Neo-Sowjetisch

Moskauer Filmfestival 2005 Die russischen Filme erobern sich das einheimische Publikum zurück

Als Reiseziel genießt Moskau nicht gerade den Ruf von Lebensfreude und Erholung. Der touristischen Anziehungskraft der Stadt tut das keinen Abbruch, schließlich sieht der Tourist gerne genau das bestätigt, was den Ruhm eines Ortes ausmacht. In Venedig mag das Erhabenheit und in Paris das Fest fürs Leben sein, in Moskau sind es eben die alltäglichen Widrigkeiten. Die beginnen bei der Passkontrolle, für die sich die uniformierten Damen der Grenzkontrolle viel Zeit lassen und enden keinesfalls beim katastrophalen Autostau in der Innenstadt, für den sich die neureichen U-Bahnverächter viel Zeit nehmen müssen. Die größte Widrigkeit aber stellt in Russland stets jenes undurchschaubare System an Zutrittsverboten dar, das bei einer so privilegierten Veranstaltung wie einem Filmfestival noch ein besonderes Ausmaß annimmt: Immer wieder steht man vor einer von Uniformierten bewachten Schranke und muss feststellen, dass man nicht das richtige Papier hat. Früher hielt man das für sowjetisch, heute denkt man in längeren Zeiträumen: "Byzantinisch" nennt es eine Frau neben mir, die nicht reingelassen wird.

Hat man selbst die Schranken erfolgreich überwunden, wünscht man sich innen oft, die Zugangskontrollen wären noch strenger. Diesen Eindruck vermittelt mir zumindest der ältere Herr, der nur widerwillig und unter ablehnendem Grummeln den Platz neben sich frei räumt. Erst als ich sitze, erkenne ich ihn wieder: Er war mir vor Jahren während des Moskauer Festivals schon einmal dadurch aufgefallen, dass er während des Films mit einem Sitznachbarn abfällige Kommentare austauschte. Das besondere daran war: Es waren technische Anmerkungen wie "Hast du den Lichtwechsel gesehen - dilettantisch!" Ich hatte mir damals vorgestellt, dass es sich um Pensionäre der Kinematografisten-Union handelte, altes Eisen einer untergegangenen Industrie. Der freie Zugang zum "russischen Programm" des Moskauer Filmfestivals stellt eine Art Gnadenbrot für die ausgemusterten Meister dar. Die letzten 15 Jahre muss es allerdings bitter gewesen sein, den auch handwerklich sinkenden Standard der russischen Filmproduktion zu beobachten. Heute, darin bestätigten mich die älteren Herren mit ihren Kommentaren, sehen die in Russland produziert Filme wieder besser aus; sie sind auch sichtlich wieder "teurer" gemacht. Die digitale Aufrüstung ist unübersehbar und zeitigt dabei einen seltsamen Effekt: Mit der Anpassung an die neuesten technischen Standards geht zugleich eine Anpassung an die Konventionen des Hollywoodkinos einher.

Es ist paradox, denn zugleich feiert man als Sieg über Hollywood, dass die russischen Filme ihr Publikum zurückerobert haben. Stolz verkündet man, dass nach dem letztjährigen Erfolg des Fantasy-Spektakels Nachtwache bereits der zweite Film aus einheimischer Produktion das Rekord-Einspielergebnis des westlichen Blockbusters Herr der Ringe überbieten konnte. Wie im Fall der Nachtwache handelt es sich um eine Bestsellerverfilmung, diesmal eines der populären Detektivromane von Boris Akunin, Türkisches Bauernopfer. Auf dem Festival wurde denn auch gleich schon die nächste Bakunin-Verfilmung vorgestellt, von der ein weiteres Rekordeinspielergebnis erwartet wird.

Tatsächlich wird während des Festivals sichtbar, wie sehr sich die Verhältnisse verkehrt haben. Noch vor fünf Jahren verirrten sich selten mehr als 100 Zuschauer, der Großteil davon besagte Kinematografie-Pensionäre, ins "russische Programm", während bei jedem ausländischen Film der Saal gestürmt wurde. In diesem Jahr erlebten die russischen Filme einen solchen Zulauf, dass es vor und im Kino zu Tumulten kam, während es selbst bei in Cannes preisgekrönten Filme relativ ruhig zuging.

Doch die neue Popularität hat auch ihren Preis: Die Mehrheit der im russischen Programm gezeigten Filme bezeugen eine Abkehr von der sowjetischen Tradition des "kunstvollen" Autorenkinos hin zu den Popularitäts-Rezepten des Westens. Filme wie Pop oder The last Weekend erzählen in der Tat Geschichten, wie man sie aus dem amerikanischen Kino kennt: In Pop kommt ein Mädchen vom Land in die Großstadt mit dem Traum, Sängerin zu werden. Der berühmten Produzentin rückt sie so lange auf die Pelle, bis die ihr eine Chance gibt. Trotz zahlreicher Anspielungen auf real existierende Stars der boomenden russischen Unterhaltungsmusik-Branche überraschte an dem Film vor allem, dass er eigentlich überall hätte spielen können, wo Mädchen vom Land in die Großstadt kommen, um sich Träume zu erfüllen. Ähnliches gilt für The last weekend, in dem eine Clique Jugendlicher den zufälligen Unfalltod eines Freundes vertuschen will, aus Angst vor der Rache des mafiösen Bruders. Der sichere Blick auf realistische Lebens-Details kann nicht ganz verdecken, dass den Autoren in erster Linie am flotten Erzähltempo lag. Seine eigene Aussage nimmt der Film nicht wirklich ernst: Die tragische Handlung wird ausgelöst durch die Liebesbeweis-Forderungen einer jungen Frau. Was allerdings nicht unrealistisch scheint angesichts eines Werbeschilds, das überall in der Moskauer Metro hängt: "Liebst du mich? Dann zeige es!", daneben eine vorwurfsvoll-hochmütige Frau, die ihre Hand aufhält. Es handelt sich natürlich um eine Juwelierwerbung.

Auch die Heimat ist auf russisch weiblich und scheint ähnlich anspruchsvoll, was die Liebe zu ihr angeht; auch sie will bedient sein. Nur so kann man sich den etwas peinlichen Akt erklären, dass in Moskau im zweiten Jahr hintereinander ein russischer Film den Hauptpreis gewann, Aleksej Uchitels Kosmos als Vorgefühl hob sich als einziger russischer Wettbewerbsbeitrag von den anderen russischen Produktionen zwar dadurch ab, dass er noch ganz dem Stil des sowjetischen "Arthouse" verhaftet bleibt, was ihm gleichzeitig eine sentimentale Leere verleiht. Kosmos als Vorgefühl spielt in den Fünfzigern in einer russischen Stadt im Norden. Ein einfacher Koch träumt von den Weiten des Kosmos; sein neu gewonnener Freund von der Flucht in den Westen, für kurze Zeit werben sie um die gleiche Frau. Die rührendste Szene ist eine Chronik-Aufnahme am Ende: Jurij Gagarin läuft mit offenem Schuhbändel auf Chruschtschow zu, um zu melden, dass er im Kosmos war. Uchitel und sein Drehbuchautor Minadse zeigen die Generation ihrer Eltern als einfache, leicht beeinflussbare und vor allem naive Kinder; die Naivität wird durch die atmosphärische Dichte des Films, der alles bei Andeutungen belässt, noch gefeiert. Sie ist die heute genehmste Sicht auf die stalinistische Vergangenheit.

Es gab einen Film im russischen Programm, der diesem Lieblings-Selbstbild der Russen widersprach: Larissa Sadilowas Kindermädchen gesucht interessiert sich für die Bösartigkeit, die hinter der vorgeblichen Naivität auch stecken kann. Ein Ehepaar, neureiche Russen, bauen sich eine Villa am Stadtrand; sie sind nicht unsympathisch, nicht alles scheint glatt zu gehen in dieser Welt des Wohlstands. Das merkt die als Kindermädchen engagierte Galja bereits beim ersten Besuch. Die Welt des Ehepaars wird dem Zuschauer aus ihrer Perspektive der heimlich riskierten Blicke erschlossen. Das Auto, die usbekischen Schwarzarbeiter, die eitle Hausfrau, die nichts anders zu tun hat als mit dem Handy zu telefonieren ... Durchaus mitfühlend registriert man, wie in Galja Missgunst und Schadenfreude aufsteigen. Erst nach und nach, mit Chabrol-hafter Präzision, lässt der Film sein eigentliches Sujet zutage treten. Während Galja noch das kleine Mädchen in ihrer Obhut mit dunklen Geheimnissen und blutrünstigen Schauermärchen an sich bindet, die diese mit lustvoller Angst genießt, bringt sie bereits durch kleine Bösartigkeiten das Leben ihrer Arbeitgeber ins Stocken; bald aber wird daraus ein niederträchtiger Plan.

Sadilowas Film widerspricht allen Klischees, weder sind die Neureichen ungehobelte Snobs, noch sind ihre Bediensteten die ausgebeuteten naiven Ex-Sowjetbürger. Der Film lief nicht im Wettbewerb und es scheint klar warum: Nur schwer hätte man nach dieser Studie der Bösartigkeit ein Selbstlob anbringen können, wie es Preisträger Uchitel bei der Abschlussveranstaltung äußerte: Er freue sich vor allem darüber, dass einer der "unsrigen" gewonnen habe.

Auch Festivaldirektor Nikita Michailkov lobte die patriotische Juryentscheidung unbescheiden als besonders mutig. In den russischen Zeitungen trauten sich nur wenige, daran zu erinnern, dass man damit unseligerweise an die Traditionen der Preisvergabe zu Sowjetzeiten anknüpfte: Damals mussten die "unsrigen" in jedem Fall ausgezeichnet werden, schließlich hatte man der Welt zu beweisen, dass man mithalten konnte. Als Anzeichen der anbrechenden "neosowjetischen" Epoche wertete die Zeitung Vremja die patriotische Wendung des Festivals. Wer genauer hinsieht, konnte nicht umhin, in diesem "Neo-Sowjetismus" allerdings immer wieder ein tröstliches Maß an Formen und Inhalten aus der westlicher Popkultur zu entdecken.


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00:00 01.07.2005

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