Nenn mich nicht Nico

Kult Der Spielfilm über die New-Wave-Ikone Christa Päffgen zeigt, wie viel Erinnerung in einen Kleinbus passt

In den aktuellen Spotify-Charts hätte Nico nicht den Hauch einer Chance. Im Popgeschäft geht es mehr denn je um die möglichst aufmerksamkeitseffiziente Inszenierung der eigenen Biografie. So zelebrierten Beyoncé und Jay-Z ihr auf mittlerweile drei Alben verhandeltes Ehe-Hin-und-Her unlängst im Berliner Olympiastadion vor 60.000 Menschen. Und der erfolgreichste Rapper der Stunde, der Kanadier Drake, probierte auf seinem jüngsten Album publikumswirksam seine neue Vaterrolle aus, nachdem die Existenz eines bisher verheimlichten Sohnes bekannt geworden war.

Christa Päffgen, 1938 in Köln geboren, bei Berlin aufgewachsen, später unter dem Künstlernamen Nico als Model, Schauspielerin und vor allem Musikerin mit The Velvet Underground berühmt geworden, wollte nichts wissen von Biografie als Marketing Tool. Der Film, den die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli nun über Päffgens letzten Lebensabschnitt gedreht hat, wirkt wie der Versuch, das Leben einer Popikone ohne die leiseste Andeutung von Glamour zu erzählen. Ein unerhörter Versuch – und einer, der gelingt. Nico, 1988 führt seine Protagonistin mit zwei Negationen ein: „Nennen Sie mich nicht ‚Lou Reeds Femme fatale‘!“ Und: „Nenn mich nicht Nico!“ Ich ist eine andere.

Dabei gäbe es Material zur Genüge, das sich für Biopic-Klischees ausschlachten ließe. Nico, 1988 zeigt Päffgen gegen Ende der 80er auf Tour: ohne vernünftiges Zuhause, seit Jahren auf Heroin, beim Blick in den Spiegel nur zufrieden, wenn sie sich endlich hässlich findet und nicht mehr dauerhübsch wie einst auf Vogue-Titelseiten im Paris der 50er oder in Andy Warhols Factory im New York der 60er. Es sind kaum vernünftige Musiker zu finden, die mit ihr eine Bühne teilen wollen, die Presse fragt nur nach den „experiences“ von damals, als sie neben Lou Reed und John Cale das Tamburin schwang, von ihren Soloplatten will niemand etwas wissen. Das Sorgerecht für den Sohn wurde ihr von dessen Großeltern entzogen. Jetzt verzehrt sie sich nach ihm, der mit Mitte 20 suizidgefährdet und auf Entzug in einer psychiatrischen Anstalt sitzt.

Nicchiarellis Film wirft Schlaglichter auf die Gegenwart einer Gescheiterten, die von der Vergangenheit nicht loskommt. Das Wunder daran ist, dass die italienische Regisseurin und ihre Hauptdarstellerin Trine Dyrholm dieser kaputten Figur trotz allem große Würde verleihen und es schaffen, die Aura der Unnahbaren mit rabiater, trampeliger Eleganz einzufangen.

Dabei geht es der italienischen Regisseurin gar nicht darum, alles im Detail auszuleuchten. Die Bilder auf der Leinwand bleiben ohne Glanz. Auch die Handlung ist eine schmucklose Angelegenheit, die sich beiläufig an einer letzten Europatournee Päffgens entlanghangelt. Ödnis im Kleinbus, Tristesse des Suchtalltags, spärliches Publikum, abgebrochene Konzerte. Doch es geht Nicchiarelli nicht um die Nacherzählung eines Popstarlebens mit vorhersehbarer Rauf-runter-Dynamik. Es geht ihr, trotz der beeindruckenden Gesangsperformance von Dyrholm, noch nicht mal besonders um Päffgen als Musikerin. Nico, 1988 erzählt anhand eines kleinen zeitlichen Ausschnitts das Drama eines Lebens. Und ist zugleich eine Parabel auf die Macht und Last der Geschichte.

Berlin brennt

Einen ähnlich angelegten Film hat man erst vor Kurzem in deutschen Kinos gesehen. Er erzählt drei Tage aus dem Leben einer Frau, die im selben Jahr wie Päffgen geboren wurde, zur selben Zeit wie Päffgen in eine Beziehung mit dem Schauspieler, Militaristen und Schwulenhasser Alain Delon und zeitlebens in einen Kampf gegen ihr einstiges Ich verstrickt war. „Ich bin schon längst nicht mehr Sissi, und ich war’s auch nie. Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren, und ich heiße Romy Schneider.“ Das sagt Marie Bäumer als Romy in Emily Atefs Film 3 Tage in Quiberon, der das Drama eines Lebens anhand einer komprimierten Episode erzählt.

Zwei Frauen, die den Drogen entsagen und sich um ihre Söhne kümmern wollen, kurz vor ihrem Tod. In Nico, 1988 heißt es einmal, Päffgen interessiere sich nicht mehr für Musik. Doch mit Tonband und Mikrofon ist sie wie besessen auf der Suche nach einem bestimmten Geräusch: dem Klang der Niederlage. Noch vor dem ersten Bild im Kino ist es zu vernehmen: das Dröhnen der Vergangenheit, immer schon da, unveränderlich, unfassbar. Dann sieht man ein Leuchten aus der Ferne. „Was ist das Licht da, Mama?“, fragt die kleine Christa. „Das ist Berlin, mein Schatz. Es brennt.“

Erinnerungen an das zerbombte Berlin und an den vernachlässigten Sohn tauchen in Nico, 1988 immer dann auf, wenn dieses Rauschen wieder da ist (und der Rausch). Vergangenheit ist der Stoff, von dem sie nicht loskommt. Geschichte ist das, was man eben nicht hinter sich lassen kann.

Auf Tour in Italien musste Päffgen ein Mal die Hotelkosten durch einen Gastauftritt mit einem lokalen Jazz-Trio einspielen. Ihr Manager ist widerwillig. Ob er denn wisse, was für Musik sie mache, fragt er den Pianisten. Nicht wirklich, gibt der Jazzer zu verstehen, aber das spiele überhaupt keine Rolle: „That lady is a piece of history!“ Wie diese Frau um ihre Gegenwart kämpft, das zeigt dieser zarte, eindringliche Film.

Info

Nico, 1988 Susanna Nicchiarelli Italien, Belgien 2017, 93 Minuten

Arno Raffeiner war Chefredakteur der Spex und lebt als freier Journalist in Berlin

06:00 22.07.2018

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