück. Bereits bei seinem Erscheinen im italienischen Original 1999 war Q auch ein aktueller Kommentar zum Wandel der Medien und der Gesellschaften, zu Buchdruck und Reformation ebenso wie über das Internet und die Globalisierung. So wie die rebellierenden Bauern den Papierabfall der Bibeldrucke für ihre Flugblätter nutzten, ermöglicht auch die Netzkultur die Subversion: Der Roman erscheint unter einer Creative Commons Lizenz, für nicht kommerzielle Zwecke darf er aus dem Internet umsonst heruntergeladen werden.

Info

Q Luther Blisset Ulrich Hartmann (Übers.), Assoziation A 2016, 704 S., 19,80 €

Thekla Dannenberg schreibt die Kolumne Mord und Ratschlag auf perlentaucher.de

Über die Bilder des Krimi Spezials

Die Illustratorin Lisa Rock hat diese Beilage exklusiv für den Freitag bebildert. Als Vorlage für ihre Tusche­zeichnungen verwendet sie Fotos von realen Tatorten. Lisa Rock lebt in Berlin und arbeitet für Magazine, Zeitungen und Verlage

06:00 28.04.2016