Nerd gegen Femi-Nerd

Piratenpartei Mit dem Aufstieg der Piratenpartei ist ein alter Kampf neu entbrannt: FeministInnen gegen Technik-Nerds. Leider vergessen alle Beteiligten: Es müsste um Teilhabe gehen

Piraten und Feminismus ist ja bekanntlich eine höchst komplizierte Angelegenheit. Vor allem Frauen, aber natürlich in erster Linie Männer, sträuben sich innerhalb der Partei mit erstaunlicher Heftigkeit gegen den Begriff Feminismus. FeministInnen dagegen werden nicht müde ihre Ablehnung gegen die Piraten zu äußern, meist basierend auf der Sichtbarkeit der Frauen, bei gleichzeitiger Betonung, dass dies nur der Indikator für eine grundlegend frauenfeindliche Atmosphäre sein kann. Als Reaktion darauf neigt der durchschnittliche Pirat dazu die Versäumnisse und Übertritte des Feminismus charakteristisch für alle Menschen, die sich dieser Wahrnehmung der Welt verschrieben haben, zu sehen. Begriffe werden eigentümlich interpretiert und missverstanden – so ist z.B. noch nicht umfänglich klar, dass Sexismus nichts mit Geschlechtsverkehr zu tun hat. Für einige ist Feminismus synonym mit Quote. Von Begriffen wie victim-blaming oder rape-culture ganz zu schweigen.

Während nun der Piraten-Nerd zum so verhassten Internetausdrucker beim Thema Feminismus wird, mutieren die durchschnittlichen FeministInnen zum Nerd und beschimpfen den Piraten-Nerd für den eklatant uninformierten Umgang mit feministischen Begriffen und dem dazugehörigen Denken. Ein Interesse für die Themen des Feminismus (selbst kein Thema, sondern ein Wahrnehmungslayer, was allerdings auch noch nicht verstanden wurde) wird abverlangt, ohne zu vermitteln, dass die Themen sowieso gegenwärtig sind. Darüber hinaus wird folgendes übersehen: Der Feminismus wird von den Piraten-Nerds emotional, nicht sachlich bewertet und die Piraten werden von den Femi-Nerds meistens missverstanden. Gut, in den digitalen Sphären kreucht und fleucht eine Menge frauenfeindliches Gewächs, was dann meist mit den Piraten gemein gemacht wird - was ich selbst auch schon erleben durfte. Über den Umgang im Netz soll an dieser Stelle jedoch nicht diskutiert werden.

Das Trauma der Piraten-Nerds

Der durchschnittliche, männliche Pirat hat in der Vergangenheit meist nur starke Frauen erlebt, wurde verschmäht, unterdrückt, verhöhnt. Der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit trifft ihn ins Mark, haben doch die Jahre der Suche nach einem respektvollen Umgang beim Flirten eine hohe Frustration aufstauen lassen. Mehr noch: In der Pubertät gemobbt und verprügelt, ausgestoßen und exkludiert trifft der Vorwurf des „Privilegienpenis“ auf blankes Unverständnis. Und erzeugt einen emotionalen Flashback: Das Martyrium - des Schulhofes, des Hausaufgaben für die Angebete machen, damit sie von den tollen Jungs verarscht werden kann, des fehlenden ersten Kusses - wird erneut durchlebt und die gefühlte Ungerechtigkeit reproduziert. Ähnliches gilt für die weiblichen Piraten, meist männlich sozialisiert und mit den Außenseiterschicksalen vertraut bzw. selbst exkludiert, sind sie oft frauenferner als die männlichen Piraten. Auch sie trifft der Frauenfeindlichkeits-Vorwurf hart, wissen sie doch, dass sie nie in weiblichen Gruppen wirklich integriert waren. Von der gesellschaftlichen Exklusion Intersexueller, Transsexueller, Polygamer/Polyamorer, Asexueller und Homosexueller ganz zu schweigen – ein Grund, wieso diese meist exkludierten Gruppierungen tendenziell bei den Piraten überrepräsentiert sind.

Gleichzeitig fühlen sich die FeministInnen in einer Zeitschleife gefangen, da sich das Bestehende in der fehlenden Sichtbarkeit von Frauen im Netz und der Piratenpartei schmerzhaft widerspiegelt und der Kampf der vergangenen Jahre sinnlos erscheint. Die Piraten verdeutlichen, wie weit es mit der tatsächlichen Gleichberechtigung in diesem Land ist, wenn sich scheinbar nur Männer für Technik und Mandate interessieren – genderdeterministische Strukturen scheinen gewonnen zu haben. Es ist daher einfacher, im Angesicht des ewigen Kampfes sich den pickeligen Nerds zu stellen. Zumindest einfacher als den patriarchalisch-kapitalistischen Strukturen selbst. Ein Nebenschauplatz. Der Krieg ist eröffnet.

Die Zugehörigkeit zu einer der beiden Gruppen wird nun herausgefordert. Doch während die meisten Piraten-Nerds mit der Stimme des durchschnittlichen Mannes über Feminismus reden (ja, auch die Frauen), zu Verschwörungstheorien neigen, die sie in der täglich gefühlten Unterdrückung durch die Frau bestätigt sehen und meist keinen Sinn für eine soziologische Denkweise haben, kämpft die feministische Seite mit Exklusivwissen, dessen Dimensionen und Eigenheiten, auch in einfachsten Worten, oftmals nicht verstanden werden. Statt dessen wird aus Unkenntnis Bösartigkeit, aus fehlendem Wissen Dummheit. Strukturen zu analysieren und zu durchblicken, besonders menschliche, ohne dabei von sich auf andere zu schließen ist ein zu erlernender Prozess. Empathie ist Arbeit und Talent zugleich – rationalisierten und männlich sozialisierten Menschen geht dies oft ab. Das Bedürfnis einer Gruppe zuzugehören jedoch nicht.

Zusammenhalt der Ausgeschlossenen

Und wir wollen dazugehören. Irgendwie, irgendwo. Wir wollen Teil einer Gruppe sein. Gegenwärtig oder in den Analen der Ideengeschichte. Wir wollen inkludiert werden, teilhaben, Anerkennung erhaschen. Auch wenn dafür andere exkludiert werden. Denn so funktioniert Gruppenbildung: Inklusion und Exklusion. Oder durch? Die Inklusion funktioniert in erster Linie über gemeinsame Erfahrungen, die Solidarität stiften. Aber auch Geheimnisse festigen soziale Strukturen, wie Pavel Mayer in seinem Essay „Transparenz und Geheimnisse“ in der Rezeption Simmels feststellt: „Zugang zu Geheimnissen ist ein Privileg der höher Gestellten, die sich dadurch untereinander verbinden und von den niedriger Gestellten abgrenzen.“

Diese Geheimnisse kodieren sich in der Kommunikation innerhalb der Gruppe: Sprache, Humor, Körpersprache, Meme … Nerds wiederum sind in erster Linie eine Gruppe unmittelbar exkludierter Individuuen, die, durch gemeinsame Erfahrungen und Exklusivwissen die unmittelbare Exklusion emotional revidieren. Schutzräume werden geschaffen und die vorangegangene Ausgrenzung auf die Unzulänglichkeiten der anderen geschoben – endlich! Wird nun dieser Schutzraum von außen mit durchaus validen Argumenten kritisiert, oftmals in der Formulierung von bekannten Vorwürfen bzw. Vorwürfen, die das Exklusionsgefühl der Vergangenheit reproduzieren, entstehen emotional beladene Reaktionen. Beißreflexe. Und so ergeht es FeministInnen und Piraten mit- und untereinander. Jeden Tag. Was dabei vergessen wird: Eigentlich kämpfen sie für das gleiche. Nämlich für die Emanzipation und Entdiskriminierung des Einzelnen bei Beibehaltung aller individuellen Merkmale, die sich mensch selber zuschreiben möchte. (Für diejenigen, die das Wort Feminismus doof finden, habe ich da einen neuen Begriff erfunden: Equalismus).

Und so schließt sich der Kreis: Piraten-Nerds versuchen ihren Schutzraum ebenso zu erhalten wie Femi-Nerds. Dafür bedarf es der Abgrenzung. Diese Abgrenzung findet sich seitens der Piraten-Nerds gegenüber den Internetausdruckern ebenso, wie seitens der Femi-Nerds gegenüber den Feminismusblinden bzw. den Piraten-Nerd von den Femi-Nerds. Denn nur über Exklusivwissen und gemeinsames Handeln wird die so lang ersehnte Inklusion vollzogen, die so viel gutes Gefühl, ja Anerkennung vermittelt. Die Exklusion der Vergangenheit wird zur Inklusion der Gegenwart – Ausgrenzung somit zum integralen Gruppenbestandteil. Auch lassen sich Feindbilder besser konstruieren – und nichts ist schöner als über die Internetausdrucker oder die dummen Piraten-Nerds, die beschränkten FeministInnen, etc. zu lästern. Dabei geht jedoch der Kampf für gesellschaftliche Teilhabe, zentral in der feministischen und piratigen Weltsicht, verloren. Vielleicht sollte man sich und die Erfahrungen des anderen endlich ernst nehmen und einfach mal zuhören.

Julia Schramm, 26, ist Politologin, Mitglied der Piratenpartei und Feministin. Sie schreibt an einer Doktorarbeit, einem Buch und bloggt auf juliaschramm.de

15:55 03.11.2011

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