Namenspaten

A–Z Ehrung Kürzlich hat die US-Navy sechs neue Öltanker nach Bürgerrechtlern benannt. Ob die Betroffenen sich darüber gefreut hätten, bleibt unklar. Unser Lexikon der Woche
Redaktion | Ausgabe 35/2016
Namenspaten

Foto: Justin Sullivan/Getty Images

A

Anerkennung Werden Straßen, Orte oder Schiffe nach Personen benannt, handelt es sich um eine besondere Form der Anerkennung. Und das kann bisweilen lebende Stars betreffen, etwa im Fall des Cristiano-Ronaldo-Flughafens auf Madeira, aber auch fiktive Charaktere (➝ Schwimmbad) wie bei der Horst-Schimanski-Gasse in Duisburg. In der Regel sind es aber historische Persönlichkeiten, denen solch eine Würdigung zuteil wird.

Kürzlich auch bei der US-Navy: Die benannte sechs neue Öltanker, die 2018 vom Stapel laufen werden, nach Bürgerrechtlern. Darunter die Suffragette Lucy Stone, die Abolitionistin Sojourner Truth oder Harvey Milk, der erste offen homosexuelle US-Politiker (der 1978 erschossen wurde). Nun darf man sich einerseits fragen, ob die Betroffenen eine Ehrung durch die Navy tatsächlich gewollt hätten. Andererseits ist es zum Beispiel im Fall Milks auch ein starkes wie notwendiges Zeichen der Liberalisierung. Denn bis 2010 war offene Homosexualität im US-Militär nicht zugelassen. Nils Markwardt

F

Fußgängerzone Ein klassischer Nicht-Ort ist die Straße an der Westflanke des Berliner Bahnhof Zoo. Ihr Portal bilden ein Parkhaus und die Rückwand eines Supermarkts, ansonsten vermietet eine Eventagentur Raum für Events, was heißt, dass sich davon abgesehen nichts ereignet. Wer hier verweilt, ist Security-Fachkraft oder Wildpinkler (➝ Hütte). Die Straße heißt seit 2011 Yva-Bogen, nach Else Ernestine Neuländer, genannt Yva. Die 1900 geborene Modefotografin wurde 1942 im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Yva hatte für große Magazine und Verlage fotografiert und bereits mit 25 Jahren ihr eigenes Atelier eröffnet, das sich zuletzt in Charlottenburg im Gebäude des späteren Hotel Bogotá befand. Helmut Newton lernte 1936 hier sein Handwerk. Dass der Yva-Bogen nur einen Steinwurf von der Helmut-Newton-Foundation entfernt liegt, rechtfertigt aber nicht, dieser beeindruckenden Frau eine so erbärmliche Gasse zu widmen. Christine Käppeler

G

Gin Bukowski und Hemingway, Bachmann und Sagan: Viele Literaten sprachen dem Alkohol (➝ Wodka) rege zu, Männer wie Frauen. Heute knüpft der Schriftsteller Clemens Meyer an die hochprozentige Tradition an: „Gin Tonic ist ein gesunder Longdrink“, sagte er in einem Radiogespräch – und dass die Queen in London das wohl ähnlich sehe.

Die wahre Königin des Gin-Trinkens war (und bleibt) aber die 1967 verstorbene Dorothy Parker. Mit ihren scharfzüngigen Texten lehrte sie das US-Establishment das Fürchten. Den Wacholderschnaps trank sie bevorzugt mit Wermut gemischt, als Martini, wie ein selbstironisches Zitat belegt: „Ich trinke gern einen Martini, im Höchstfall auch mal zwei. Nach dreien liege ich unter dem Tisch, nach dem vierten unter meinem Gastgeber.“ Die edle New York Distilling Company hat ihr zu Ehren eine eigene Gin-Marke kreiert: 750 Milliliter des Dorothy Parker Gin kosten 30 Dollar. Sicher eine bessere Idee, als eine Grundschule nach der Lästerschwester zu benennen. Katja Kullmann

H

Hütte Ob sich Michail Bakunin da nicht im Grab umgedreht hat? Im Sommer 2015 erhielt mit der Bakuninhütte die erste anarchosyndikalistische Stätte in Thüringen den Status eines offiziellen Kulturdenkmals. Das abgelegene Gebäude (➝ Fußgängerzone) nahe Meiningen bekam sozusagen (frei-)staatlichen Segen. Gemäß der alten Anarchoidee, eigene Siedlungen zu errichten, gründeten Aktivisten aus dem Umfeld der Freien Arbeiter Union in den 20ern den „Siedlungsverein gegenseitige Hilfe“.

Die Hütte, die zunächst ein Behelfsunterstand war, wurde zum Treffpunkt ausgebaut. Im Nationalsozialismus litten die Anarchisten dann unter Verfolgung, in der DDR verfiel das Gebäude. Nach der Wende entdeckten es Antifa-Aktivisten wieder. Heute kümmert sich ein Natur- und Wanderverein um die Stätte, die Bakunins geistiges Erbe musealisiert. Tobias Prüwer

K

Kamera Michael Ballhaus ist weniger für seinen persönlichen Stil als vielmehr für seine Experimentierfreude bekannt. „Es gibt den schönen Spruch: motion is emotion. Deshalb bewegt sich die Kamera bei mir sehr viel“, erklärte Ballhaus einmal. Ganze acht Mal umfuhr er etwa das Liebespaar in einer Tanzszene in Reckless. Für den dramatischen Effekt zoomte er dabei rein und wieder raus. Die heute als Ballhaus-Kreisel bekannte Kamerafahrt begeisterte Martin Scorsese so sehr (➝ Anerkennung), dass er ihn 1985 für Die Zeit nach Mitternacht anheuerte. Schon in Fassbinders Martha (1974)hatte Ballhaus die beiden Hauptfiguren aufeinander zugehen lassen und sie um 360 Grad umfahren, wobei sie sich selbst dazu drehten. Aus Rücksicht auf die Schaupieler hatte Ballhaus zunächst überlegt, nur eine halbe Runde zu filmen. Wenn man genau hinsieht, erkennt man auch Karlheinz Böhms abschließenden Schritt über die höhergelegte Kameraschiene. Diese 360-Grad-Fahrt, die durch Ballhaus erst populär wurde, war 1966 eigentlich von Claude Lelouch erfunden worden. Nina Rathke

Kolonialismus Straßen oder Plätze, die die Namen von Nazi-Größen (➝ Zoologie) trugen, wurden nach 1945 schnell umbenannt. Geht es um deutsche Kolonialgrößen, ist die Sensibilität ungleich geringer. Bis heute gibt es etwa in Berlin-Wedding die Lüderitzstraße und den Nachtigalplatz. Adolf Lüderitz ergaunerte im 19. Jahrhundert das heutige Namibia vom Nama-Oberhaupt Josef Frederiks, Gustav Nachtigal wurde 1884 Reichskommissar von Deutsch-Westafrika. Die benachbarte Petersallee, benannt nach Kolonialverbrecher Carl Peters, auch „Hänge-Peters“, wurde 1986 immerhin umgewidmet. Sophie Elmenthaler

P

Programm Ausgerechnet Helmut Kohl, einst politischer Förderer Angela Merkels, die das Internet als Neuland bezeichnete, ist Namenspate für ein Computerprogramm. Helmut_kohl_datenloescher.exe hieß ein Tool zur Datenvernichtung, das eine bayerische Softwarefirma zum kostenlosen Download anbot. Es sollte Daten besonders gründlich von Festplatten löschen. Der Name war eine humoristische Anspielung auf nicht ganz so lustige Ermittlungsergebnisse, die kurz zuvor publik geworden waren. 1998, nach der Wahlniederlage Kohls (➝ Untergang), waren im Kanzleramt massiv Daten vernichtet worden. Ähnliche Programme hatte es zwar schon zuvor gegeben. Der Firma brachte diese „Neuentwicklung“ allerdings viel Werbung. Benjamin Knödler

S

Sandwich Das Sandwich ist als Snack der Gehetzten nicht mehr wegzudenken. Labberigen Toast, viel Mayonnaise, Käse, Schinken und Salat assoziiert man zwar nicht gerade mit Haute Cuisine, allerdings hat das Gericht einen Namenspatron aus der Upper Class. Benannt ist es nach John Montagu, 4. Earl of Sandwich, britischer Staatsmann des 18. Jahrhunderts. Der sei ein so leidenschaftlicher Kartenspieler gewesen, dass er nicht mal fürs Essen pausieren wollte. Er ließ sich die Mahlzeit zwischen Brotdeckel packen. Eine andere Theorie besagt, dass er, der auch ein vielbeschäftigter Politiker war, viel arbeiten musste und dank der Kreation (➝ Kamera) permanent am Schreibtisch bleiben konnte. Benjamin Knödler

Schwimmbad Das erste italienisch-deutsche Wettschwimmen nach dem zweiten Weltkrieg fand 1951 im Schwäbisch Gmünder Freibad statt. Der junge Carlo Pedersoli schwamm dabei nicht nur Europarekord, sondern bandelte auch mit einer örtlichen Bäckerin an, bevor er als Bud Spencer Karriere machte. Als in der Stadt 2011 ein Tunnel benannt werde sollte, stimmten online über 100.000 Leute für Bud-Spencer-Tunnel. Damit war die Verwaltung (Programm) gar nicht einverstanden. Der Streit eskalierte, bis sich schließlich alle, inklusive Bud Spencer, darauf einigten, das Freibad nach Pederlosi zu benennen. So kam Schwäbisch-Gmünd zum Bud-Bad. Sophie Elmenthaler

U

Untergang Die Lebensgeschichte des genuesischen Admirals und Fürsten Andrea Doria (1466 – 1560) liest sich, wie könnte es anders sein, als entmutigende Parabel auf die drängenden Probleme unserer Zeit – also: Untergang des Abendlands, Flüchtlingskrise, Krieg und vollständige Havarie. Schon in jungen Jahren befehligte der – glaubt man den Porträtmalereien – hochgewachsen muskulöse Italiener eine gigantische Flotte im Kampf gegen die Osmanen, auf dass in Europa endlich wieder alles beim Alten bleiben sollte. Ziemlich genauso ging das die nächsten 60 Jahre weiter, mal befreite er versklavte Christen in Tunis, mal verlor er eine Seeschlacht gegen die Türken, und noch mit 84 Jahren führte der tüchtige Greis die genuesische Flotte in eine finale Schlacht gegen nordafrikanische Piraten, von denen man nie wieder etwas hören sollte.

Postum verließ ihn endgültig das Glück. Zuerst havarierte ein gleichnamiger Luxusliner nach der Kollision mit einem schwedischen Passagierschiff, und dann schrieb auch noch der Rockmusiker Udo Lindenberg einen Song über Andrea Doria, in dem dieser von den einstigen Heldentaten des Admirals (➝ Anerkennung) überhaupt nichts zu berichten wusste. Timon Karl Kaleyta

W

Wodka Putinka heißt ein russischer Wodka, der seit 2003 auf dem Markt ist. Der Schöpfer der Marke, Stanislaw Kaufman, hat auf die Verbindung zum russischen Präsidenten Wladimir Putin besonderen Wert gelegt. Laut Kaufman „steht dieser Name für etwas Gutes“. Bei der Anmeldung der Marke hatte der Unternehmer keine Probleme, denn das Wort Putinka ist keine direkte Übertragung des Nachnamens Putin. Zudem gibt es im Russischen den Fischereibegriff Putina, der die Fangsaison in einem bestimmten Fluss- oder Meeresteil meint.

Dadurch handelt es sich bei der hochprozentigen Marke (➝ Gin) auch um ein Wortspiel. Denn in Russland gehören Angeln und Wodka fest zusammen. Und wenn Letzterer dazu noch den Namen des Präsidenten trägt, scheint der Erfolg programmiert. Mitte der Nullerjahre, wo viele Russen die Blütezeit der Putin-Regierung verorten, gehörte die Marke denn auch zu den drei meist verkauften Wodkas des Landes. In den Jahren 2004 und 2005 wurden 40 Millionen Liter vertrieben. Anfang 2016 ist Putinka jedoch vom 4. auf den 15. Platz in der Verkaufsrangliste gefallen. Schwer zu sagen, ob es an der schwindenden Liebe der Russen zu Putin oder zur Fischerei liegt. Anna Brazhnikova

Z

Zoologie Als Oscar Scheibel 1937 einen nur fünf Millimeter großen, braunen Käfer für seine Sammlung erwarb, erkannte er ihn als bislang unentdeckte Art. Daher stand ihm das Namensrecht für das Insekt zu. Aus Verehrung für seinen Reichskanzler nannte er ihn Anolphtalmus hitleri. Ob Hitler sich gefreut hat, ist nicht überliefert. Nach dem Krieg versuchte man den Käfer zu entnazifizieren, aber die internationalen Regeln lassen eine nachträgliche Änderung nicht zu. Für das Tier wäre es besser gewesen. Wegen seines Namens ist es bei Anhängern faschistischen Gedankenguts (➝ Kolonialismus) ein beliebtes Sammelobjekt, sodass der Käfer nicht nur aus Kollektionen gestohlen, sondern auch übermäßig gefangen wird. Deshalb ist er heute vom Aussterben bedroht. Uwe Buckesfeld

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06:00 14.09.2016

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