Julia Schramm
03.11.2011 | 15:55 38

Nerd gegen Femi-Nerd

Piratenpartei Mit dem Aufstieg der Piratenpartei ist ein alter Kampf neu entbrannt: FeministInnen gegen Technik-Nerds. Leider vergessen alle Beteiligten: Es müsste um Teilhabe gehen

Piraten und Feminismus ist ja bekanntlich eine höchst komplizierte Angelegenheit. Vor allem Frauen, aber natürlich in erster Linie Männer, sträuben sich innerhalb der Partei mit erstaunlicher Heftigkeit gegen den Begriff Feminismus. FeministInnen dagegen werden nicht müde ihre Ablehnung gegen die Piraten zu äußern, meist basierend auf der Sichtbarkeit der Frauen, bei gleichzeitiger Betonung, dass dies nur der Indikator für eine grundlegend frauenfeindliche Atmosphäre sein kann. Als Reaktion darauf neigt der durchschnittliche Pirat dazu die Versäumnisse und Übertritte des Feminismus charakteristisch für alle Menschen, die sich dieser Wahrnehmung der Welt verschrieben haben, zu sehen. Begriffe werden eigentümlich interpretiert und missverstanden – so ist z.B. noch nicht umfänglich klar, dass Sexismus nichts mit Geschlechtsverkehr zu tun hat. Für einige ist Feminismus synonym mit Quote. Von Begriffen wie victim-blaming oder rape-culture ganz zu schweigen.

Während nun der Piraten-Nerd zum so verhassten Internetausdrucker beim Thema Feminismus wird, mutieren die durchschnittlichen FeministInnen zum Nerd und beschimpfen den Piraten-Nerd für den eklatant uninformierten Umgang mit feministischen Begriffen und dem dazugehörigen Denken. Ein Interesse für die Themen des Feminismus (selbst kein Thema, sondern ein Wahrnehmungslayer, was allerdings auch noch nicht verstanden wurde) wird abverlangt, ohne zu vermitteln, dass die Themen sowieso gegenwärtig sind. Darüber hinaus wird folgendes übersehen: Der Feminismus wird von den Piraten-Nerds emotional, nicht sachlich bewertet und die Piraten werden von den Femi-Nerds meistens missverstanden. Gut, in den digitalen Sphären kreucht und fleucht eine Menge frauenfeindliches Gewächs, was dann meist mit den Piraten gemein gemacht wird - was ich selbst auch schon erleben durfte. Über den Umgang im Netz soll an dieser Stelle jedoch nicht diskutiert werden.

Das Trauma der Piraten-Nerds

Der durchschnittliche, männliche Pirat hat in der Vergangenheit meist nur starke Frauen erlebt, wurde verschmäht, unterdrückt, verhöhnt. Der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit trifft ihn ins Mark, haben doch die Jahre der Suche nach einem respektvollen Umgang beim Flirten eine hohe Frustration aufstauen lassen. Mehr noch: In der Pubertät gemobbt und verprügelt, ausgestoßen und exkludiert trifft der Vorwurf des „Privilegienpenis“ auf blankes Unverständnis. Und erzeugt einen emotionalen Flashback: Das Martyrium - des Schulhofes, des Hausaufgaben für die Angebete machen, damit sie von den tollen Jungs verarscht werden kann, des fehlenden ersten Kusses - wird erneut durchlebt und die gefühlte Ungerechtigkeit reproduziert. Ähnliches gilt für die weiblichen Piraten, meist männlich sozialisiert und mit den Außenseiterschicksalen vertraut bzw. selbst exkludiert, sind sie oft frauenferner als die männlichen Piraten. Auch sie trifft der Frauenfeindlichkeits-Vorwurf hart, wissen sie doch, dass sie nie in weiblichen Gruppen wirklich integriert waren. Von der gesellschaftlichen Exklusion Intersexueller, Transsexueller, Polygamer/Polyamorer, Asexueller und Homosexueller ganz zu schweigen – ein Grund, wieso diese meist exkludierten Gruppierungen tendenziell bei den Piraten überrepräsentiert sind.

Gleichzeitig fühlen sich die FeministInnen in einer Zeitschleife gefangen, da sich das Bestehende in der fehlenden Sichtbarkeit von Frauen im Netz und der Piratenpartei schmerzhaft widerspiegelt und der Kampf der vergangenen Jahre sinnlos erscheint. Die Piraten verdeutlichen, wie weit es mit der tatsächlichen Gleichberechtigung in diesem Land ist, wenn sich scheinbar nur Männer für Technik und Mandate interessieren – genderdeterministische Strukturen scheinen gewonnen zu haben. Es ist daher einfacher, im Angesicht des ewigen Kampfes sich den pickeligen Nerds zu stellen. Zumindest einfacher als den patriarchalisch-kapitalistischen Strukturen selbst. Ein Nebenschauplatz. Der Krieg ist eröffnet.

Die Zugehörigkeit zu einer der beiden Gruppen wird nun herausgefordert. Doch während die meisten Piraten-Nerds mit der Stimme des durchschnittlichen Mannes über Feminismus reden (ja, auch die Frauen), zu Verschwörungstheorien neigen, die sie in der täglich gefühlten Unterdrückung durch die Frau bestätigt sehen und meist keinen Sinn für eine soziologische Denkweise haben, kämpft die feministische Seite mit Exklusivwissen, dessen Dimensionen und Eigenheiten, auch in einfachsten Worten, oftmals nicht verstanden werden. Statt dessen wird aus Unkenntnis Bösartigkeit, aus fehlendem Wissen Dummheit. Strukturen zu analysieren und zu durchblicken, besonders menschliche, ohne dabei von sich auf andere zu schließen ist ein zu erlernender Prozess. Empathie ist Arbeit und Talent zugleich – rationalisierten und männlich sozialisierten Menschen geht dies oft ab. Das Bedürfnis einer Gruppe zuzugehören jedoch nicht.

Zusammenhalt der Ausgeschlossenen

Und wir wollen dazugehören. Irgendwie, irgendwo. Wir wollen Teil einer Gruppe sein. Gegenwärtig oder in den Analen der Ideengeschichte. Wir wollen inkludiert werden, teilhaben, Anerkennung erhaschen. Auch wenn dafür andere exkludiert werden. Denn so funktioniert Gruppenbildung: Inklusion und Exklusion. Oder durch? Die Inklusion funktioniert in erster Linie über gemeinsame Erfahrungen, die Solidarität stiften. Aber auch Geheimnisse festigen soziale Strukturen, wie Pavel Mayer in seinem Essay „Transparenz und Geheimnisse“ in der Rezeption Simmels feststellt: „Zugang zu Geheimnissen ist ein Privileg der höher Gestellten, die sich dadurch untereinander verbinden und von den niedriger Gestellten abgrenzen.“

Diese Geheimnisse kodieren sich in der Kommunikation innerhalb der Gruppe: Sprache, Humor, Körpersprache, Meme … Nerds wiederum sind in erster Linie eine Gruppe unmittelbar exkludierter Individuuen, die, durch gemeinsame Erfahrungen und Exklusivwissen die unmittelbare Exklusion emotional revidieren. Schutzräume werden geschaffen und die vorangegangene Ausgrenzung auf die Unzulänglichkeiten der anderen geschoben – endlich! Wird nun dieser Schutzraum von außen mit durchaus validen Argumenten kritisiert, oftmals in der Formulierung von bekannten Vorwürfen bzw. Vorwürfen, die das Exklusionsgefühl der Vergangenheit reproduzieren, entstehen emotional beladene Reaktionen. Beißreflexe. Und so ergeht es FeministInnen und Piraten mit- und untereinander. Jeden Tag. Was dabei vergessen wird: Eigentlich kämpfen sie für das gleiche. Nämlich für die Emanzipation und Entdiskriminierung des Einzelnen bei Beibehaltung aller individuellen Merkmale, die sich mensch selber zuschreiben möchte. (Für diejenigen, die das Wort Feminismus doof finden, habe ich da einen neuen Begriff erfunden: Equalismus).

Und so schließt sich der Kreis: Piraten-Nerds versuchen ihren Schutzraum ebenso zu erhalten wie Femi-Nerds. Dafür bedarf es der Abgrenzung. Diese Abgrenzung findet sich seitens der Piraten-Nerds gegenüber den Internetausdruckern ebenso, wie seitens der Femi-Nerds gegenüber den Feminismusblinden bzw. den Piraten-Nerd von den Femi-Nerds. Denn nur über Exklusivwissen und gemeinsames Handeln wird die so lang ersehnte Inklusion vollzogen, die so viel gutes Gefühl, ja Anerkennung vermittelt. Die Exklusion der Vergangenheit wird zur Inklusion der Gegenwart – Ausgrenzung somit zum integralen Gruppenbestandteil. Auch lassen sich Feindbilder besser konstruieren – und nichts ist schöner als über die Internetausdrucker oder die dummen Piraten-Nerds, die beschränkten FeministInnen, etc. zu lästern. Dabei geht jedoch der Kampf für gesellschaftliche Teilhabe, zentral in der feministischen und piratigen Weltsicht, verloren. Vielleicht sollte man sich und die Erfahrungen des anderen endlich ernst nehmen und einfach mal zuhören.

Julia Schramm, 26, ist Politologin, Mitglied der Piratenpartei und Feministin. Sie schreibt an einer Doktorarbeit, einem Buch und bloggt auf juliaschramm.de

Kommentare (38)

Alex Peters 03.11.2011 | 22:11

Der Gedanken, dass diese Person ausschließlich auf die Mittel der Provokation setzt, um öffentliche Aufmerksamkeit und Artikel in den Medien zu generieren, ist mir bereits des Öfteren gekommen. Insbesondere nach Lesen dieses letzten Elaborats, wird dieses evident!

Zum Glück ist es nicht mehr post privacy, jetzt provoziert sie mit einem anderen Thema, natürlich, wie gehabt, schön pauschalisierend und undifferenziert...

Jetzt müssen wir uns eigentlich nur fragen, mit welchem Thema sie als nächstes in die Öffentlichkeit zu drängen versucht. Ich tippe ja auf einen 180 beim Urheberrecht, da ist noch viel Potenzial da, um die Leute in der Piratenpartei auf die Palme zu bringen!

Wie auch immer, wäre ja auch viel zu ordinär, sich mal der Themen aus dem Grundsatzprogramm der Piraten anzunehmen und sie öffentlich zu vertreten. Das wäre ja dann gar sinnvolle Parteiarbeit und keine kalkulierte Provo für den eigenen Lebenslauf, soweit kommts noch...

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smith 03.11.2011 | 23:42

"Versäumnisse und Übertritte des Feminismus"

Welche könnten das nur sein? In "einfachsten Worten", Frau Schramm.

"Der durchschnittliche, männliche Pirat hat in der Vergangenheit meist nur starke Frauen erlebt, wurde verschmäht, unterdrückt, verhöhnt. Mehr noch: In der Pubertät gemobbt und verprügelt, ausgestoßen und exkludiert trifft der Vorwurf des „Privilegienpenis“ auf blankes Unverständnis. "

Ja, der Sound ist echt. So "exklusivwissend" tönt sie für gewöhnlich, die durchschnittliche Feministin.

Popkontext 04.11.2011 | 02:19

Interessantes, wenn auch schwieriges Thema - leider kein wirklich übrzeugender Text, der vor Klischees nur so strotzt und angerissene - z.T. gute - Gedanken nicht ausführt. Der Kernpunkt aus meiner sich ist übrigens, dass die Pirat/innen die "patriarchalisch-kapitalistischen Strukturen" nicht verstanden haben und damit nicht das Problem, warum es wichtig ist, dass Frauen in ihrer Partei auf allen Ebenen aktiv sind, sondern es eher für ein aus Mißgunst von außen aufgedräntes Thema halten. So zumindest meine Erfahrung aus diversen Diskussionen. Schau ich mir die Argumentation an, bin ich mir bei der Autorin selbst allerdings nicht sicher, ob sie diese selbst so richtig verstanden hat, wenn sie das quasi als Kommunikationsproblem unsichere Nerd-Jungs gegen verbohrte Feministinnen darstellt.

Kriese 04.11.2011 | 03:59

Dieser Artikel hat:
- Keinen Inhalt
- Kein Ziel
- Keine Meinung

Ein nichtssagendes gebrabbel, das besser nie verfasst worden wäre. Der Artikel schminkt sich mit Wörtern wie "exkludiert" und versucht damit wissenschaftlich zu klingen, dabei wird keine These belegt. Sterotypen werden bedient. Doch das wichtigste wo ist die Aussage? Was wollen sie mir sagen Frau Schramm? Etwa wie der letzte Satz das man zuhören soll? Das haben andere Menschen vor ihnen besser rüber gebracht.

Empfehlung: NICHT LESEN!

chrisguitar 04.11.2011 | 12:37

Sehr geehrte Frau Schramm,

ähnlich wie Popkontext bin ich der Meinung, dass der Artikel sehr viele Interessante Denkanstösse bietet, aber sich leider auch auf zu viele althergebrachte Stereotypen beruft.
Das ist besonders schade, da insbesondere der letzte Satz (und nicht nur der) ein wunderbarer Lösungsvorschlag ist, den sich alle Beteiligten zu Herzen nehmen sollten.
Ich möchte an dieser Stelle aber gerne genauer darauf eingehen, weshalb Ihr Text über seine Vorurteile stolpert (und warum er trotzdem gut ist).

Die Meinung, dass sich die Piraten beim Thema Feminismus selbst im Weg stehen, teile ich mit Ihnen.
Jedoch hilft es der Sache nicht, den Grund dafür in Pauschalisierungen in Allgemeinplätzen für die Mitglieder zu suchen.
Selbstverständlich gibt es unter den Piraten soziale Aussenseiter, die ihrer Beschreibung entsprechen.
Solche Charaktere gibt es in jeglicher politischen Strömung, da die Suche nach dem Grund für die eigene Ausgrenzung sicherlich viele Menschen zu grundsätzlichen Überlegungen zu gesellschaftlichen und sozialen Strukturen führt.
Jedoch ist die Argumentation stark verkürzt, wenn der einzige Grund für die Probleme der Piraten mit dem Feminismus in diesen alten Vorurteilen gesucht wird.
Das hat den gleichen Effekt wie die ewigen Stereotypen über Feministen als unattraktive, graue Mäuse die einfach keinen Kerl abbekommen.
Das ist (mit Verlaub) hanebüchener Unfug und verhindert eine konstruktive Diskussion.

Ich selber bin der Meinung, dass der Grund für das betrachtete Phänomen darin zu suchen ist, dass die Piratenpartei sich aus einem äusserst unpolitischen Metier gegründet hat und in derlei Fragen einen enormen Kompetenz-Nachholbedarf hat.
Auch damit möchte ich nicht alle Piraten über einen Kamm scheren, da ich persönlich einige kenne, die sehr wohl eine gebildete und dedizierte Meinung zu dem Thema haben.

Wie gesagt halte ich Ihren Artikel dennoch für hilfreich, da, ungeachtet des Grundes für die Defizite, die Kommunikation seitens der Piraten zu diesem Thema auf katastrophale Weise unzureichend ist.
In unserer, derzeitigen sozialen und poltischen Situation zu sagen "Wir haben kein Problem mit Frauen, die haben ein Problem mit uns, denn wir stehen ihnen doch offen" ist fast schon kindlich naiv.
Ich möchte darauf nicht weiter eingehen, weil ich in den weiteren Punkten zu 100% mit Ihrem Text übereinstimme.

Vielleicht nehmen Sie sich noch einmal die Zeit sich über Ihre eigenen Stereotypen in Bezug auf die "Piraten-Nerds" Gedanken zu machen und es zumindest für möglich zu erachten, dass ihre Denkweise in diesem Punkt verkürzt ist.
Nehmen sie, wie gesagt, als Gegenbeispiel die Vorurteile gegen die "Femi-Nerds", die leider auch immer noch sehr verbreitet sind in unserer Gesellschaft.
Jegliche Vorurteile sollten ausgemerzt werden, egal gegen welche Gruppierung.

Vielen Danke und Viele Grüße,
chrisguitar

Lethe 04.11.2011 | 13:04

Die Einsicht, dass weltanschauliche Fragen selten bis nie durch die Entscheidung zwischen einander exkludierenden Perspektiven entschieden werden sondern nur durch deren Rekombination zu einer Klärung und gegebenenfalls Modifikation eigener Positionen führen können, bedarf wohl noch zuviel der Weisheit. Der von Frau Schramm vorgeführte Stil der Auseinandersetzung ist ein sicheres Mittel, um die Entwicklung von Positionen zu verhindern.

der Mechanismus des Inkludierens und Exkludierens erfolgt weniger über gemeinsame Erfahrungen als über geteilte oder eben nicht geteilte Schlussfolgerungen. Mensch kann ein Internet-Nerd sein ohne auch nur im geringsten mit den Vorstellungen der Piratenpartei zu sympathisieren oder geteilte Vorstellungen an die Vertretung durch die Piratenpartei zu binden. Eine Vorstellung, an die sich Piraten vielleicht erst gewöhnen müssen.

"Wir" - emanzipierte "Wir" - wollen auch nicht unbedingt Teil einer Gruppe sein, nicht um jeden Preis, "wir" stellen Bedingungen für unsere Mitgliedschaft, weil "wir" wissen, was "wir" wert sind. Unsere Emanzipation erweist sich darin, dass wir ohne Gruppe unseres Wertes gewiss sind. Ob die Gruppe uns wert ist, muss die Gruppe erst noch beweisen.

Red Bavarian 04.11.2011 | 13:35

"Mit dem Aufstieg der Piratenpartei ist ein alter Kampf neu entbrannt: FeministInnen gegen Technik-Nerds. Leider vergessen alle Beteiligten: Es müsste um Teilhabe gehen"

Da sehe ich drei Sachen inadäquat vermengt. Erstens: Es gibt einen alten Kampf, der jedoch zwischen FeministInnen und "altehrwürdigen" Patriarchen stattfindet. Zweitens: Es gibt Technik-Nerds, jedoch bezweifle ich den konstatierten alten Kampf dieser gegen FeministInnen. Drittens: Patriarchen und Nerds sind zwei deutlich verschiedene Milieus.

Wenn ich die Zeit des emanzipativen gesellschaftlichen und informationstechnologischen Aufbruchs der letzten vier Jahrzehnte anschaue, dann sehe ich frauenseits vieleher nicht wahrgenommene Chancen als Ausgrenzungen. Im Laufe der allgemeinen Computerisierung seit den 70ern und Vernetzung seit den 90ern hatten die Frauen wohl ebensoviele Chancen wie die Männer, sich der entfaltenden IT-Welt zu bemächtigen. Das ist eine offene neue Welt, im Gegensatz zu den geschlossenen patriarchalen Machtkreisen in den "altehrwürdigen" Konzernen und akademischen Institutionen. Drei Dinge braucht der Homo sapiens cyberneticus: Computer, Internet, Do-it-yourself.

Ich schließe mit einem Plakat-Aufruf der Piraten, den ich unterstütze, weil Teilhabe durch Teilnahme entsteht: Werde Piratin!

Popkontext 04.11.2011 | 14:23

Du vergisst bei deiner Argumentation allerdings die macht der Rollenbilder und Strukturen. Wenn z.B. eine musiktechnikbegeisterte Bekannte von mir einen Ausbildungsplatz sucht, im Eignungtest als Beste abschneidet und dann zu hören bekommt: "Also wir können Sie nicht nehmen. Wir haben in den ganzen 20 Jahren noch keine Frau hier gehabt. Wir müssten sogar extra Toiletten einbauen!"

Oder ich als musikbegeisterte Frau, die sich in ihre,m Fachwissen durchaus mit männlichen Nerds messen kann und keineswegs verschüchtert auftritt: Du wirst nicht mal unbedingt aus Bösartigkeit (gibt es auch), sondern oft schlichtweg aus Ignoranz gar nicht für voll genommen. Ich habe zehn Jahre Musiksendungen bei einem freien Radiosender gemacht, und es regelmäßig erlebt, dass - auch total nette und liebe - Kollegen nach Jahren in einem Moment, wo sie realisierten, dass ich das tatsächlich kann, lange Gesichter und große Augen machten. Einem blieb wirklich mal der Mund offen stehen, nur weil ich wußte, wie der Sänger einer sogar relativ bekannten Band hieß. Der kannte mich zehn Jahre! Wenn es Veranstaltungen gab, wurde ich NIE gefragt, ob ich da mal auflege - obwohl ich damit Erfahrungen habe. Es wurden lieber unerfahrene Kollegen genommen, und dann hat man sich gewundert, dass niemand tanzt. Das war nicht bösartig, die kamen einfach nicht auf die Idee.

Das sind Beispiele für tausend ähnliche "Kleinigkeiten", die scheinbar offenen Strukturen unterliegen - und letztendlich dazu führen, dass doch wieder Männer dominieren. Ohne Frage müssen Frauen auch kämpfen und sich durchsetzen - aber sie haben es eben immer noch deutlich schwerer, weil sie gegen diese Strukturen kämpfen müssen, und viele entscheiden sich dann für den leichteren Weg und verweilen in ihrer "angestammten" [sic!] Rolle.

eulen nach athen 05.11.2011 | 13:55

Von Begriffen wie victim-blaming oder rape-culture ganz zu schweigen.



was ist denn "feminismus" heute: pseudoelitäre begriffshuberei, importiert aus amerika, ohne eigene ideen. victim-blaming, rape-culture, trans*, queer, ableism, poc, critical somthing, privilege bullshit … und so ganz gewaltig neue theorien wie "intersektionalität". da erfährt man, dass eine lesbische poc im rollstuhl diskriminiert werden kann als lesbe, als lesbe im rollstuhl, als poc im rollstuhl, als lesbische poc, als poc, als im rollstuhl usw.
ist das schon wahnsinn, so hat es doch methode.

ich warte auf einen feminismus, der nicht betroffen und beleidigt daher schwätzt und dabei in rollenmustern der 50er verhaftet bleibt, der nicht immer andere für sein versagen verantwortlich macht, sondern die ärmel aufkrempelt.

… darauf werde ich wohl lange warten müssen.
Red Bavarian 07.11.2011 | 15:04

@Popkontext am 04.11.2011 um 13:23: "Du vergisst bei deiner Argumentation allerdings die Macht der Rollenbilder und Strukturen."

Vergessen habe ich sie nicht, ich habe nur konkret andere Aspekte beleuchtet. Mir schwant, dass ein grundlegendes Problem in den verschiedenen Lebenswelten und Lebenserfahrungen besteht, die gegenseitig (!) unzureichend verstanden werden. Irgendwie wird das im obigen Artikel erkannt und angesprochen, aber irgendwie bleibt das Pendel scheints doch wieder auf einer Seite hängen.

Wenn man im neuen Programm der Partei Die Linke nachschaut, die eine deutlich andere Geschlechtersicht hat, so findet man im Abschnitt Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse: "DIE LINKE versteht sich als sozialistische und feministische Partei, die patriarchale und kapitalistische Verhältnisse überwinden will."

Der Sozialismus ist sozialbewegt. Das sozialbewegte Spektrum umfasst jedoch mehr als nur den Sozialismus. Parallel: Der Feminismus ist frauen- und geschlechterbewegt. Das frauen- und geschlechterbewegte Spektrum umfasst jedoch mehr als nur den Feminismus. Ismen neigen über die zeit mehr oder minder zum Verkrusten, auch wenn sie gut gemeint sind.

Im Heft '13 Thesen des "forum demokratischer sozialismus" (fds) zum Entwurf des Programms der Partei DIE LINKE' findet sich auf der Seite 4 ein Zitat der feministisch-engagierten Linken Regina Stosch: "Feminismus gilt als unsexy, als retro, hoffnungslos altbacken, insbesondere bei jüngeren Frauen und bei Frauen mit DDR-Sozialisation".

Ismen wurzeln in bestimmten Zeiten, Orten und Umständen. Je weiter sich diese entfernen, umso weniger eingänglich werden die Ismen, sofern sie sich nicht adäquat re-sensibilisieren.

Was ich im IT-Bereich - privat, in Kursen, in der Arbeit - über die Jahrzehnte selber gesehen habe: Etliche Frauen haben ich technisch selber kleingemacht, obwohl sie sich anderweitig gut helfen haben können. Öfters habe ich im IT-Bereich ein latentes Nichtinteresse wahrgenommen. Bei der älteren Generation bei beiden (!) Geschlechtern. Wie viele andere IT-Affine helfe ich da ja gern den entsprechenden Leuten, aber manchmal ist da schon ein Stress hineingekommen. Nämlich dann, sobald die 'Hilfe zur Selbsthilfe' zur 'Arbeit der Anderen mitmachen' geworden ist. Wie gesagt: verschiedene Lebenswelten und Lebenserfahrungen.

Susanne Lang 08.11.2011 | 11:49

Ich würde ja gerne eine Artikel-Antwort eines Piraten-Patriarchen-Technik-Nerds lesen. Gibt es da einen, der antworten und mehr sagen möchte als "stimmt alles nicht" und "die ist doof"?
Die Anmerkungen von popkontext finde ich übrigens hier aber sehr erhellend auch - da gilt ebenso: Fände ich als einen Artikel im Sinne der Weiterführung der Debatte auch spannend.
Meldet euch, wenn Ihr Lust habt!
Susanne

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helena-neumann 08.11.2011 | 14:00

@ Lang

Ob ich der Auffassung von Kriese (4.11.2011, 2:59 Uhr) folge, was ich von den Piraten halte, sei einmal dahin gestellt! Es fällt mir aber auf, dass Sie, einigen Ihrer Kollegen/Innen folgend, auf nicht genehme Kritik, mit Rechtschreibeunterricht reagieren, immerhin.

Nun, warte ich einfach einmal ab, ob ein Psychogramm der „großen“ Parteien folgt- rein satiremäßig, versteht sich! Mit einer politischen oder gar wissenschaftlich fundierten psychologischen oder soziologischen Analyse hat der Artikel von Frau Schramm nichts zu tun! Mit dieser Kritik müssen Sie und erst recht die Verfasserin zurechtkommen. Schließlich macht man sich beim dFreitag die Mühe, auf den intellektuellen Background der Autoren/Innen hinzuweisen. Vorsorglich weise ich darauf hin, dass ich das alles unironisch meine!

Doch nun zu der spannenderen Frage!
„Die Anmerkungen von popkontext finde ich übrigens hier aber sehr erhellend auch - da gilt ebenso: Fände ich als einen Artikel im Sinne der Weiterführung der Debatte auch spannend.“

Ich möchte auf das neue Buch von Julia Friedrichs hinweisen, das handelt von "Idealen". Sie werden mir vielleicht zugestehen, dass angesichts realexistierender Ungerechtigkeiten, die Gender-Debatte hier durchaus noch ihren Platz hat.

Um herauszufinden, welche Ideale Politiker haben, wollte Frau Friedrichs vor Allem junge Politiker/Innen des deutschen Bundestags befragen. Das Verblüffende, nicht nur für Frau Friedrichs, Jahrgang 1979, war, dass ihr ALLE eine Abfuhr erteilten. Die Politiker/Innen waren nicht bereit, Rede und Antwort zu stehen. Bei Gerhard Schröder allerdings fand sie Gehör. Der teilte Frau Friedrichs mit, dass er eigentlich keine Ideale habe, außer, dass „die Leute von unten nach oben aufsteigen können müssten“.
Wir erinnern uns! Gerhard Schröder war der Kanzler, der Frauenfragen und Kinder als „Gedöns“ abgetan hat. In Kreisen der SPD nannte (nennt?) man ihn auch gerne den „AUDI-Mann“, oder „der Mann mit den vier Ringen“, eine Anspielung auf seine Freude am Heiraten.
Im Deutschen Bundestag wurde, vor ein paar Tagen, die „Herdprämie“, übrigens lächerliche 100,-€,, von der Regierung durchgedrückt. Ob sie kommen wird ist eine andere Frage.

Nun, werden Sie fragen, ob meine Einlassungen ein Feigenblatt für die Piratenpartei sein sollen?
Nein, aber eine Einsortierung des Problems, dass diese Nerds mit ihrer Generation oder Ihren Patriarchen-Vätern teilen!

Ideale: Auf der Suche nach dem, was zählt. Hoffmann und Campe, Hamburg 2011, ISBN 978-3-455-50187-2I
www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/157956/index.html

Red Bavarian 08.11.2011 | 15:20

Heute habe auf der Mädchenmannschaft-Site den Artikel “Es gehört wohl zur Geschichte des Feminismus, dass das Wort für manche ein Schimpfwort ist” gelesen, der sich auf ein interessantes TAZ-Interview mit Gisela Notz zum Thema Feminismus bezieht.

Daraus zitiert: "Die Piraten dort sagen, es sei egal, dass wenig Frauen bei ihnen sind, Frauen seien sowieso nicht so computeraffin - also schon diskriminiert -, und alle Piraten seien eh queer, sprich jenseits der Geschlechtergrenzen."

Piraten und queer, das habe ich noch nicht gehört. Also ich verstehe unter queer --> lesbisch, schwul, trans* usw. Von den Piraten habe ich 'postgender' oder 'emanzipiert' gehört, aber das ist jeweils etwas anders.

Und zu computer-affin oder IT-affin und meiner Aussage in meinem vorigen Kommentar eine Frage: Diskrimiere ich da schon oder nicht?

"In der ersten bürgerlichen Frauenbewegung vor über hundert Jahren war das so. Damals haben Frauen gegen die Männer gekämpft. Sie wollten die gleichen Rechte wie Männer, und die wollten ihre Privilegien nicht abgeben. Wahlrecht, Zugang zu allen Berufen, Zugang zu den Universitäten, gleiche Erbrechte, gleiche Scheidungsrechte, gleiche Erziehungsrechte. Heute ist das vielleicht noch die Quote."

Die Quote ist nur ein Hilfsmittel, aber kein Allheilmittel. Nutzvoll, um festgesetzte patriarchale Strukturen aufzubrechen, damit qualifizierte und engagierte Frauen nicht ausgeschlossen werden. Bis vor einiger Zeit war ich ein Befürworter der Quote, aber konkrete Erfahrungen in meiner Partei - Die Linke -, die eine Mindestens-50%-Frauenquote hat, haben mich skeptisch gemacht.

"Was ist Feminismus genau? / In erster Linie ein historischer Begriff, der Ende des 19. Jahrhunderts auf einem Frauenkongress in Paris aufkam. Feminismus wurde Maskulinismus gegenübergestellt. Von dort soll der Begriff wie ein Lauffeuer durch die Frauenrechtsbewegung gezogen sein. Feminismus ist also kein Wort, das erst um 1970 aufkam."

Heute schaut es so aus, als ob dieser alte binäre Kampf wieder zurückgekommen ist. Um im Duktus des obigen Artikels zu bleiben: Femi-Nerds versus Masku-Nerds, während der große Rest der Frauen und Männer ihr geschlechterkampfloses Alltagsleben lebt.

Calvani 08.11.2011 | 15:44

@ Susanne
Grundsätzlich ist es natürlich eine gute Idee, auch die andere Seite zu Wort kommen zu lassen. Wenn allerdings die Vorlage so polemisch und mit Unterstellungen gespickt ist, wie der obige Text...

("Der durchschnittliche, männliche Pirat hat in der Vergangenheit meist nur starke Frauen erlebt, wurde verschmäht, unterdrückt, verhöhnt. Der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit trifft ihn ins Mark, haben doch die Jahre der Suche nach einem respektvollen Umgang beim Flirten eine hohe Frustration aufstauen lassen. Mehr noch: In der Pubertät gemobbt und verprügelt, ausgestoßen und exkludiert trifft der Vorwurf des „Privilegienpenis“ auf blankes Unverständnis.")

...dann liegt Red Bavarian vermutlich richtig, wenn er meint: "Heute schaut es so aus, als ob dieser alte binäre Kampf wieder zurückgekommen ist. Um im Duktus des obigen Artikels zu bleiben: Femi-Nerds versus Masku-Nerds (...)"
Eine Antwort eines "Piraten-Patriarchen-Technik-Nerds" würde so gesehen höchstwahrscheinlich zu einer weiteren Verhärtung der Fronten führen, oder?
Es sei denn, jemand traut sich den Pfad, den der obige Text eingeschlagen hat, zu verlassen...

schwarzbart 09.11.2011 | 03:10

Unter Piraten - jedwelchen Geschlechts - gibt es eine Grundüberzeugung, die fast jeder teilt: Wir wollen eine emanzipierte Gesellschaft von freien, selbstbestimmten Individuen, die ihre Rollenmodelle, inklusive der sexuellen Rollen, selbst suchen und finden. Da wird man eigentlich mit dem Thema "Feminismus" nix. Eigentlich wird man bei den Piraten mit keinem einzigen "Ismus" was - mit Ausnahme von Julia Schramm, die zwar ihre Fähigkeiten als Autorin gerne ein wenig überschätzt, aber dafür ein ausgeprägtes Gespür für Aufmerksamkeitsökonomie hat.
Die Anmaßung, ihre Parteifreunde kollektiv als Nerds zu "diskriminieren", finde ich allerdings schlicht unverschämt.

Thomas K 09.11.2011 | 04:04

Hallo Popkontext,

ich versuch mal ne Antwort mit 2 Beispielen aus meinem Leben.

Als ich an meinen derzeitigen Studienort gezogen bin, sagte mir ne Bekannte, dass es da mit der Wohnungssuche ganz toll ist, ich brauch nur beim Studentenwerk anrufen und krieg sofort nen Wohnheimsplatz. Is auch super billig koste nur halb soviel wie aufm freien Wohnungsmarkt. „Hat bei meiner Schwester auch geklappt und von ihrer Wohnung sind es sogar nur 5 min bis zur Partymeile.“
Ich ruf da an und bekomme zu hören: „Nee für Whonheimsplätze gibt es ne Warteliste, 6 Monate mindestens eher 7 bis 9 je nach Wohnheim.“
Ich darauf. „Aber ne Bekannte hat gesagt dass man hier sofort nen Platz bekommt?“
Antwort: „Ja bei Frauen ist das anders, die haben Quote.“

Das zweite Beispiel ist der Aushang zu einer Vorlesungsreihe zum Thema „Leichtbau“* in den Semesterferien. Zum ersten Mal ne Vorlesungsreihe die richtig cool ist. Nich so ein SoftSkill-Scheiß wie technisches Französisch, Zeitmanagement, Unternehmensgründung oder Bewerbungstraining sondern echte HardSkills. Dann lese ich „Anmeldung für Studentinnen unter ...“ Ja richtig kleines i. Das war auch so gemeint (wie man dem klein Gedruckten entnehmen konnte). Leute bei den was zwischen den Beinen baumelt waren nicht erwünscht.

Ich weiß nich wie ich das angemessen kommentieren kann. „Bitterer Nachgeschmack“ wäre beschönigend. Bei mir hat es jedes Verständnis für Frauenförderung zerstört.

Ich glaube weder an die Maskuline noch an die Feministische Weltverschwörung. Aber wenn mir schon so Kleinigkeiten unterkommen, wie dass der selbe Professor der vor Hochschulangehörigen von „Studenten“ spricht, in der Öffentlichkeit das Wort „Studierende“ benutzt. Dann frag ich mich, was dass für gestörte Menschen sind, die an die permanent Unterdrückung der Frau glauben und sich von dem Wort "Student" bedroht fühlen. - Sorry, ich weiß dass die Zusammenhänge komplexer sind, aber das Bild welches durch solche Maßnahmen entsteht, führt zu einem Misstrauen gegenüber jeder Form von Feminismus.

*Wer im Maschinenbau in der 1. Liga spielen will, kennt sich besser mit dem Thema Leichtbau aus und kann das auch nachweisen.

PS: Wie kommt es das hier soviel Männer studieren? Schreckt der Pirat im Stadtrat vielleicht die Frauen ab? (Die erste Frage ist ernst gemeint, die zweit nicht.)

Red Bavarian 09.11.2011 | 13:14

@Calvani schrieb am 08.11.2011 um 14:44: "Es sei denn, jemand traut sich den Pfad, den der obige Text eingeschlagen hat, zu verlassen..."

Als pfad-verlassender Input: Der Julia-Schramm-Blog-Artikel 'Feminismus und Männlichkeit' mit einem Kommentarbrief, sowie meine Freitags-Blog-Artikel 'Der Schutzraum' und 'Nichts sagen können'. Ich könnte eine dritte Geschichte als Fortsetzung der Hauptperson im jungen Erwachsenenalter schreiben, mit dem Titel 'Das kybernetische Gender-Alien'. Er/Sie/Es täte am Ende der Geschichte verzweifelt konstatieren: "Computer sind die besseren Menschen"

Popkontext 09.11.2011 | 13:28

@Red Bavarian
"Mir schwant, dass ein grundlegendes Problem in den verschiedenen Lebenswelten und Lebenserfahrungen besteht, die gegenseitig (!) unzureichend verstanden werden."
Das, was ich beispielhaft beschrieben habe, hat eben NICHTS mit speziellen Lebenserfahrungen und Lebenswelten zu tun, sondern ist ein strukturelles Problem. Als Soziologin habe ich nur die Erfahrung gemacht, dass abstraktere Formulierungen hier nicht verstanden werden, und deshalb zwei symptomatische Beispiele gewählt.

Und du bestätigst das letztendlich, wenn du sagt, die Frauen würden sich "technisch selber klein machen". Woher kommt das? Genetisch bedingt? Nein, sondern aus bestimmten Strukturen und Rollenbildern, wo Frauen von klein auf lernen, dass sie technisch weniger begabt sind und auch in Interaktion mit Jungen lernen, dass sie auf dem Gebiet nicht so ernst genommen werden, die im Erwachsenenleben reproduziert werden.

Popkontext 09.11.2011 | 13:50

@Susanne Lang
Wie oben auch gerade verlinkt, habe ich über die Mechanismen, die ich da sehe, mal am Beispiel Musikjournalismus einen Blogbeitrag für das Missy-Magazine geschrieben, den man sicher auch mal ein wenig aufpeppen und mit wissenschaftlichen Thesen untermauern kann - leider werde ich dazu bis Anfang nächsten Jahres keine Zeit haben:
missy-magazine.de/2010/05/16/popkontext-fragt-warum-ist-das-reden-und-schreiben-uber-musik-mannersache/

Popkontext 09.11.2011 | 14:02

@Red Bavarian

"Piraten und queer, das habe ich noch nicht gehört."
das wird aber zumindets auf den Internetseiten bei den Piraten, die sich mit Gender überhaupt beschäftigen, stark thematisiert und genauso dargestellt.

"Von den Piraten habe ich 'postgender' oder 'emanzipiert' gehört,"
Womit existierende gesellschaftliche Strukturen, die es zu verändern gilt, bevor wir wirklich "postgender" sind, einfach weggewischt und ignoriert wenden. Damit ist das "postgender" der Piraten immer noch "männlich", weil immer noch die Muster der alten patriarchalen Strukturen bestimmend sind und sie so auch nicht verändert werden, weil die Notwendigkeit dazu nicht mehr gesehen wird.

"aber konkrete Erfahrungen in meiner Partei - Die Linke -, die eine Mindestens-50%-Frauenquote hat, haben mich skeptisch gemacht."
Genau da kommen dann nämlich die von mir beschriebenen Probleme aus Machtstrukturen, Rollenbildern und Sozialisation ins Spiel. Übrigens auch ökonomische Strukturen, weil viele fitte Frauen spätestens dann rausfallen, wenn sie Kinder haben. Genau das muss verändert werden, ehe wir wirklich "postgender" sind. Und um die Veränderungen herbeizuführen, muss man anerkennen, dass der "dieser alte binäre Kampf" noch nie zuende gefochten war und ist.

Popkontext 09.11.2011 | 14:33

Leider ist es ein Trugschluss zu glauben, dass man mit dem Ignorieren von real existierenden strukturellen Problemen und Rollenbildern zu einer "emanzipierte[n] Gesellschaft von freien, selbstbestimmten Individuen, die ihre Rollenmodelle, inklusive der sexuellen Rollen, selbst suchen und finden," kommt - Ignorieren verfestigt allein den Status Quo und verfestigt die Macht der / des derzeit Mächtigen.

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shalako 09.11.2011 | 20:47

Popkontext schrieb am 09.11.2011 um 13:33

" Leider ist es ein Trugschluss zu glauben, dass man mit dem Ignorieren von real existierenden strukturellen Problemen und Rollenbildern zu einer "emanzipierte[n] Gesellschaft von freien, selbstbestimmten Individuen, die ihre Rollenmodelle, inklusive der sexuellen Rollen, selbst suchen und finden," kommt - Ignorieren verfestigt allein den Status Quo und verfestigt die Macht der / des derzeit Mächtigen."

Ich habe in meinem engsten Bekanntenkreis

- eine sehr erfolgreiche selbständige Apothekerin in einer noblen Hamburger Gegend, die aus Steuervorteilsgründen zusätzlich noch eine Flugchartergesellschaft betreibt und momentan nebenbei in Pharmaziegeschichte promoviert.

- eine Neurologin und Psychiaterin, die als Therapeutin in eigener Praxis sehr erfolgreich ist und nebenbei ihre abenteuerliche Flucht aus der ehemaligen DDR zu einem Drehbuch verarbeitet.

- eine engagierte Oberstudienrätin, die als Personalrätin und GEW-engagierte Konflikt-Lehrerin an einer weiterführenden Schule (Migrantenhintergrund Afghanistan/Türkei) Hervorragendes leistet.

- eine Gynäkologin mit eigener Praxis in Hamburg, die mit ihrem Partner, einem engagierten Lehrer (Humanist und Arno Gruen-Fan) lange Wochenenden auf dem eigenen Resthof in der Nähe von Lauenburg verbringt.

Ich kenne diese "Mädels" schon lange und habe noch nie gehört,
dass sie über Nachteile auf Grund ihrer Geschlechterzugehörigkeit geklagt hätten; im Gegenteil, sie haben ihr bisheriges Leben sehr selbstbestimmt gelebt und genossen (Psychiaterin nach Flucht)
und waren während der Studienzeit sehr kämpferisch aber
eher anarchisch - bis auf die Gynäkologin; die war im Spartakus.

Auch beim NDR (wo ich schon während meines Soziologiestudiums als "Freier" sozialkritische Beiträge realisiert habe) traf ich tolle Frauen (Monika Jetter, Marianne Scheuerl z.B.), die sehr erfogreich beliebte Musksendungen moderiert haben (Der Club, NDR II am Vormittag).

Wenn Sie selbst bisher noch nicht so erfolgreich waren, wie sie sich dies wünschen, dann ist das ja bedauerlich - aber dafür nun pauschal gesellschaftliche Bedingungen verantwortlich zu machen - das halte ich schon für ein bißchen verwegen.

Kleiner Tipp:
Arbeiten Sie weniger "für Lau" und mehr auf Rechnung - weshalb sollte der Verleger Sie bezahlen, wenn Sie auch "für nix" arbeiten.

Red Bavarian 10.11.2011 | 10:32

@popkontext zu den kürzlichen Kommentaren anhand von Stichwörtern:

"...Quote..."

Die Quote ergibt da Sinn, wo sie bestehenden Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts entgegenwirkt. Sie wird aber da zum Quotismus, wo sie individuelle Qualifikationen, Engagements und Verfügbarkeiten negiert, also den Spieß des Patriarchalismus praktisch umdreht.

"...Piratenpartei..."

Dass die Piratenpartei kein Gender-Paradies ist, und dass da feministische Fragestellungen teilweise abgeblockt werden, das ist mir schon klar. Aber allein die Tatsache, dass in einer Organisation weit überwiegend Männer sind, sagt erst einmal noch nicht aus, dass dort alte patriarchalische Strukturen vorherrschen. Vielmehr ist zu fragen, was der Haltung der heterogenen Piraten genau zugrunde liegt. Bei den Piraten spricht mich an, dass sie einen frischen Wind durch die Parteien- und Denksysteme wehen lassen, und dass sie informationstechnologisch firm sind.

"...binärer Kampf..."

Ich verneine die Binarität des Kampfes. In der Binarität liegt die Gefahr eines ideologischen Wettrüstens, wo berechtigte Anliegen auf allen Seiten im Vormachtstreben untergehen. Ich selber sehe die Welt nicht binär, sondern multipel, auch in Sachen Geschlechter.

"...Soziologie..."

Gerade von der Soziologie erwarte ich, dass sie das Gesamtbild unserer Gesellschaft adäquat beleuchtet. Und da sind die Frauen in unserer Gesellschaft im Vergleich zu früheren Zeiten deutlich weitergekommen. Wir beide brauchen uns nicht darüber verständigen, dass noch viel zu tun ist, und dass es Sexismus, Dominanz und Gewalt von Männern gegen Frauen (und auch von Männern gegen Männer) immer noch gibt. Ich gebe jedoch zu bedenken, ob in der feministischen Soziologie nicht vielleicht Tendenzen bestehen, einen Opfer-und-Täter-Kult zu implementieren.