Neigung zum Melancholischen

Zeitschriftenschau Michael Buselmeier hat sich für seine Zeitschriftenschau die letzten Ausgaben von Literatur und Kritik angesehen. Er stieß auf ein Zitat: "Kein Ehrgeiz mehr ..."

Die österreichische Zeitschrift Literatur und Kritik wurde 1965 von Gerhard Fritsch, Rudolf Henz und Paul Kruntorad begründet und 1991 unter der Leitung von Karl-Markus Gauß „redaktionell erneuert“, was damals zu heftigen kulturpolitischen Auseinandersetzungen führte. Seit jener Erneuerung – so sehen es jedenfalls Gauß und seine Freunde – habe Literatur und Kritik bewiesen, dass es möglich sei, „in Österreich eine Zeitschrift von europäischem Anspruch“ zu gestalten – womit Literatur und Kritik freilich keineswegs allein steht, wenn man an so bedeutende österreichische Organe wie manuskripte und wespennest, aber auch an untergegangene Blätter wie das Neue Forum, die protokolle oder die Gegenwart denkt.

Schaut man sich die jüngsten Hefte genauer an, so erscheint Literatur und Kritik eher als spezifisch österreichische denn als internationale Zeitschrift, sieht man von den einleitenden „Kulturbriefen“ einmal ab. Eine Neigung zum Grotesken und Melancholischen ist auszumachen, auch zur Mundart und dankenswerterweise zu oft ganz vergessenen Schriftstellern. Die Mitarbeiter kommen überwiegend aus Österreich; auch die besprochenen Bücher stammen in der Regel von österreichischen Autoren oder wurden zumindest in österreichischen Verlagen publiziert.

Damit soll nicht behauptet werden, man favorisiere hier eine Heimatdichtung älterer Art. Naturgemäß geben sich Gauß und seine Mitstreiter links und antifaschistisch, doch in einem bestimmten Sinn auch wieder konservativ, was die launigen Editorials des Herausgebers gelegentlich untermalen. So meint er im Novemberheft, die Zeiten stünden auf „Relaunch“, was bedeutet, dass etwa eine Zeitschrift, an deren Layout man sich gerade gewöhnt hat, mit einer nagelneuen Aufmachung ins Rennen geschickt wird, wodurch „die Leser daran erinnert werden, dass fast alles, was in der Welt verbessert wird, erheblich zu deren Verschlechterung beiträgt.“ Relaunch werde es jedenfalls bei Literatur und Kritik so bald keinen geben.

Daniela Strigl erinnert an den 2008 recht verhalten begangenen 100. Geburtstag von Hans Weigel und Friedrich Torberg. Beide waren in den ersten Nachkriegsjahrzehnten gefeierte Romanciers, Feuilletonisten und umstrittene Polemiker, beide waren österreichische Juden, Emigranten und frühe Rückkehrer nach Wien (Weigel bereits 1946, Torberg 1951), beide erbitterte Antikommunisten, was ihnen von manchen noch immer angekreidet wird. So erscheinen beide heute sehr unzeitgemäß, und es besteht Unsicherheit darüber, wie ihr umfangreiches Lebenswerk zu bewerten sei.

Das Dossier des Novemberhefts widmet sich „Orten der Literatur“. Gemeint sind sowohl Orte, an denen bestimmte Werke entstanden sind, als auch solche, die Eingang in die Literatur gefunden haben, etwa die Alpen, die der Schweizer Aufklärer Albrecht von Haller 1729 in einem berühmten Lehrgedicht in gereimten Alexandrinern besungen hat. Haller – so die zu hochfahrendem Poetenton neigende Marie-Thérèse Kerschbaumer – betrachtete die Natur mit dem Auge des Mediziners und Botanikers, sein Vorbild war Vergil. Kerschbaumer schlägt einen Bogen zu Julian Schuttings fünf Elegien Auf den Dachstein (2002) und zu Hans Haids Prosawerk über die gefährdete Alpenlandschaft mit dem Titel Similaun aus dem Jahr 2008.

Susanne Schaber stattet dem Haus des 1985 gestorbenen englischen Dichters und Mythenforschers Robert Graves auf Mallorca einen Besuch ab; Gerhard Zeillinger berichtet mehr über seine eigene als über Theodor Storms Erholungsreise nach Sylt im August 1887 und die Entstehung des Schimmelreiters; Hans Raimund schreibt über Adalbert Stifter, den er wenig schätzt, und die schöne Stadt Triest, die Stifter bei seiner einzigen Norditalien-Reise 1857 aufgesucht hat.
Die Aufzeichnung ist eine literarische Form, die zwischen Genres wie Tagebuch, Feuilleton-Glosse, Prosagedicht changiert, doch deshalb keineswegs – wie es im Dossier der Septemberausgabe von Literatur und Kritik anklingt – zur minder geachteten Kunst zählt. Gerade die Kenner unter den Lesern, erst recht die meisten Autoren, goutieren Journale. Daß die Aufzeichnung eine poetische Grundgebärde darstellt, bezeugen Beispiele von Rilke bis Brinkmann, von Kafka über Ernst Jünger bis Handke und Walter Helmut Fritz. Leider fehlt den meisten der nun in Literatur und Kritik vorgestellten Texten dieser radikal selbstbefragende oder auch detailbesessene Forschergestus. Allein der 1948 geborene Bernhard Hüttenegger berichtet von einer lebensbedrohenden Krankheit, die ihn 2006 ereilte und ihn zwang, „den Blick auf das Wesentliche“ zu richten. Zugleich leidet er darunter, als Schriftsteller ignoriert zu werden: „Kein Ehrgeiz mehr. Keine Hoffnungen bezüglich der Rezeption meines Werks … Hypochondrie, Angst vor Partnerverlust, Alter, Tod.“ Clemens Berger steuert intime Reisenotizen aus dem weithin unbekannten Polizeistaat Syrien bei.


Literatur und Kritik: Nr. 429/430, 2008 (Ernest Thun-Straße 11, A-5020 Salzburg), 9 €.
Literatur und Kritik: Nr. 427/428, 2008 (Ernest Thun-Straße 11, A-5020 Salzburg), 9 €.

www.omvs.at/NewFiles/literatu.htm

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19:00 24.01.2009

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