Narben und Tatoos

Drogenhandel und Jugendgangs in Guatemala Über Kloaken, die zum Rattennest werden

Es ist ein absolut trostloses Leben", meint Rolando, der stolz darauf ist, seit Wochen keinen Koks mehr geschnieft zu haben. "Hier, in dieser Kloake, haben viele Leute nichts anderes im Kopf als Drogen, von morgens bis abends. Die Kinder schnüffeln Kleister gegen den Hunger, die Jungs rauchen Crack, um ihre Probleme zu vergessen. Die Süchtigen suchen auf den Müllhalden etwas zu essen und schlafen auf der Straße - und die Familie, die kannst du auch vergessen ..."

Rolando beschreibt den Rand von Guatemala-City - durchstreift, während er erzählt, in Gedanken die Asyle der Trostlosigkeit, in denen sich die Jungen mit 14 Jahren Straßengangs anschließen, um mit Drogen zu handeln. "Als unser Anführer getötet wurde, sind wir zusammen losgezogen, um ihn zu rächen. Mehr als zweihundert fielen in das Viertel seiner Mörder ein, versperrten Fluchtwege und durchsuchten die Straßen. Wir hatten Pistolen, Messer, Macheten, Eisenketten. An diesem Tag habe ich Dutzende Jungen sterben sehen."

Der Kolumbianer nahm die Pistole und richtete sie auf den Jungen

Unter den Hauptstädten Lateinamerikas hat Guatemala-City die dritthöchste Mordrate. Fast täglich fallen Jugendliche den Kämpfen rivalisierender Gangs zum Opfer oder sterben, weil sie nicht mehr gebraucht werden. Luis war drei Jahre lang Kontaktmann zwischen ausländischen Drogenhändlern und einer Gruppe junger Dealer. "Das Kokain bekam ich von einem Venezolaner, später von einem Kolumbianer und einem Engländer. An drei Tagen der Woche brachten sie jeweils eine Lieferung. Einmal kam ein Junge in unser Büro. Er war nicht älter als 14, aber schon völlig abhängig. Er hatte nicht genug Geld dabei, um sich den Stoff kaufen zu können. Ich gab ihm trotzdem etwas, weil ich ihn kannte. Als der Kolumbianer das hörte, schimpfte er: ›Das ist nicht korrekt. Das verschafft uns nur Probleme.‹ Ich war mir sicher, dass der Junge seine Schulden bezahlen würde. Aber dem Kolumbianer war das egal. Er bestand darauf, die Situation sofort zu klären. Und als der Junge wiederkam und um Stoff bettelte, schrie er mich an: ›In meinem Schreibtisch liegt eine Pistole. Schieß ihm in den Kopf!‹ Ich weigerte mich. Der Junge schloss die Augen. Ich konnte sehen, wie Tränen über seine Wangen flossen. Der Kolumbianer nahm die Pistole, richtete sie auf den Jungen und schoss, als ob er einen Hund töten würde. ›Siehst Du‹, sagte er, ›das Problem ist gelöst. Er braucht keine Drogen mehr.‹ So etwas habe ich einige Male erlebt."

Heute ist Luis 20 Jahre alt und hat sich vor einigen Monaten einer Kirchengemeinde angeschlossen, in der er jetzt eine Jugendgruppe leitet. Seine Vergangenheit bleibt für jeden sichtbar. Der Körper ist übersät mit Narben und Tatoos. "Ich habe viele Tote gesehen und dabei oft gedacht, eines Tages würde auch mein Blut auf der Straße fließen."

Die Jugendbanden an der Peripherie der guatemaltekischen Gesellschaft verteidigen ihr Terrain so unnachgiebig, dass es die Polizei längst aufgegeben hat, in die entsprechenden Viertel vorzudringen. "Wenn Streifen kommen, verbarrikadieren und verteidigen wir uns", meint Byron. "Deshalb bleiben sie draußen, ein Angriff wäre ihnen zu riskant."

Byron spricht von der Colonia Peréz am Rand einer Schlucht im Osten der Stadt. Die Familien hier leben auf steilen Abhängen, die beim nächsten Erdbeben abrutschen werden. Ihre engen Hütten stehen neben sandigen Pisten. Fährt ein Auto vorbei, treibt aufgewirbelter Staub gegen die Wellblechwände und in die Augen der Menschen. Verlassene Grundstücke gibt es zuhauf und voll stinkenden Mülls. Kloaken, die zum Rattennest werden und sich immer weiter in das Viertel hineinfressen. Der siebzehnjährige Byron ist hier aufgewachsen. "Als Junge denkst du oft, eines Tages wirst du klüger als dein Vater sein und hier rauskommen. Aber dann muss die Familie essen, du fängst an zu stehlen, suchst andere, die mitmachen, und schon klebst du fest."

Byron erinnert sich mit Schaudern an seine erste Nacht im Gefängnis

Paten solcher Biographien können geschäftssüchtige Drogenhändler sein, denen die Jungen als Kleindealer nützlich sind. Byrons Mutter weiß, wie die Mafia vorgeht: "Manchmal schenken sie uns Frischwasser oder bezahlen die Schulgebühren für unsere Kinder. Wir sind dankbar, schließen die Augen und träumen uns davon. Niemand wagt es, diese Männer zu verraten. Jeder weiß doch, wie grausam ihre Rache sein wird."

Noch vor zehn Jahren war der Drogenkonsum in Guatemala eher marginal. Zwar lag das Land seit jeher auf der Transitroute für Kokain aus Kolumbien und Bolivien, doch wurde das weiße Pulver früher bestenfalls in ein paar exklusiven Diskotheken in Downtown Guatemala-City konsumiert. Seit jedoch die US-Regierung ihren Krieg gegen die Drogen auch hier führt, steigen die Transitkosten der kolumbianischen Kartelle. Um die Ware von Guatemala aus nach Nordamerika oder Europa zu schleusen, müssen Regierungsbeamte, Richter und Polizisten bestochen und Kontaktnetze geknüpft werden. Für diesen Transfer zahlen die Kolumbianer nicht gern in bar, sondern praktischerweise in Drogen. So bleibt von Jahr zu Jahr mehr Rauschgift in Guatemala. Das Angebot drückt den Preis, der Absatz wird aggressiver, und die Konsumenten werden es auch. Dabei sind - trotz Armut und Not - bevölkerungsreiche Siedlungen wie Colonia Peréz bis heute attraktive, zahlungsfähige Märkte für den Drogenhandel geblieben.

Lucrecia García arbeitet als Sozialtherapeutin im Jugendgefängnis von Guatemala-City. Etwa drei Viertel der Insassen konsumieren regelmäßig Drogen. Alle stammen aus armen Familien. "Jungen, deren Eltern Geld haben, landen nicht im Arrest, obwohl auch in den Vierteln der Reichen Drogen verkauft werden. Aber dort muss niemand damit rechnen, dass ihn die Polizei behelligen könnte, bestenfalls der Familienanwalt, sofern es doch Ermittlungen gibt. Die Familien unserer Jungen haben dagegen noch nicht einmal ein Telefon, so dass es oft Tage dauert, bevor wir die Angehörigen über eine Festnahme informieren können."

Das Gefängnis ist in einem kolonialen Gebäude untergebracht, das seine beste Zeit längst hinter sich hat. Putz bröckelt von den Wänden, die Farben sind im Mauerwerk versickert, die verzierten Fensterrahmen von stählernen Gittern verdeckt. Byron erinnert sich mit Schaudern an seine erste Nacht in diesen Gemäuern. "Ein Wärter hat mich durch den Gang geführt, während die Jungen in den Zellen riefen: ›Bring ihn zu mir. Ich will ihn haben.‹ Ich hatte furchtbare Angst, weil ich wusste, dass dort Jungen vergewaltigt werden. In der Zelle musste ich mich in eine Ecke stellen. Alle haben mich getreten, einer nach dem anderen, bis ich es nicht mehr aushielt und um Hilfe schrie."

In den 30 Quadratmeter großen Arrestzellen liegen manchmal bis 20 Jungen. Früher gab es Doppelbetten aus Metall, aber seit deren Einzelteile als Waffen gegen die Wärter eingesetzt wurden, gibt es nur noch Matratzen. Die Atmosphäre erinnert mehr an Tierhaltung als an eine Anstalt, in der junge Menschen rehabilitiert werden sollen. Byron beschwert sich nicht. "Das ist eben eine Strafe. Die hast du dir verdient, wenn du auf der falschen Seite geboren wirst."

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00:00 25.10.2002

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