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„Putins Postergirl“ zum Ukraine-Krieg: „Was kann ich da außer Schmerz fühlen?“

Interview Sie galt als „Putins Postergirl“ aus der Ukraine. Was sagt Natalja Poklonskaja, Ex-Generalstaatsanwältin auf der Krim, über Russlands Krieg?
„Absolut alle Kriegsverbrechen und Plünderungen, von wem immer, sind abscheulich“, sagt Natalja Poklonskaja
„Absolut alle Kriegsverbrechen und Plünderungen, von wem immer, sind abscheulich“, sagt Natalja Poklonskaja

Foto: Imago/Itar-Tass

Natalia Poklonskaja war 2014 das Gesicht der Krim, ihrer Heimat. In Kiew von einem Posten bei der ukrainischen Staatsanwaltschaft zurückgetreten, wurde sie Generalstaatsanwältin der Krim, von Russlands Gnaden. Sie steht auf ukrainischen Fahndungs-und EU-Sanktionslisten. Medien nannten sie „Putins Postergirl“, in Japan entstand ein Manga-Kult um sie. In Russland äußerte sich Poklonskaja zuletzt zunehmend kritisch zur Regierungspolitik, vor allem seit der Ukraine-Invasion.

der Freitag: Frau Poklonskaja, wie erinnern Sie sich an den 24. Februar dieses Jahres?

Natalja Poklonskaja: Ich bin Ukrainerin und seit 2014 aus bekannten Gründen auch russische Staatsbürgerin. Am 24. Februar begann die Militäroperation. Was kann ich da außer Schmerz fühlen?

Stimmen Sie Putin zu, wenn er die derzeitige ukrainische Regierung als Faschisten und Drogenabhängige bezeichnet?

Ich habe keine Ahnung davon, kann darauf keine Antwort geben. Ich weiß nur, was ich selbst erlebt habe und wovon ich 2014 Augenzeugin geworden bin: Verbrechen gegen das ukrainische Volk. Nach dem Staatsstreich (gemeint ist der Euromaidan, Anm. d. Red.) wurden Leute geschickt, um der Krim und anderen Nichteinverstandenen mit Umsturz zu drohen, sie zu beleidigen. Ich rede von Petro Poroschenko und anderen Vertretern nationalistischer Ideologie. Sie waren an der Tötung von Menschen, Unruhen und einer bewaffneten Eroberung der Macht im Staate beteiligt. Ihre Gewaltandrohungen gegen die Krim und russischsprachige Ukrainer können schon als Elemente eines Nationalismus gesehen werden. Ich bin deren Augenzeugin, kann bei jeder Gerichtsverhandlung gegen sie aussagen.

Wie sehen Sie Präsident Wolodymyr Selenskyj? Ist er ein Held?

Kann ein Staatsoberhaupt, das sich nicht auf einen Frieden einigen kann und einen Krieg im eigenen Land zulässt, Held genannt werden? Ich glaube, alle Politiker und Diplomaten haben es versäumt, den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland friedlich zu lösen, und können nicht als Helden bezeichnet werden.

Wie stehen Sie zu Meldungen über Kriegsverbrechen russischer Soldaten in Butscha und anderen ukrainischen Orten?

Absolut alle Kriegsverbrechen und Plünderungen, von wem immer, sind abscheulich. Sie erfordern Untersuchung und Bestrafung.

Zur Person

Natalja Poklonskaja, 42, ist stellvertretende Direktorin der Rossotrudnitschestwo, die sich um Russlands Bild im Ausland kümmert. Duma-Abgeordnete der Putin-Partei Einiges Russland war sie nur kurz (2016 – 2020) – denn als Einzige der Fraktion stimmte sie 2018 aus sozialen Motiven gegen die Rentenreform

Sie nannten das „Z“-Zeichen der russischen Kriegsbefürworter ein „Symbol der Tragödie für Russland wie die Ukraine“. Fordern Sie Wladimir Putin auf, die Feindseligkeiten einzustellen?

Ich rufe die ganze Welt dazu auf, mit der Aufstachelung zu Hass und Feindschaft aufzuhören, mit der Lieferung von Waffen, damit, uns gegenseitig umzubringen und die Natur zu zerstören. Ich fordere jeden auf, die Kraft in sich selbst zu finden, um mit dem Wahnsinn des Bösen, mit Angst und Einbildungen aufzuhören, die uns alle überwältigt haben. Über Symbole zu streiten ist sinnlos. Sie geben nur Anlass für Beleidigungen und Beschuldigungen. Das Wertvollste sind das menschliche Leben und der Frieden. Das kann nicht auf Präsident Putin abgewälzt werden.

Der Osten der Ukraine wird überwiegend von russischsprachigen Menschen besiedelt. Wird sich deren Einstellung zum Russischen in der Sprache und im Allgemeinen ändern, nachdem die russische Armee Mariupol, Charkiw und eine Reihe anderer Städte dort zerstört hat?

Die Einstellung der Menschen dort hat sich bereits geändert, und das ist kein großes Geheimnis mehr.

Werden Sie weiter als stellvertretende Direktorin einer russischen Bundesbehörde arbeiten?

Ich werde arbeiten, solange es die Führung mir erlaubt. Weil ich in einer öffentlichen Position den Menschen helfen kann. Jetzt organisiere ich die Lieferung humanitärer Hilfe an Bedürftige, hauptsächlich Medikamente in die Ukraine. Ich helfe auch Angehörigen von Kriegsgefangenen und versuche, deren Rückkehr zu ermöglichen. Die Jungs sind verkrüppelt. Ich arbeite dabei zusammen mit Menschenrechtsorganisationen.

Haben Sie es je bereut, Russland in der Krim- und Donbassfrage zu unterstützen und im Jahr 2014 die ukrainische Staatsbürgerschaft aufgegeben zu haben?

Was den Donbass betrifft, so habe ich damit nichts zu tun. In Bezug auf die Krim und das Referendum dort war es nicht ich, die Russland unterstützte, sondern Russland unterstützte die Wahl der Krim unter Bedingungen großer Not, als uns physische Gewalt und die Deportation aus unserer Heimat drohten. Als Staatsanwältin der Krim habe ich die Einhaltung von Recht und Ordnung auf dem Territorium der Halbinsel zu einer Zeit sichergestellt, als die Menschen, die in Kiew illegal an der Macht waren, sich weigerten, das zu tun. Um Chaos und Unruhen zu vermeiden war es nötig, das Funktionieren der Strafverfolgungsbehörden sicherzustellen. Das bereue ich keine Sekunde. Das Krim-Referendum war die Antwort des dortigen Volkes auf den Staatsstreich in der Ukraine. Auch als Bürgerin Russlands bleibe ich jedoch Ukrainerin und liebe meine beiden Heimatländer – die Ukraine und Russland.

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