Ne Buddel voll Schluck

Alltag Bauer findet Frau - ein Grund zum feiern

Hinnerks Sohn heiratet. Keine allzu große Hochzeit, mehr mal so normal weg: Seine Verwandtschaft mit Mutter und Vater, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen: 40 Personen. Dann die Kumpels von der freiwilligen Feuerwehr, von der Landjugend, aus dem Schützenverein, aus dem Spielmannszug und von der Jagdgenossenschaft: 60 Personen. Die Kegelbrüder von Mutter und Vater: 20 Personen. Und natürlich andere Landwirte aus der Erzeugergemeinschaft für Pommfritt-Kartoffeln samt ihrer Kinder: 20 Personen. Außerdem sämtliche Nachbarn mit Kindern, Großmüttern, weggezogenen Spielgefährten von früher, macht 40 Personen. Und die Verwandten der Braut: Eine Großmutter, zwei Eltern, ein Bruder. Dazu eine Schulfreundin und fünf Arbeitskollegen mit Anhang.

Reicht auch. Mehr muss nicht.

Hinnerks künftige Schwiegertochter ist nicht von hier. Aber sie lernt schnell. Sie ist gleich mit ´ner Buddel Schluck und einem Tablett voll Gläser vor die Tür gekommen, als die Nachbarn eine Woche vor der Hochzeit vor dem Haus stehen, um die Türen zu vermessen. Nicht, dass sich an den Maßen der Türen seit der Silberhochzeit von Ilse und Hinnerk vor drei Jahren irgendetwas geändert hätte. 16 Meter muss die Girlande lang sein, die am Hochzeitstag das Dielentor schmücken wird. Aber sicher ist sicher; besser, man hält da noch mal den Zollstock dran. Und so klettert Onkel Fritz auf die Leiter, Opa Meyer reicht ihm den Strick, der später in die Girlande eingebunden wird und die beiden fachsimpeln, ob das alles so passen wird - wie immer. Derweil schenkt dem Hinnerk seine künftige Schwiegertochter nocheinmal die Schnapsgläser voll.

Sie kommt aus der Stadt und spricht Schriftsprache. Das macht aber nichts: Im Prinzip reden auf dem Dorf auch alle Hochdeutsch; richtiges Platt schnackt kaum noch jemand, gerade noch die Generation von Opa Meyer; Onkel Fritz und Hinnerk sind sprachliche Chamaeleons: Sie wechseln mit dem Umfeld auch die Sprache. In der Nachbarschaft schnacken sie platt; sobald der Tierarzt auf den Hof kommt, beim Termin auf der Sparkasse oder auf der vierteljährlichen Sitzung des Ortsvorstands sprechen sie Hochdeutsch.

Die Niedersachsen beherbergen angeblich irgendwo in ihrem Bundesland die Hochburg des Hochdeutschen. Auf den Dörfern enthält ihre Sprache aber etwa so viele Begriffe aus dem Plattdeutschen, wie andernorts Vokabeln aus dem Englischen integriert werden. Hinnerks Schwiegertochter hatte damit anfangs Probleme. Inzwischen geht es. Inzwischen kennt sie auch die Rituale. Sie hat schon mehrere Hochzeiten besucht, seit sie zu ihrem Freund gezogen ist. Sie weiß, was zu tun ist: Sie stellt schon mal die nächsten Flaschen kalt. Die Nachbarn kommen schließlich in den kommenden Tagen noch einige Male wieder.

Schon am nächsten Tag gehen Onkel Fritz und Opa Meyer das Grün holen. 16 Meter Girlande brauchen eine Menge Grün. Mit den 16 Metern ist es ja sowieso nicht getan. Es müssen noch 12 Meter für die große Tür vor der Dorfgaststätte gebunden werden. Grün holen ist Männersache. Sie schneiden es auf der Weihnachtsbaumplantage von Dorle und Günther. Tante Dorle, Onkel Günther - wie Hinnerks Sohn die beiden nennt, obwohl eigentlich - wie auch zu Opa Meyer und Onkel Fritz - kein Verwandtschaftsverhältnis besteht, jedenfalls keins, das nicht um sehr viele Ecken ginge. Die Nachbarschaft ist dennoch erweiterte Familie. Auch so eine Sache, die Hinnerks Schwiegertocher zunächst nicht verstanden hat.

Grün schneiden, genau wie das Vermessen der Türen, will gut überlegt sein. Onkel Fritz und Opa Meyer schneiden immer mit Grün. Dorle und Günther machen das niemals allein. Das hat einen Grund: Grün schneiden mit trockener Kehle, geht nicht. Wenn also eine Hochzeit, sei sie grün, hölzern, silbern oder gar golden im Dorf ansteht, stellt Dorle die Flaschen kalt, und sobald die Männer auf den Hof kommen, lädt sie den Kasten Bier auf eine Schubkarre, steckt sie das Tablett und den Korb mit den Gläsern und der Buddel Schluck daneben und schickt den Günther damit los. So geht beim Grün schneiden, alles seinen gewohnten Gang. Seit einigen Jahren erzählen sich Günther, Fritz und Opa Meyer dabei immer wieder unter hämischem Gelächter die Geschichte von den Neubürgern aus dem Baugebiet am Rande des Dorfes: Die hatten einmal um Grün für eine Girlande gebeten, keinen Schnaps mitgebracht und nur die schönen hellgrünen Triebspitzen von den ihnen zugewiesenen Fichten geschnippelt. Dann hatten sie schlampig gebunden und am Ende hing am Hochzeitstag die hellgrüne Girlande teils vertrocknet, teils schimmelig um die Tür des Einfamilienhauses herum. Kein schöner Anblick.Den Experten passiert soetwas natürlich nicht. Mit sattem Grün, dunkel benadelten Fichtenzwiegen auf dem Ackerwagen fahren Opa Meyer und Onkel Fritz bei Dorle und Günther vom Hof.

Während Dorle das Leergut ins Auto und die Schnapsgläser in die Spülmaschine räumt, liegt Günther bereits auf dem Sofa zum Mittagsschläfchen. Er hat Kopfschmerzen, manchmal merkt er eben doch, dass er älter wird und nicht mehr so viel verträgt. Wie soll das erst werden, wenn im kommenden Jahr, seine Tochter heiratet? Obwohl sie seit Jahren in Süddeutschland lebt, will sie unbedingt zu Hause heiraten, so mit allem, mit Girlande, mit Spielchen vor dem Standesamt und vor der Kirche, mit Nachbarn und Gedöns. "Papa", hat sie gesagt, "das ist hier unten nichts. Die wissen nicht, wie man eine Hochzeit feiert. Organisiert ihr das mal für uns, wir kommen dann eine Woche vorher hoch und schenken ein".

Girlande binden ist Frauensache, und die Werkstatt ist die Diele von Volker und Grete. Tante Grete, die Tochter von Opa Meyer, bindet schon seit Jahrzehnten die Girlanden für alle. Sie hat das mal gelernt. Früher hat sie auch die Trauerkränze für die Nachbarschaft gemacht, wenn jemand gestorben ist. Da hat sie heute keine Lust mehr zu. Aber das Girlande binden macht sie noch, das ist wenigstens ein Grund zum feiern. Onkel Volker, Onkel Fritz und Opa Meyer stellen die Gartenstühle in die Diele. Dann holen sie die Gläser aus dem Schrank, eine Buddel Schluck aus der Gefriertruhe und den Eierlikör. Sahnelikör hat Tante Grete selbst gemacht. Das Rezept stammt von einem Tupperabend, seitdem haben alle in der Nachbarschaft immer ein Fläschchen vorbereitet, wenn es etwas zu feiern gibt. Geht auch schneller als der mit Blaubeeren, frischen Walnüssen oder Johannisbeeren angesetzte Likör. Als alles aufgetischt ist, ziehen sich die Männer mit einem Kasten Bier in die Stube zurück und warten auf Günther. Eigentlich wollen sie heute eine Runde Doppelkopp spielen, dazu brauchen sie einen vierten Mann.

Zwei Abende verbringen Grete und die Nachbarsfrauen mit der Girlande. Gretes Schwester Waltraut schneidet das Grün in handliche Stücke, Grete bindet und die übrigen Damen basteln die Dekoration aus Krepppapier, Papierservietten und Schleifenband. 80 Schleifen in rot-weiß für das Dielentor von Hinnerks Haus, 60 Stück in rosa und weiß mit roten Herzen für die Girlande an der Dorfgaststätte. Wenn die Schleifen gebastelt sind, bleibt noch Zeit für den Likör, den Schnaps und das Selbstangesetzte mit Beeren und Nüssen. Nach der Hochzeit, werden einige der Frauen einen Abend lang die Girlande wieder abwickeln. Opa Meyer will seinen guten Strick wieder haben, der immer als Kern der Girlanden dient. Und irgendwo wird auch noch eine Flasche sein, die sich bei dieser Gelegenheit verkosten lässt.

Doch zunächst müssen die beiden prachtvollen Girlanden am Dorfgasthaus und bei Hinnerk an der Dielentür befestigt werden. Auf eine Schubkarre passen die 18 Meter nicht, Onkel Günther und Onkel Fritz balancieren sie auf zwei Schubkarren nebeneinander bis vor Hinnerks Haus. Opa Meyer legt die Leiter an, und nun ist es wieder Zeit, dass Hinnerks neue Schwiegertochter die Flaschen aus dem Eisfach holt, die Gläser auf dem Tablett arrangiert und ein paar Runden vor dem Haus serviert. Erst begutachten die Frauen, ob die Männer die Girlande auch ordentlich aufhängen, dann steigt Waltraut auf die Leiter und bringt die Schleifen an. Die Girlande vor dem Dorfkrug kommt anschließend dran.

Morgen geht es weiter. Morgen kommen wieder alle zu Hinnerk auf den Hof und zertrümmern einen Haufen altes Geschirr, damit das Brautpaar ordentlich Scherben zusammen fegen kann. Mindestens eine Buddel Schluck geht auch wieder rum. Ist dann auch nur noch ein Tag bis zur Hochzeit, und ohne Polterabend wär ja alles nichts. Wäre ja noch schöner, wenn die Nachbarn mit dem Hinnerk sein Sohn und dessen Zukünftiger nicht vor der Hochzeit mal anstoßen könnten, nicht wahr?

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