Nanni ohne Fortüne

Porträt Susanne Eisenmann soll zum Auftakt des Superwahljahrs für die CDU Baden-Württemberg zurückerobern

Jetzt steht Nanni – wie sie sich nennt, seit sie sprechen gelernt hat – wieder vor dieser orangen Wand in der Stuttgarter CDU-Landesgeschäftsstelle. Die ist umgebaut worden, um zu Pandemiezeiten im Wahlkampf zu bestehen. Seit Mitte Oktober tourt die promovierte Germanistin unter dem Motto „Eisenmann will’s wissen“ nicht mehr physisch durch das Land, das sie in den nächsten fünf, noch besser zehn Jahren mitprägen möchte. Stattdessen werden ihre Veranstaltungen aus den neuen TV-Studios gestreamt, aus dem immer gleichen Ambiente, mit den vielen sich wiederholenden heiklen Themen und mit – immerhin – bis zu 400 ZuhörerInnen.

Dabei ist schon das Motto der Reihe ein Missgriff. Denn die gebürtige Stuttgarterin, die, wie sie bekennt, gerne in den Bergen, aber auch schon mal bei einem Glas Wein entspannt, will gar nichts wissen. Sie beantwortet Fragen, kommt selten in die Offensive, dafür aber immer mehr unter Druck. Als Kultusministerin nicht erst in der Pandemie. Und vor allem als Herausforderin des populären grünen Landesvaters. Bei infratest dimap waren im Herbst Grünen-SympathisantInnen zu 89 Prozent zufrieden mit Winfried Kretschmann, CDU-AnhängerInnen zu 90 Prozent.

Das größte Pfund, um den Trend doch noch zu drehen, hat die Pandemie der 56-Jährigen aus der Hand geschlagen. Wenn sie sich wohlfühlt, kann sie mit Witz, Schlagfertigkeit und mit ihrem gewinnenden Lachen das Publikum sogar in sehr großen Hallen für sich einnehmen, gerade weil sie kumpelhafte Nähe, Bierzeltatmosphäre und robusten Humor nicht scheut. Die traditionelle Aschermittwochskundgebung, der größte politische Stammtisch des Landes, wie die CDU die Veranstaltung mit den 1.000 aus dem Land herangekarrten Mitgliedern rühmt, wäre diesmal der Startschuss für die letzten vier heißen Wochen des Wahlkampfs gewesen. Das hätte ihrer Angriffslust („Ich bin nun mal nicht vom diplomatischen Dienst“) entsprochen. Stattdessen „fühlt es sich komisch an“, wie sie beim virtuellen Parteitag am vergangenen Wochenende bekannte. Was so viel heißt wie: „Das habe ich mir ganz anders vorgestellt.“

Alle in der Südwest-CDU wussten, was sie taten, als sie im Juli 2019 die Ministerin zur Spitzenkandidatin kürten. So blieb der Union Thomas Strobl erspart. Der ist zwar Parteichef im Land und immerhin Vize in der Bundespartei (sowie ganz nebenbei Schwiegersohn des einflussreichen Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble). Aber wirklich glücklich ist mit der eigenwilligen Performance des Heilbronner Juristen kaum jemand. Für Eisenmann hingegen sprachen Forschheit, Fleiß, Ehrgeiz und Erfahrung. 1991 holte Fraktionschef Günther Oettinger sie von der Uni weg als Büroleiterin zu sich, drei Jahre später zog sie in die Stuttgarter Gemeinderatsfraktion ein, 2005 wurde sie Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport. Hätte sie gewollt, wäre sie gut und gern erste Wahl für die Kandidatur als Oberbürgermeisterin im Rathaus der Landeshauptstadt geworden.

Aber sie wollte mehr. Sie ging als Kultusministerin in die grün-schwarze Landesregierung. Und spätestens nach ihrer Wahl zur Spitzenkandidatin schien es, als hätte sie die wichtigsten Eigenschaften einer guten Kreisläuferin aus ihrem Handballerinnen-Leben in der Schul- und Studienzeit endgültig erfolgreich in die Politik transferiert: den richtigen Moment für den besten Spielzug erkennen, kraftvoll und wendig auftreten. Sie schien eine Erkenntnis vergessen zu machen, mit der Erwin Teufel in den 1990er Jahren durch das Land zog: Mit Schulthemen seien Wahlen nicht zu gewinnen, sehr wohl aber zu verlieren. Da ist Susanne Eisenmann inzwischen nahe dran. Denn sie hat es geschafft, Freund wie Feind gegen sich aufzubringen – ihre unüberlegten Versprechungen zur übereilten Öffnung von Schulen und Kitas sorgen für viel Kopfschütteln, und sie waren auch nicht einzulösen. Frust statt Fortüne. Abgekämpft wirkt sie bei ihren fast täglichen Auftritten im TV-Studio, eingefangen durch eine gnadenlose Kamera.

Daran kann auch einer nichts ändern, der sie ganz besonders gut kennt. Mit Rat und Tat steht ihr Ehemann Christoph Dahl zur Seite, der Politprofi, der ebenfalls eine bemerkenswerte Vita vorzuweisen hat: vom Redakteur der Esslinger Zeitung zum Sprecher von Günther Oettingers Landesregierung, seit 2010 hochdotierter Geschäftsführer der omnipräsenten Baden-Württemberg Stiftung. Selbst ihm gelang es nicht, zu verhindern, dass vom Siegeswillen, den Eisenmann noch vor einem Jahr ausstrahlte, wenig geblieben ist. Und von bundesweitem Zuspruch ist ohnehin kaum die Rede, nicht zuletzt, weil der Haussegen zwischen Angela Merkel und der Südwest-CDU schon lange schief hängt.

Der Kandidat der Herzen so vieler Mitglieder und Mittelständler, Friedrich Merz, hat es auch im zweiten Anlauf nicht als Parteichef ins Konrad-Adenauer-Haus geschafft. Dort sitzt jetzt Armin Laschet. Der ließ gleich nach seiner Wahl schon mal ausrichten, eine Wahlniederlage in Baden-Württemberg werde er nicht mitverantworten. Der Landesverband habe seit Monaten eine Spitzenkandidatin, er könne aber gerne „ein wenig Rückendeckung“ geben. Also kam er dann doch persönlich zum Parteitag nach Stuttgart. Und die (ehemalige) Strahlefrau, die aufgebrochen war, um Kretschmann in die Rente zu schicken, spielte in Anwesenheit des Bundesvorsitzenden gerade noch eine tragende Rolle – sie überreichte, hilfsbereit, weil Thomas Strobl seine Maske nicht aufbekam, die Blumen für die Gattin.

Johanna Henkel-Waidhofer, Mitautorin der Kretschmann-Biografie Der Vertrauensmann, schreibt seit 1980 über Baden-Württemberg

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