Namenlose Tugenden

Sachbuch Ein Denker vom kulturellen Rand Europas - Alasdair MacIntyre - "Die Anerkennung der Abhängigkeit"

In seiner Nikomachischen Ethik spricht Aristoteles zuweilen von namenlosen Tugenden. Wancantognaka ist die Schlüsseltugend in Alasdair MacIntyres jetzt erschienenem Buch Die Anerkennung der Abhängigkeit. Dieser Begriff, für den es im Deutschen keine genaue Entsprechung gibt, stammt aus der Sprache der Lakota und bedeutet etwa so viel wie "gerechte Großzügigkeit". Ebenso unzulänglich ist die Bezeichnung des Autors: MacIntyre wird im Windschatten Charles Taylors und Michael Walzers hierzulande als "Kommunitarist" gehandelt. Obwohl nunmehr die fünfte Übersetzung vorliegt, kann sein Frühwerk als vergessen gelten. Damit fehlen wichtige Möglichkeiten, die Fehlbeurteilungen als Konservativer oder Antiaufklärer, die das Etikett in der Regel mit sich führt, zu korrigieren.

Alasdair McIntyre wurde 1929 in Irland geboren. Er studierte in London und Manchester, wo er später auch Professor für Soziologie wurde. 1970 emigrierte er in die USA. Dort wirkte er als Professor für Ideengeschichte an der Brandeis- und der Vanderbilt-University. Seit 1988 ist er Professor für Philosophie an der Universität von Notre Dame in Indiana. Die hiesige Auseinandersetzung mit MacIntyre beginnt erst mit dem Buch Der Verlust der Tugend (1981/1986). Es wird, wie der Kommunitarismus insgesamt, als Reaktion auf John Rawls epochale Theorie der Gerechtigkeit von 1971 betrachtet. Dem Zäsur-Zeitpunkt seines Wechsels in die USA ein Jahr zuvor.

MacIntyres Philosophieren ist geprägt durch die mündliche gälische Kultur. Sie veranlasste ihn dazu, unterdrückten Strömungen eine Stimme zu verleihen. Die gegensätzlichen Quellen setzten sein Denken jedoch unter starke Spannungen. Lange Zeit konnte MacIntyre sie nicht zu einer schlüssigen Gesamtsicht bringen. Die negativ-kritische Stoßrichtung des Frühwerkes zeigen die ersten drei Übersetzungen: Die Begriffsanalyse Das Unbewußte (1958/1968) sprach diesem Grundbegriff Freuds eine erklärende Kraft ab. Die Geschichte der Ethik im Überblick (1966/1984) erschütterte die unhistorische Betrachtungsweise der Moral, wie sie in der vorherrschenden analytischen Philosophie üblich war. Die Polemik Herbert Marcuse (1970/1971) stellte zum Zeitpunkt des höchsten Ruhms Marcuses fest: Fast alle seine Schlüsselsätze sind falsch.

Die Zwischenbilanz Against the Self-Images of the Age verschaffte MacIntyre im angelsächsischen Bereich zwar die bis dahin größte Anerkennung, stürzte ihn aber in eine zehnjährige epistomologische Krise. Der Verlust der Tugend brachte den Durchbruch. Die moralische Kondition der Moderne sieht MacIntyre "emotivistisch" entstellt: Moral gilt als Ausdruck einer persönlichen Entscheidung und des Gefühls. Zentrale moralische Fragen erscheinen unlösbar. Damit ist das Projekt der Aufklärung - nach seinen eigenen Maßstäben - gescheitert. Dessen Anspruch bestand nämlich darin, zwingend jene moralischen Prinzipien zu formulieren, denen keine rationale Person ihre Zustimmung versagen kann. Die zeitgenössischen Moralkonzepte sind lediglich dem Schein nach gerechtfertigt. Sie können problemlos antagonistischen Absichten dienen. Wie das Prestige zeigt, das der Manager genießt, ist instrumentalisierendes Verhalten sozial anerkannt. Es beruht aber auf der Fiktion der Vorhersagbarkeit und der Fiktion der Existenz sozialwissenschaftlicher Gesetze.

Anstatt einer perfekten Theorie nachzujagen, die vorgibt, mit dem Anspruch auf zeitlose Allgemeingültigkeit, die Moral an sich zu bestimmen, plädiert MacIntyre dafür, der bislang besten Theorie zu folgen. Ein moralischer Standpunkt muss in historischer Gegenüberstellung seine rationale Überlegenheit gegenüber seinen Konkurrenten erweisen. Er ist damit auf Korrektur und Entwicklung angewiesen. Dieser Historismus unterscheidet sich von dem Hegels darin, dass er keine Ansprüche auf absolute Erkenntnis stellt. Die beste Moraltheorie ist in MacIntyres Augen die aristotelische Tugendethik.

Er ruft diese Tradition als Gegenentwurf auf zu den herrschenden liberalen Theorien. Den Anspruch des Marxismus, eine Alternative zu sein, bestreitet MacIntyre. So unternimmt er den wirksamsten Versuch, den Begriff der Tugend zurückzugewinnen. Er findet seine Fortsetzung in Arbeiten wie Whose Justice? Which Rationality? (1988) und Three Rival Versions of Moral Inquiry (1990).

Der deutsche Titel der neuen Untersuchung verweist auf die Grundidee, dass die Anerkennung der Abhängigkeit den Schlüssel zur Unabhängigkeit darstellt. Betont wird einerseits die Wichtigkeit menschlicher Verletzbarkeit und Unfähigkeit für die Moralphilosophie, andererseits die Gemeinsamkeit menschlicher Wesen mit Mitgliedern anderer intelligenter Arten. In jener Lebensform, die für abhängige, rationale Tiere wie es Menschen sind, die beste ist, sollten zwei aufeinander bezogene Sätze von Tugenden ausgebildet werden: Tugenden, die menschlichen Lebewesen helfen, sich aus der anfänglichen tierischen Kondition zu unabhängig rational Handelnden zu entwickeln; und Tugenden, die sie benötigen, um sich der Verletzbarkeit und Unfähigkeit zu stellen, sowohl der eigenen als auch die der anderen. Aristoteles Modell des selbstgenügsamen Überlegenen ist für MacIntyre aber auch der Pate von Fehlentwicklungen und politisch-geschlechtlicher Ausschließungen.

Ein Konzept des guten Lebens ermöglicht es, die ethische Dürftigkeit der dominierenden Theorien des unabhängigen Selbst zu durchbrechen. Es erlaubt die Unterscheidung zwischen moralischen Adressaten (einem weiten Begriff des guten Lebens) und moralischen Subjekten (einem engen Begriff des guten Lebens). Letztere haben gegenüber moralischen Adressaten zwar Verpflichtungen, aber keine Gegenstück-Rechte. Der Kreis der möglichen Adressaten umfasst Personen sowie Individuen, die keine Personen sind. Alle sind (irgendwann) auf Schutz und Förderung angewiesen sind. Mit keinem kann man "einfach machen, was man will": Erwachsene und Kinder, Gesunde und Kranke, Lebende, Tote und Künftige, Menschen und Tiere, auch Pflanzen. Diese bei MacIntyre angelegten Zusammenhänge wurden hierzulande methodisch, unter Verwendung eines Erschließungsbegriffs und eines Konzepts des kritischen Subjektivismus, von Martin Seel dargelegt. Da Seel jedoch die Sozialität des Guten nicht hinreichend berücksichtigt, gewinnt er keinen Zugang zum Tugendbegriff. Hier eröffnet sich ein Ausgangspunkt zu zwei vielversprechenden Untersuchungen. Zum einen fordert das ökologische Rationalitätsdefizit moderner Gesellschaften eine Reihe namenloser "grüner" Tugenden - gebotene, historisch neuartige Haltungen, die bislang nicht auf den Begriff gebracht wurden. Zum anderen bietet die originelle Aufwertung der Pflicht gegenüber der (neo-)liberalen Engführung der Freiheitsrechte, die Möglichkeit, die Perspektive des Handelnden zu stärken und Gerechtigkeit und Tugend wieder als sich ergänzende Lebensorientierungen zu betrachten.

Alasdair MacIntyre: Die Anerkennung der Abhängigkeit. Über menschliche Tugenden. Aus d. Engl. v. Christiana Goldmann. Rotbuch Verlag, Hamburg 2001, 207 S., 18,50

00:00 12.04.2002

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