Neben der Spur

Aktuell Die Elite der deutschen Ökonomen ignoriert die wirklichen Herausforderungen der Zukunft

2007 war - man erinnert sich - das Jahr des Klimas und der Klimapolitik. 2008 wurde von den Vereinten Nationen zum "Jahr des Planeten Erde" ausgerufen, verbunden mit dem Wunsch nach dem Tableau für eine umfassende Erdpolitik. Vom 23. bis 26. September 2008 findet nun die Jahrestagung des traditionsreichen Vereins für Socialpolitik als Treffen der deutschsprachigen Ökonomen in Graz statt. Der Vorstand widmete es der "Experimentellen Ökonomie" und berief eine Kommission, um das Ereignis vorzubereiten. Was hat diese Elite der Elite der deutschen Ökonomen dazu vorgelegt?

Nun, auf einer so genannten Kerntagung werden fünf Professoren - in Deutsch - über Wettbewerb und Wirtschaftspolitik, die Rolle von Experimenten in der Theorieentwicklung, über rationales Verhalten, Marktdesign und Surveydaten vortragen. Ein Gast von der Harvard Universität spricht - in Englisch - über Experimente und was sie über Wirtschaftspolitik verraten.

Dann folgt das so genannte Offene Plenum mit sage und schreibe 422 Referenten - und aufschlussreichen und wichtigen Themen im Jahr des Planeten Erde? Die Antwort fällt ernüchternd aus. Denn diese Referenten boten Themen an, an denen sie ohnehin gerade arbeiten oder die sie in der Schublade liegen haben. Ihnen wurde inhaltlich nichts abgefordert - kein Schwerpunkt, keine Priorität. Die Leistung der 50 Vorstände des Vereins und der neun Kommissionsmitglieder scheint allein darin bestanden zu haben, das thematisch beliebige Angebot irgendwie zu sortieren und gleichmäßig über drei Tage zu verteilen. Die einzige Auflage: Niemand kann für seinen Vortrag inklusive Debatte mehr als 30 Minuten Zeit beanspruchen. Gab es keine anderen Vorgaben? Riskieren wir einen Test. Fragen wir nach den eingangs erwähnten großen Themen der Jahre 2007 und 2008. Das Resultat: Dem Thema Klimapolitik widmen sich drei der 422 Referenten, der Umweltpolitik sechs und dem Thema Umweltökonomie drei - das ergibt zusammen nicht mehr als 2,8 Prozent aller Referate im Grazer September 2008. Wie steht es um das Thema Erdpolitik, das von der UNO gesetzt wurde, weil der Weltorganisation Auskünfte zur Zukunft unseres Planeten unverzichtbarer denn je erscheinen? Zu nachhaltiger globaler Entwicklung existiert in Graz überhaupt kein Angebot der deutschen Ökonomen-Elite, 0,0 Prozent der Referate. Um auch das noch anzufügen: Über die Entwicklungsländer wollen in Graz gerade mal drei Professoren in Graz reden!

Was ist los mit den deutschen Ökonomen? Sie referieren wohl alle in Englisch, weil sie meinen, zum internationalen Championat zu gehören, oder weil es sich gut macht, in Graz in Englisch referiert zu haben. Sie negieren aber (fast) alle, was man von einer Elite erwarten darf: kritische Analyse und Reflexion über Entwicklungstrends auf dem Planeten Erde, über Wachstum und Wachstumsgrenzen, über Verteilung und Gerechtigkeit, über den Aufstieg Chinas und das Elend Afrikas, über die Rolle Deutschlands in der Weltökonomie und Weltökologie und die Rolle dessen, was es an besonderer deutscher Volkswirtschaftslehre vielleicht doch noch dazu geben mag - wenn man nur danach sucht. Warum haben Vorstand und Kommission des traditionsreichen Vereins für Socialpolitik nicht das Experiment wagen wollen, sich all dem zu öffnen?

Udo E. Simonis ist Professor für Umweltpolitik und Berater zahlreicher UN-Kommissionen zum Klimaschutz

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