„Natürlich setzt mich das Vermögen unter Druck“

Interview Frank und Tim Reus sind Vater und Sohn. Und reich. Was bedeutet Erben für sie? Was Gerechtigkeit? Einig sind sie sich nicht
Und wenn Tim das Geld verschenkt? „Ich würde sagen: So what?“
Und wenn Tim das Geld verschenkt? „Ich würde sagen: So what?“

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Erben, das sei so etwas wie ein generationenübergreifender Akt der Solidarität, sagte jemand bei einer Diskussion in der Redaktion. Zugleich wird die krasse Ungleichverteilung der Vermögen in unserer Gesellschaft durch Vererbung jedes Jahr weiter verfestigt. Manchen fallen Unternehmen zu, wofür sie Steuern zahlen, die meisten erben gar nichts.

Doch wie gehen Familien damit um, über Reichtum zu verfügen und sich zugleich der damit verbundenen Ungerechtigkeit bewusst zu sein? Ein Vater und sein Sohn sprechen über ihren Versuch, einen Umgang damit zu finden.

der Freitag: Tim, wann wurden der Umgang mit dem Vermögen und die Frage des Erbens für Sie ein Thema?

Tim Reus: Das ist noch gar nicht so lange her. Früher habe ich nie darüber nachgedacht und habe meinen Vater auch nicht als besonders vermögend wahrgenommen. Ich hätte wahrscheinlich immer gesagt: Wir gehören zur oberen Mittelschicht.

Frank Reus: Tun wir das nicht?

Tim R.: Nein, tun wir nicht! (lacht) Für mich spielte das zum ersten Mal eine Rolle, als du mich gefragt hast, ob ich in den Gewerbehof einsteigen will.

Frank R.: Ich komme ursprünglich aus einer Bauernfamilie aus Süddeutschland. Wir waren nicht reich, hatten aber unser Auskommen. Die Erbfolge war bei uns kein großes Thema und für mich eher eine Bedrohung, weil ich die bäuerliche Arbeit schon früh als schrecklich langweilig empfunden habe. Mit 17 oder 18 habe ich mich dann nach Berlin verabschiedet, da konnte ich machen, was ich wollte, es hat kein Schwein interessiert. Mein Bruder hat den Hof übernommen, ich wurde Hausbesetzer.

Heute sind Sie Hausbesitzer, deshalb führen wir dieses Gespräch.

Frank R.: Ich habe in Berlin dann eine Firma gegründet, die lief nicht schlecht, und Ende der 1990er einen Gewerbehof gekauft. Da waren die Immobilienpreise in Berlin, nachdem die Blase geplatzt war, ziemlich im Keller. Das war ein gutes Geschäft, die Firma hat sich prima entwickelt, aber ich habe mich nie als vermögend empfunden. Es ist ja so: Reich ist man erst, wenn das Geld nicht mehr an die Bank geht, die Darlehen abbezahlt sind.

Vielleicht nicht vom Habitus, aber von der Vermögensverteilung her gehören Sie schon zum reichsten einen Prozent.

Frank R.: Na ja, das „eine Prozent“ … Ich tue mich damit schwer. Ich begreife mich heute noch als links, das „eine Prozent“ ist fast ein Stigma, das klingt nach „unverdient“.

Tim R.: Ihre Frage war, warum ich Probleme damit bekommen habe. Das hängt mit meiner Beschäftigung mit der Vermögensungleichheit zusammen: Wenn das Vermögen ein Kuchen wäre, den wir in zehn Teile schneiden, dann bekommt in Deutschland eine Person sechs Teile, das reichste eine Prozent schon allein drei Teile, und fünf Leute am Tisch kriegen nur noch Krümel, weil sie zusammen nur drei Prozent des Vermögens besitzen. Das finde ich nicht erstrebenswert. Ich sage nicht, dass das Vermögen, das du, Papa, dir erarbeitet hast, unverdient oder ungerecht ist. Aber der Wertzuwachs des Gewerbehofs geht auch auf unverdiente leistungslose Einnahmen zurück. Außerdem ist für mich auch die Frage wichtig, was ich dazu beigetragen habe, wenn ich das mal erben sollte. Du hast dir das erarbeitet, aber was habe ich dafür geleistet?

Wollten Sie, Tim, den Gewerbehof übernehmen?

Tim R.: Nein, wollte ich nicht. Ich bin in linken Kreisen sozialisiert, da war meine erste Reaktion: Das ist Teufelszeug, Besitz, das lehne ich komplett ab.

Frank R.: Das Ergebnis war, dass ich verkauft habe. Weil ich nicht bis an mein Lebensende Vermieter sein wollte. Jetzt habe ich das Problem, was ich mit dem Geld anstelle. Ich werde es nicht verschenken, sollen das meine Kinder machen.

Was einmal zum Problem werden könnte, oder?

Tim R.: Wir sind drei Kinder, und ich würde sagen, wir haben keine Konflikte deshalb.

Zu den Personen

Frank Reus ist um die 60, sein Sohn Tim um die 30. Die beiden heißen in Wirklichkeit anders, aber sie wollen lieber nicht mit ihrem echten Namen in der Zeitung stehen. Weil Frank, geboren als Bauernsohn in Süddeutschland, mit seiner Firma und Investitionen auf dem Immobilienmarkt zu Reichtum gekommen ist. Die beiden haben nun begonnen, darüber zu sprechen, was der beste Umgang mit dem Vermögen und der Frage der Vererbung wäre. Und was das mit ihrer Beziehung macht.

Aber wenn Sie in den Betrieb eingestiegen wären, hätten Sie das Vermögen dann annehmen können?

Tim R.: Ja, heute denke ich anders darüber, weil der Gewerbehof an einen Investor verkauft wurde, da haben wir keinen Einfluss mehr. In die Verwaltung der Wohnimmobilien steige ich gerade ein, das kann ich annehmen. Aber langfristig kann ich mir nicht vorstellen: Ich erbe das alles mal, und gut ist. Ich frage mich: Wie gehe ich damit um, dass ich entscheide, wer da wohnt oder wie hoch die Miete ist?

Hat die Diskussion über den Umgang mit dem Vermögen Ihre Beziehung belastet?

Frank R.: Nein, aus meiner Sicht gar nicht.

Tim R.: Für mich sieht das anders aus. Wir haben ein gutes Verhältnis, aber natürlich setzt mich das Vermögen unter Druck. Oder ich setze mich selbst unter Druck durch meine Frage nach der sozialen Gerechtigkeit. Welche Rolle spiele ich dabei? Wie gehe ich mit dem Erbe um, oder mit dem Umstand, dass ich Teil einer Familie bin, die zu den reichsten zehn Prozent gehört? Du, Papa, hast damals zu mir gesagt: Wenn du das Ganze hier nicht übernimmst, was machst du dann?

Frank R.: Ich habe dich nie unter Druck gesetzt, im Gegenteil, als es mal nicht so lief, habe ich zu dir gesagt: Mach dir keinen Stress, ich habe mir in den 1970er Jahren in Berlin schließlich auch zwei Jahre Auszeit genommen, und aus mir ist auch etwas geworden. Erst als du auf die 30 zugingst, dachte ich, so langsam könnte mal eine Entscheidung getroffen werden.

Sie haben sich jetzt entschieden, oder?

Tim R.: Ja, ich werde einen landwirtschaftlichen Betrieb in Brandenburg übernehmen. Ich merke, dass diese Entscheidung ganz viel löst bei mir. Ich mache jetzt meine eigene Unternehmung, unabhängig von dir, Papa.

Wiederholt er da nicht etwas, was Sie, Frank, vorgemacht haben? Und gleichzeitig führt er als Bauer die Familientradition fort …

Frank R.: Ja, Tim hätte alles machen können, nur bitte nicht Landwirtschaft. Aber das ist auch o. k., das ist nun eben meine Strafe.

Tim R.: (lacht) Genau, Strafe … Nach meinem Studium habe ich eine Zeitlang gesucht und dann die Landwirtschaft für mich entdeckt. Das ist auch ein gesellschaftspolitisches Projekt, und die Klimafrage spielt mit hinein. Viele Höfe können nicht mehr innerhalb der Familie übernommen werden, so steige ich jetzt in einen landwirtschaftlichen Betrieb ein.

Dann wissen Sie ja, was Sie mit Ihrem Geld machen …

Tim R.: Nein, das mache ich ohne finanzielle Hilfe von Frank. Aber ich weiß natürlich, wie privilegiert ich bin: Wenn ich das nicht hinkriegen sollte, falle ich weich. Es ist kein Millionenprojekt, ich werde mich damit nicht ruinieren.

Wie gingen Ihre Überlegungen zum Umgang mit dem Familienvermögen eigentlich weiter?

Tim R.: Mein Vater wollte das Geld nie anderweitig verteilen. Irgendwann bin ich auf die Bewegungsstiftung gestoßen und hatte das Gefühl, dort bekomme ich Antworten auf meine Fragen. Die Idee der Stiftung ist ja, Vermögen einzusetzen, um damit sozialen Wandel zu initiieren.

Haben Sie mal daran gedacht, das Geld einfach zu verschenken?

Tim R.: Ja, das war die erste Reaktion. Nach einiger Zeit habe ich aber entschieden, dass das nicht der richtige Weg für mich ist. Im Moment wüsste ich nicht, was ich täte, wenn der Erbfall einträte. Ich habe eine Bekannte aus der Bewegungsstiftung, die entschieden hat, 90 Prozent ihres Erbes wegzugeben. Daran muss ich mich jetzt messen lassen. (lacht) Ich würde versuchen, das Vermögen abzuschmelzen, umzuverteilen, zum Beispiel an die Bewegungsstiftung. Die Frage ist: Wer entscheidet über die verfügbaren Mittel? Im besten Fall ist das ein demokratischer, transparenter Prozess, bei dem die Gesellschaft entscheidet, wofür Geld verwendet wird.

Wie geht es anderen jungen Menschen in einer ähnlichen Lage?

Tim R.: Über die Stiftung habe ich Kontakt zu anderen jungen Vermögenden gefunden, das hat mir gutgetan. Das sind junge Leute, die verantwortungsvoll mit ihrem Vermögen umgehen wollen. Im Kontakt mit ihnen ist mir klar geworden, dass ich meine Rolle erst noch finden muss.

Vermögen ist mit Scham besetzt, Sie, Frank, haben von Stigma gesprochen. Warum führen wir dieses Gespräch nicht unter Ihren richtigen Namen?

Tim R.: Es ist schon mit Scham verbunden, vermögend zu sein. Mir hat die Anonymität ermöglicht, bei Ihnen zu sitzen und ungeschützt darüber zu reden. Als mein Vater das erste Mietshaus gekauft hat, habe ich am Wochenende mitgeholfen, wenn eine Wohnung saniert wurde. Ich sollte aber bei meinen Freunden nicht durchblicken lassen, dass das Mietshaus uns gehört.

Frank R.: Für mich ist die Anonymität wichtig. Mich kennt ja niemand, aber ich würde mich unwohl dabei fühlen, wenn in der Zeitung locker über diese Dinge gesprochen würde und ich erkennbar wäre. Ich kenne Leute, die reden nicht mal mit ihren eigenen Kindern über ihre Vermögensverhältnisse. Bei denen, die mir wichtig sind, kann ich offen darüber sprechen. Aber in der Öffentlichkeit über ein großes Vermögen zu reden, das ist, wie nackt auf die Straße zu gehen.

Tim R.: Bei mir hängt die Scham auch damit zusammen. Zugleich habe ich das Gefühl: Wenn ich das öffentlich mache, kann ich auch etwas gegen die von mir empfundene Ungerechtigkeit tun, Teil einer privilegierten Klasse zu sein. Dieses Gefühl hast du, Papa, ja wohl eher nicht.

Frank R.: Das stimmt, diese ganze Problematik sehe ich nicht.

Und was wäre, wenn Tim 90 Prozent Ihres Vermögens abgäbe?

Frank R.: Im Moment würde ich sagen: So what? (lacht) Das Geld hat er ja noch nicht. Und vielleicht mache ich, bevor er es weggibt, selbst noch was Geiles damit. Und wenn ich tot bin, ist es mir egal.

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