„Nennt es Diwan“

Interview Vor 20 Jahren gründete Nadia Wassef die erste moderne Buchhandlung in Kairo – ihre Geschichte erzählt von Selbstermächtigung und ist eine Liebeserklärung an Ägypten

Zwanzig Jahre ist es her, dass Nadia Wassef mit ihrer Schwester Hind den Diwan Bookstore gründete, Kairos ersten modernen Buchladen. „Er sollte ein Ort sein, der die verschiedenen Kulturen und Menschen zusammenbringt“, sagt Wassef im Gespräch, die Gründung war auch ein Akt der Rebellion. Aus dem Diwan entstand eine Buchhandelskette, und Wassef stand mehrfach auf der Forbes-Liste der 200 einflussreichsten Frauen im Mittleren Osten.

Bevor sie Buchhändlerin wurde, schrieb sie über Frauenrechte und Gewalt gegen Frauen. Inzwischen konzentriert sich Wassef wieder auf das Schreiben, die Leidenschaft für das Geschäft ist geblieben. Wir kennen uns, duzen uns. Als sie für unser Treffen die Buchhandlung betritt, ist ihr Blick streng. Sie rückt einen Bildband zurecht, schimpft über den Schriftzug „Joy“, den irgendjemand in bester Absicht auf die Wände montiert hat, sagt: „Es ist schrecklich, sobald ich hier hereinkomme, fällt mir sofort alles auf, was nicht stimmt. Ich sollte damit aufhören.“ Wir setzen uns in den Cafébereich, sind längst mitten im Gespräch über Ägypten, weibliche Selbstermächtigung, die Literatur, das Leben in verschiedenen Welten und über ihr Buch, das von alldem handelt.

der Freitag: Nadia, gab es so etwas wie ein einschneidendes Erlebnis, eine Initialzündung für deine Liebe zu Büchern?

Nadia Wassef: Ich war ein schwieriger, eigenwilliger Teenager. Bücher waren der beste Weg, mir eine eigene, alternative Wirklichkeit zu erschaffen, in der ich mich bewegen konnte, ohne mir irgendwie komisch vorzukommen. Ich hatte aber schon als Kind immer die Geschichten aus 1001 Nacht erzählt bekommen, und sobald ich lesen konnte, habe ich sie selbst immer wieder gelesen. Danach kamen die Bücher von Enid Blyton, und als ich etwas älter war, Sherlock Holmes und Agatha Christie. An der Uni habe ich dann die Bücher von Albert Camus, Hermann Hesse, Virginia Woolf kennengelernt, die mir wie Seelenverwandte vorkamen. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Lesen vom Zeitvertreib zur Lebensweise und schließlich zur Sucht. Aber auch wenn Bücher eigentlich immer ein wichtiger Teil meines Lebens waren, habe ich mir nie vorstellen können, Buchhändlerin zu werden. Als Kind wollte ich eigentlich Balletttänzerin werden. Ich habe diese alten arabischen Schwarz-Weiß-Filme mit Samia Gamal oder Tahiya Karioka geliebt. Ich war hingerissen von dem ganzen Glamour, der Anmut und der ungeheuren Energie, die sie ausgestrahlt haben.

Zur Person

Nadia Wassef, geboren 1974, studierte Sozialanthropologie, Komparatistik und Kreatives Schreiben. 2001 gründete sie mit ihrer Schwester Hind und ihrer Freundin Nihal Schwaky den Diwan Bookstore, Kairos ersten modernen Buchladen. Wassef lebt abwechselnd in London und Kairo

Wie kamst du dann auf die Idee, eine Buchhandlung zu eröffnen?

Das war im Jahr 2001. Mein Vater war gerade nach einer langen, sehr qualvollen Krankheit gestorben. Das war so etwas wie ein Wendepunkt. Durch seinen Tod waren wir gezwungen, neu darüber nachzudenken, was wir mit unserem Leben anfangen sollten. Irgendwann in dieser Zeit, an einem langen Abend mit Freunden, fragte jemand meine Schwester Hind und mich: „Wenn ihr die Chance hättet, genau das zu tun, was ihr immer schon machen wolltet, was wäre das dann?“ Als Träumer, die aber eigentlich nicht den Mut hatten, zu träumen, haben wir gesagt, beide gleichzeitig: „Wir eröffnen eine Buchhandlung.“ Hind hatte dann auch gleich eine konkrete Vorstellung. Alles sollte perfekt gestaltet sein, der gesamte Raum, jedes Regal sollte einem klaren Konzept folgen, in dem jedes Buch genau den richtigen Platz, das richtige Umfeld hat. Vor 20 Jahren hat ja noch niemand darüber geredet, eine Buchhandlung so zu kuratieren wie eine Ausstellung. Das war ihre Idee. Sie liebte vor allem arabische Literatur und wollte ihren Lieblingsautoren eine Bühne zur Verfügung stellen. Ich war in meinen Vorlieben immer ein bisschen westlicher ausgerichtet, aber uns beide verband die Liebe zu Büchern. Als Nächstes haben wir nach einem Namen gesucht. Nachdem wir zahllose Möglichkeiten wieder verworfen hatten, haben wir unsere Mutter gefragt, und sie sagte: „Nennt es Diwan.“ Ein Diwan ist eine arabische oder persische Gedichtsammlung, außerdem ein Treffpunkt, ein Ort für Gäste, ein Sofa und auch eine arabische Kalligrafie. Der Begriff ist längst auch in andere Sprachen eingewandert. Es gibt ihn nicht nur im Arabischen, sondern auch im Französischen, Englischen und Deutschen. Er passte perfekt zu dem Konzept, das Hind und mir für unsere Buchhandlung vorschwebte: Sie sollte ein Ort sein, der die verschiedenen Kulturen und Menschen zusammenbringt. Wir haben uns beide nie wohl gefühlt mit der Konstruktion dieses Gegensatzes „Orient und Okzident“ – weder in der Literatur noch in der realen Welt. Mit diesem Buchladen – so war unsere Vision – wollten wir einen Ort schaffen, an dem diese Gegensätze außer Kraft gesetzt sind. Beim Logo haben wir uns deshalb für ein Design entschieden, bei dem arabische und englische Buchstaben und Zeichen ineinandergreifen. Es bringt außerdem traditionelle und moderne Elemente zusammen. Ich liebe an diesem Logo vor allem das „n“ am Ende, es ist das arabische „nuun al-niswa“, mit dem die Wörter eine Feminin-Form bekommen.

Ich vermute, dass das alles ziemlich schwierig war für zwei junge Frauen in Ägypten. Ich bin ja vor 30 Jahren in vielen ägyptischen Buchläden gewesen, und damals waren die meisten ziemlich altmodisch, dunkel und verstaubt.

Hind und ich haben uns selbst nie als zwei junge Frauen gesehen, die sich in ein besonders riskantes Unternehmen stürzen. Hätten wir wirklich gewusst, was alles auf uns zukommen würde, hätte uns wahrscheinlich der Mut verlassen. Es ist ja irgendwie auch ein Segen, die Dinge nicht zu Ende zu denken und mit einer gewissen Naivität an solche Sachen heranzugehen.

Das gilt ja für alle Projekte, die einer Art innerer Vision folgen. Wenn ich einen neuen Roman anfange, weiß ich oft nicht, wie viele Probleme noch kommen. Wenn ich es wüsste, würde ich vermutlich aufgeben, bevor der erste Satz geschrieben ist.

Ich glaube, bei allem, was wir versuchen, müssen wir zulassen, dass die Dinge sich aus sich selbst heraus entfalten. Du findest den Anfang eines Fadens oder er findet dich, dem folgst du dann, tastest dich vor, klopfst an verschiedene Türen, einige öffnen sich, viele bleiben verschlossen, aber du gehst trotzdem weiter. Gewissheiten sind ja ohnehin eine Illusion. Das hat auch etwas Befreiendes.

Hattet Ihr einen Business-Plan?

Den ersten haben wir vier Jahre nach der Eröffnung von Diwan gemacht. Und ich glaube, das war auch der Moment, wo mein Verhältnis zu Diwan erste Risse bekommen hat. Solange ich mich nicht groß mit Umsätzen und Bilanzen beschäftigt habe, sondern Diwan wie ein Kind oder eine Freundin betrachtet habe, um die ich mich kümmern musste, war ich sehr glücklich und zufrieden.

Was war der entscheidende Unterschied, als du von der Bücherliebhaberin, der Literatur-Enthusiastin zur Geschäftsfrau wurdest? Was hat dieser Wandel für dich konkret bedeutet?

Ich glaube, es ist absolut entscheidend in dieser Welt, sich selbst treu zu bleiben und sich dafür auch nicht zu entschuldigen. Halbe Sachen zählen nicht. Ich hätte entweder eine leidenschaftliche Buchhändlerin in einem kleinen Buchladen bleiben sollen ... oder ich hätte eben die knallharte Unternehmerin werden müssen, aber wenn du versuchst, dich irgendwie dazwischen zu bewegen, zerreißt es dich früher oder später. Heute habe ich das Gefühl, dass ich für mein Verhältnis zu meinem Land und zu meiner ersten Liebe – Diwan – eine Art Abschluss finden muss. Die Tausende von Büchern, die wir ausgewählt, angeboten und verkauft haben, sind so etwas wie das Inhaltsverzeichnis unserer Suche nach Ägypten, nach uns selbst und nach Antworten auf die unendlich verzwickten Herausforderungen, vor die unser durchgedrehtes Bewusstsein uns immer wieder neu stellt. Dieses Buch – die Geschichte von Diwan – ist auch so etwas wie eine Liebeserklärung an mein Ägypten. Ich bin unendlich dankbar, dass ich die Chance hatte, mich auf dieses Abenteuer einzulassen. Ich weiß nicht, ob das, was ich jetzt mache, eine Fortsetzung oder den Abbruch meines Lebens als Buchhändlerin bedeutet – auf jeden Fall ist es so, dass der tägliche Umgang mit Büchern, die Begeisterung für die Geschichten wunderbarer Autoren und der unbe- dingte Wunsch, möglichst viele Menschen mit dieser Begeisterung anzustecken, mich erst zu der gemacht haben, die ich heute bin.

Das heißt, es geht dir bei diesem Buch nicht so sehr darum, den Leuten, insbesondere den Frauen, in Ägypten zu erzählen, wie sie sich emanzipieren können, auch nicht darum, westlichen Lesernzu zeigen, wie das Leben einer selbstbestimmten Frau in Ägypten funktioniert?

Ich glaube, dass uns viel mehr verbindet, als uns trennt. Ich denke, die Geschichte einer Frau, die versucht, ihre Liebe zu Büchern, zum Lesen zu teilen, weiterzugeben, richtet sich nicht nur an Frauen oder Ägypterinnen – vielleicht nicht einmal nur an passionierte Leserinnen. Es geht mir zunächst darum, schonungslos ehrlich mit mir selbst zu sein – das ist das Entscheidende. Insofern schreibe ich erst einmal für mich. Wenn ich anfangen würde, mir Gedanken über die Erwartungen möglicher Leser zu machen, würde ich meine Stimme verlieren, und meine Gedanken würden in ihre Einzelteile zerfallen wie Lichtstrahlen, die durch ein Prisma gebrochen werden.

Ich glaube, das ist meist der erste Antrieb, aus dem heraus man schreibt – das geht mir ganz genauso. Andererseits wird dein Buch sicher auch als ein politisches Buch gelesen werden. Du bist eine politisch denkende Frau, die sich zwischen sehr unterschiedlichen Kulturen hin- und herbewegt, in sehr verschiedenen Lebenswelten zu Hause ist.

Ich finde, es bedeutet eine große Beschränkung, wenn man die Welt immer in solchen Gegensätzen betrachtet: Ost und West, Unterwerfung und Befreiung. Ich habe für mich irgendwann entschieden – zuerst intuitiv und dann immer bewusster –, dass ich niemandem den Gefallen tun werde, sein Opfer zu sein. Das ist zunächst einmal eine innere Haltung. Wenn ich von „Befreiung“ spreche, ist diese Befreiung dann ja auch nur ein Durchgangsstadium. So ist das aber eben nicht. Wir sind frei, wenn wir uns entscheiden, es zu sein. Und die ständigen Urteile, ob jemand jetzt frei oder unterdrückt ist, die alle ständig übereinander fällen, sind auch nur eine Fortsetzung der Unterdrückung.

Hierzulande gehen ja die meisten Leute davon aus, dass Befreiung und Emanzipation die wichtigsten Ziele sind, für die jede Frau in der islamischen Welt kämpft.

Mir geht es in meinem Buch nicht um mein Privatleben. Ich glaube, das ist längst nicht so spannend wie mein beruflicher Weg. Bevor es Diwan gab, habe ich in einer Aktionsgruppe gearbeitet, die sich mit weiblicher Genitalverstümmelung beschäftigt, Gewalt gegen Frauen erforscht und dokumentiert hat. Aber diese Narrative von arabischen Frauen, die sich bewusst verhüllen oder genauso bewusst ihr Kopftuch ablegen, interessieren mich überhaupt nicht. In meiner Ehe habe ich mein Bett mit einem Mann geteilt, mit ihm Kinder bekommen – normale Dinge, die gewöhnliche Leute eben tun. Bücher zu verkaufen, dieses Geschäft aufzubauen war da entschieden aufregender. Meine Kämpfe finden in den Straßen und Büros meines Landes statt – im Konferenzzimmer, nicht im Schlafzimmer.

Es wäre wünschenswert, wenn wir davon wegkämen, ständig andere Gesellschaften danach zu beurteilen, ob sie uns nun über- oder unterlegen sind. Das wäre vielleicht eine zentrale Aufgabe von Literatur: uns einen Eindruck von den unterschiedlichen Sichtweisen und Lebensformen zu vermitteln.

Ich denke, die Beschäftigung mit Literatur ist eine der tiefsten und reinsten Formen des Dialogs. Und Bücher zu verkaufen ist einerseits die ganz konkrete Ermöglichung dieses Dialogs, aber im Gespräch über Bücher, wie es in einer guten Buchhandlung ständig stattfindet, ist man eben auch ein Teil davon. Jetzt, beim Schreiben dieses Buches, bin ich mir natürlich bewusst, dass es Leute geben wird, die mit meiner Version der Fakten nicht einverstanden sein werden: Es ist eben meine Version. Sie gehört mir. Ich erinnere mich, nachdem wir Diwan eröffnet haben, kamen regelmäßig Leute, die mir gesagt haben: „Ich wollte auch immer eine Buchhandlung aufmachen.“ Ich hab dann jedes Mal gefragt: „Warum hast du es nicht gemacht?“ Was immer du tun willst – tu es einfach und jammer nicht über die Gelegenheiten, die du verpasst hast. Jammern ist letztlich ein Mangel an Selbstachtung, den man sich ersparen sollte.

Info

Jeden Tag blättert das Schicksal eine Seite um. Mein abenteuerliches Leben als Buchhändlerin in Kairo Nadia Wassef Claudia Amor, Johanna Ott, Albrecht Schreiber (Übers.), Goldmann 2021, 320 S., 20 €

Das Gespräch führte der Schriftsteller Christoph Peters. Von ihm erschien kürzlich bei Luchterhand Tage in Tokio

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06:00 16.10.2021

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