Netiquette kommt nicht von "nett"

Blogosphäre Warum sollte im Internet missfallen, was andernorts als Indiz für Durchsetzungsfähigkeit gelobt wird? Sabine Pamperrien über den rüden Umgangston in der Blogosphäre

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat neulich wieder einmal zugeschlagen. Die Rheinische Post bot der CDU-Politikerin die Chance für ein wenig Vorwahlkampf und landete gleich einen Treffer im Sommerloch. Auf die Frage, ob sie über die Zensurmaßnahmen im Internet hinaus weitere Felder sehe, wo Kinder und Jugendliche im Netz besser geschützt werden müssen, antwortete von der Leyen: "Ja, bei den sozialen Netzwerken im Internet, die Jugendliche gerne nutzen. Ich möchte gemeinsam mit den Verantwortlichen solcher Kommunikationsforen, aber auch mit der Kompetenz der Jugendlichen einen Verhaltenskodex entwickeln. [...] Mobbing im Netz kann nicht toleriert werden. Respektvoller Umgang muss in Chats, Blogs oder Foren so selbstverständlich sein, wie wir das auch im Schulalltag mit Streitschlichtern oder Vertrauenslehrern einfordern." Befragt nach den Zielen zukünftiger Familienpolitik, zählte sie später noch auf: "Das dritte große Thema wir sein, wie man Sicherheit, Fairness und Respekt im Internet durchsetzt."

Die Verantwortlichen bei der in Düsseldorf erscheinenden Rheinischen Post müssen das Konfliktpotential der Äußerungen geahnt haben, obwohl es in dem Gespräch auch um die Themen Kinderbetreuung und Kita-Streik ging. Das Blatt gab eine Pressemitteilung heraus mit der Headline "Von der Leyen fordert Benimm-Regeln fürs Internet". In Sachen Benimm liegen im deutschen Internet seit Jahren die Nerven blank. Die Kritik aus den Blogs kam sofort.

Der Hauptvorwurf lautete, von der Leyen habe offenbar nicht mitbekommen, dass es längst Umgangsregeln gebe: die Netiquette. "Andigismo" weiß im Blog antibuerokratieteam.net: "Mit ihrer Forderung versucht sie den Wählern vorzugaukeln, das ganze Netz wäre ein Hort von ungezogenen Kindern oder gar schwerst Kriminellen, und sie die glorreiche Retterin der Menschheit bringt da jetzt mal Ordnung rein. Das ist verlogen und manipulativ! Denkt die sich diese Verleumdungskampagne selbst aus oder bezahlt die dafür auch noch PR-Berater?" Und "ChuckNorris" bekundet bei freshzweinull.de streng nach den Regeln der Netiquette ("höflich bleiben", "sachlich bleiben"): "Ich hoffe mal wirklich das sich viele User die nächsten Wahlen zu Herzen nehmen und dem alten Schrapnell mit den Wahlzetteln zeigen, wo der Hammer hängt. Die gehört echt gesteinigt." "MNCH" mag es lieber virtuell: "Ich bin dafür, die muss kräftig im Internet gemobbt werden."

Dass vielleicht Kinder und Jugendliche sich bei der Lektüre solcher Beiträge nicht einmal mehr über den Umgangston wundern, sondern ihn als gesellschaftlich geboten erachten könnten, registrieren nur wenige der Kommentatoren. Das könnte daran liegen, dass der Ton im Internet durchaus spiegelt, wie eine Gesellschaft tickt. Aus der globalen Blogosphäre gibt es ein Vergleichsmodell, in dem all das verwirklicht scheint, was "das alte Schrapnell" beeinflussen zu können glaubt. Schon vor zwei Jahren titelte die Washington Post über Japans Blogger "Humble Giants of the Web" – "demütige Giganten": Die mit Abstand aktivste Blogosphäre der Welt zeichnet sich durch ihren außerordentlich höflichen Umgangston aus. Man stelle sich hierzulande eine Restaurantkritikerin vor, die drei Jahre lang fünf mal pro Woche über ihr Mittagessen bloggt und dabei keine einzige kritische Zeile verfasst.

In einer Studie hinterfragten damals Japanische-Experten den phänomenalen Unterschied zur englisch-sprachigen Blogosphäre, die sich so gern in Fundamentalkritik, Verbalattacken und Verschwörungstheorien ergeht. Nicht nur der Ton, sondern auch die Interessen der beiden Sphären unterscheiden sich gravierend. Die japanischen Blogger scheuen sich vor Themen wie Politik und posaunen nur sehr selten Expertenwissen hinaus. Während US-Amerikaner bloggen, um aus der Masse herauszuragen, bloggen Japaner, um sich in die Masse einzufügen. In Japan sei es gesellschaftlich nicht akzeptiert, Ruhm zu suchen. Das gilt selbstverständlich auch für die Blogs. Beide Extreme sind Zuspitzungen konformistischer beziehungsweise nonkonformistischer Gesellschaften.

Die Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass der Umgangston, der sich im deutschen Internet ausgebildet hat, mit geänderten Verhaltensmustern im virtuellen Raum gar nicht so viel zu tun hat. Die Wurzel des Übels ist ein ganz alter Hut: die Ellenbogengesellschaft. Wenn es denn eines Umdenkens in Sachen Umgangston bedarf, dann nicht am Beispiel Internet, sondern etwas grundsätzlicher. Warum sollte im Internet missfallen, was andernorts als Indiz für Durchsetzungsfähigkeit gelobt wird?

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14:39 03.08.2009

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daniel-b- | Community