Nils Markwardt
18.10.2010 | 13:00

Nannte sich stets Sozialistin

Intellektuelle Die goldenen Jahre der Philosophie an der Freien Universität: Ein Band erhellt Leben und Wirken der Philosophin Margherita von Brentano

Zum 40. Jahrestag der 68er-Bewegung wurde offenkundig, was sich lange zuvor angedeutet hatte: Die Studentenrevolte sollte mit einem letzten großen Paukenschlag nun bitte endlich ins Archiv der Bundesrepublik wandern – jedoch nicht ohne zuvor ihr gerechtes und abschließendes Urteil zu vernehmen.

So erkannte Bild-Chefredakteur Kai Diekmann in den 68ern den „Wahn der Väter mit veränderten Vorzeichen“ und der Historiker Götz Aly setzte mit seinem Buch Unser Kampf ein Gleichzeichen zwischen die Generationen von 1933 und 1968. Wenn sich freilich auch Widerspruch regte, blieb deutlich, was der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke in seinem Essay 68 oder neues Biedermeier dezidiert nachgezeichnet hat: Die Vertreter der „neuen Bürgerlichkeit“ hatten zunehmend die Deutungshoheit über die Studentenrevolte gewonnen. Diese hatte folglich nicht nur Kardinaltugenden wie Anstand und Fleiß zerstört und durch eine Kultur der Faulheit und des Mittelmaßes ersetzt, sie musste logischerweise auch im RAF-Terror enden. Eine differenzierte Kritik an den Verirrungen wich der kompletten Negation.

So gesehen ist es von Vorteil, dass der Nachlass der 1995 verstorbenen Philosophin, Publizistin und Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin, Margherita von Brentano, erst in diesem Jahr erschienen ist. Denn diese von Susan Neiman und Iris Nachum herausgegebene Collage, die biografische Notizen, Vorlesungen, Essays, Interviews und Gespräche mit Weggefährten versammelt, ist eine Wohltat. Obgleich die mehr als 500 Seiten auch langatmige und redundante Passagen bereithalten, entfaltet das Buch nicht nur eindrucksvoll das Leben und Wirken einer außergewöhnlichen, engagierten Intellektuellen, sondern liefert ebenso leidenschaftliche, wie nuancierte Innenansichten der Jahre des Protestes, die alle Thesen vom totalitären Geist der 68er nachhaltig ad absurdum führen.

Aristokratische Distinktion

Persönlich war die 1922 geborene Tochter des späteren bundesdeutschen Botschafters Clemens von Brentano schillernd. Einerseits pflegte sie mit einem Habitus aristokratischer Distinktion stets die Vorliebe für einen mondänen Lebensstil, italienische Sportwagen und edle Haute Couture inklusive. Andererseits konnte sie im FU-Kollegium ob der dortigen Männer-Seilschaften auch zu ihren gefürchteten Schreiattacken ansetzen und klamme Studenten freigiebig mit Büchern oder Geld versorgen. Ähnlich zwiespältig blieb das Verhältnis zu ihrem Ehemann, dem Religionsphilosophen Jacob Taubes (siehe Interview Seite 17). Verfügte sie sonst über ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, mit dem sie unermüdlich für feministische Anliegen kämpfte, so ließ sie sich selbst doch, wie man dem Band entnehmen muss, immer wieder von Taubes’ ostentativer Treulosigkeit demütigen.

Ungemein konsequent war sie hingegen im Politischen. Brentano, die bereits seit 1956 an der Freien Universität lehrte und in den Protestjahren zum intellektuellen Sprachrohr der Studenten avancierte, nannte sich stets Sozialistin. Sie verstand dies aber nie dogmatisch und lehnte die bürokratische Autokratie der DDR genauso ab, wie die obrigkeitsstaatlichen Verhältnisse der Bundesrepublik. Ihre politischen Visionen blieben immer in den Idealen der Aufklärung verankert. Ob als Publizistin, als FU-Vizepräsidentin oder in der alltäglichen Arbeit im philosophischen Seminar – fortwährend ging es ihr darum, mittels kritischen Denkens die Möglichkeiten einer emanzipierten und egalitären Gesellschaft zu vermessen. So wie sie also Freiheit und Gleichheit nur im Verbund denken konnte, so gehörten auch Theorie und Praxis für sie immer zusammen. Dem gerechten Handeln sollte immer wieder aufs Neue die Reflexion über seine Parameter vorausgehen. Dementsprechend war die Kant-Exegese so wichtig wie Demonstrationen gegen die Aufrüstung, die Jaspers-Lektüre so wichtig wie der Kampf für die Demokratisierung der Universität. Dieser Ethos hat sie zeitlebens auch immun gegen einen blindwütigen Vulgärmarxismus gemacht – im Gegensatz zu manchen ihrer Studenten.

Auch nach der Wende, mittlerweile emeritiert, blieb sie Citoyenne im besten Sinne. Neben ihrem Einsatz für das Berliner Holocaust-Mahnmal warb sie mitten in der Kohl-Pop-Euphorie für einen gleichberechtigten und behutsamen Einigungsprozess und setzte sich entschieden, insbesondere im Fall der Humboldt-Universität, gegen die Methode der „Abwicklung“ ein.

Obwohl sie freilich nie daran zweifelte, dass die DDR schon lange ihre Legitimation verloren hatte und vom eigenen Volk in die Knie gezwungen wurde, erkannte sie im Ausruf der „Posthistoire“ nur bloßes „Geschwätz“. Der Zusammenbruch des Sozialismus war „kein Grund, das Denken aufzugeben, sondern gerade ein Grund, nüchtern und genauer die Welt zu interpretieren, damit sie verändert werden kann. Denn so wie sie ist, kann sie nicht bleiben.“ Sie, die in ihrem unermüdlichen Einsatz oft das Schreiben vernachlässigte und kein systematisches Werk hinterließ, wurde nach ihrem Tod weitestgehend vergessen.

Dabei hätte die trostlose hochschulpolitische Realität jemanden wie Margherita von Brentano heute bitter nötig. Kritisierte sie bereits 1987 die „schreckliche Konkurrenzsituation“ und die abermals mangelnden Forschungsfreiräume für Studenten, so kann man sich vorstellen, dass sie in Anbetracht von Bachelor, Credit-Points und Modularisierung klare Worte gefunden hätte. Aber auch im Kontext des sukzessiven Abbaus demokratischer Mitbestimmung von Lehrenden und Lernenden zugunsten betriebswirtschaftlicher Entscheidungsstrukturen bräuchte es mehr starke Stimmen, die die gesamtgesellschaftliche, und nicht nur ökonomische Bedeutung der Universitäten unterstreichen. Zuletzt wäre auch zu erhoffen, dass ein Lehrprinzip, wie Brentano es pflegte, mehr beherzigt würde. Obwohl sie leidenschaftlich gerne Klassiker unterrichtete, war ihr stets ebenso wichtig, aktuelle Texte zu diskutieren, um am philosophischen Puls der Zeit zu bleiben. Letzteres ist selten geworden. Das theoretische Spektrum sozial- und geisteswissenschaftlicher Seminare reicht heute meist nur bis zur Dekonstruktion. Die politischen Denker der Gegenwart, von Anthony Appiah bis Slavoj Žižek, bleiben dadurch auf der Strecke – und der zeitkritische Diskurs gleich mit.

In dieser Hinsicht bildet der Nachlass Margherita von Brentanos dann auch mehr als nur einen Kontrapunkt zur neobürgerlichen ’68er-Deutung. Er ist auch ein großes Plädoyer für den Citoyen, für den beständigen öffentlich-kritischen Diskurs, für die Demokratie als Lebensform.


Nils Markwardt, Jahrgang 1986, studiert im Masterstudiengang Literaturwissenschaft an der HU Berlin

Das Politische und das Persönliche Margherita von Brentano Eine Collage, hrsg. von Iris Nachum und Susan Neiman, Wallstein, Göttingen 2010, 542 S., 34,90