Nett, charmant, Nazi

Politthriller Statt Springerstiefel und Bomberjacke zeigt „Je suis Karl“ die moderne, medienaffine neue Rechte
Nett, charmant, Nazi
Maxi (Luna Wedler) und ihr Vater Alex (Milan Peschel) haben den Rest ihrer Familie bei einem Anschlag verloren

Foto: Tom Trambow/Pandora Film

Es ist immer nur eine Frage der Zeit, bis sich die Realität einen Weg ins Kino bahnt. Seit einigen Jahren schon sind die „Neuen Rechten“ medial präsent, als außerparlamentarische, junge Bewegungen wie die Identitären oder auch, unter dem immer löchriger werdenden Deckmantel demokratischer Legitimation, im deutschen Parlament. Regisseur Christian Schwochow und Drehbuchautor Thomas Wendrich holen diese brandgefährlichen Gruppierungen mit Je suis Karl nun auf die Leinwand. Im unmittelbaren Anschluss an aktuelle Entwicklungen entfaltet ihr Film eine sich zuspitzende, der Realität erschreckend nahe kommende Dystopie. Er etabliert dazu einen neuen Typus im Kino: den hippen Akademiker-Nazi, der seine rechtsideologischen Inhalte „nett“ verpackt unters Volk oder, besser: in die sogenannte Mitte der Gesellschaft trägt.

Explizit völkisch-aufwieglerisch

Auf den ersten Blick wirkt er doch ganz sympathisch, dieser von Jannis Niewöhner gespielte Karl: sanftes Lächeln, weiße Zähne, geschmackvoll gekleidet. Ein für sich einnehmender, bodenständiger junger Mann, hinter dessen Fassade allerdings die Fratze eines ultrarechten Demagogen lauert. Karl ist das Vorzeigegesicht der Bewegung „Re/Generation Europe“, einer Social-Media-affinen Neurechten-Vereinigung, quasi Schwochows Filminterpretation der Identitären. Man trifft sich in verschiedenen europäischen Städten zu Workshop- und Diskussionsreihen, etwa zur „Summer Academy“ in Prag. Dort gibt es Gin-Verkostungen, mit dem Vereinigungslogo bedruckte Hoodies und T-Shirts, abends wird bei Konzerten zu unverfänglich klingender Musik getanzt und gefeiert. Die Texte sprechen eine andere Sprache, sind, mal mehr, mal weniger explizit völkisch-aufwieglerisch: „Everything must change“, singt eine Band, „A la guerre“ („in den Krieg“), grölen die Anhänger:innen die Zeilen eines Rappers in einem Prager Club mit. Je suis Karl ist die filmische Antwort darauf, dass sich auch in vielen rechten Gruppierungen die Zeiten geändert haben. Als eine Anhängerin bei Karls Eröffnungsrede in Prag „Sieg Heil!“ ruft, antwortet der: „Das war gestern, akzeptier das.“

Mit Blick auf das deutsche Kino der vergangenen Jahre markiert Je suis Karl einen neuen Abschnitt in der filmischen Auseinandersetzung mit rechtsradikalen Strukturen. Gerade in den 2010er-Jahren war es vor allem die sich radikalisierende Nachwendegeneration in Ostdeutschland, für die sich Filmemacher:innen interessierten. Viele Filme handelten davon, wie Identitätsverlust, wirtschaftliche Brache, Arbeitslosigkeit und Langeweile in der ostdeutschen Provinz oder in den Städten den Nährboden bildeten für rechte Gewalt.

Wie zum Beispiel in Wir sind jung. Wir sind stark von 2015, in dem Regisseur Burhan Qurbani ein zentrales historisches Ereignis eingefangen hat: die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen am 24. August 1992. Qurbani spannt einen größeren Bogen und erzählt multiperspektivisch von Opfern im Sonnenblumenhaus, vom Versagen der Politik und vom aufflammenden Hass in einer Gruppe Jugendlicher. „Hier und heute beginnt die völkische Revolution“, brüllt der einzige auch äußerlich als Nazi erkennbare Typ unter ihnen. In dem Moment, wo die Mitläufer in der grölenden Menge vor der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber stehen und ihrem Hass freien Lauf lassen, wechselt Qurbani von Schwarz-Weiß in Farbe und holt die Geschichte ins Hier und Heute.

Wir sind jung. Wir sind stark ist, auch in seiner formalästhetischen Ausgestaltung, ein Solitär in einem Genre, in dem zumeist sehr zugespitzt von (angehenden) Radikalen erzählt wird. In David Wnendts Debüt Kriegerin von 2012 steht eine „Nazibraut“, wie auf dem T-Shirt von Marisa (herausragend zwischen Gewalt und Gefühl: Alina Levshin) zu lesen ist, im Zentrum. Über die Länge ihrer Schlüsselbeine hat sie eine Adlerschwinge mit Hakenkreuz tätowiert, sie ist mit einem gewalttätigen Glatzkopf zusammen, auf Partys schaut man sich beim Altnazi Propagandafilme wie Der ewige Jude an. Im Kern ist Kriegerin allerdings eine Aussteigergeschichte.

Seit Mitte der 2010er-Jahre holt dann die größte rechtsradikale Zäsur in der jüngeren deutschen Geschichte den Spielfilm ein: der Nationalsozialistische Untergrund (NSU). Eine an historische Fakten angelehnte filmische Aufarbeitung lieferte das Je-suis-Karl-Duo Schwochow/Wendrich 2016 in Die Täter – Heute ist nicht alle Tage, dem ersten Teil eines Fernsehdreiteilers zum NSU. Die erste Folge der Miniserie nahm die Perspektive von Beate Zschäpe ein und zeigte, wie sie in Jena in die rechte Szene kommt und wie ideologischer Tatendrang zur Bildung jener Zwickauer Terrorzelle führt, die in einer Garage Bomben baut zur Vorbereitung auf den „Tag X“.

Bei den Tätern zu Hause

Fatih Akin hat 2017 dann die Wut der Hinterbliebenen – der NSU tötete acht türkischstämmige und einen griechischstämmigen Kleinunternehmer – mit Aus dem Nichts in einen Rachethriller gegossen. Akin erzählt, wie eine Frau (Diane Kruger) bei einem Nagelbombenattentat ihre Familie verliert und schließlich auf Rachefeldzug geht. Die rechtsextremistischen Täter tauchen hier absichtlich nur am Rande auf.

Jan Bonny wiederum lieferte 2019 mit Wintermärchen eine schwer zur ertragende Introspektive in eine fiktive Version der NSU-Terrorzelle. Zwei Stunden mit drei kaputten, triebgesteuerten Rechten, eine Frau, zwei Männer (intensiv: Ricarda Seifried, Thomas Schubert, Jean-Luc Bubert), die permanent ausrasten, die saufen, herumvögeln und zwischendurch Menschen töten. Bonnys Film ist radikales Kino am Abgrund mit einer Unmittelbarkeit, die wehtut, die wehtun soll.

In Je suis Karl nun werden die prügelnden Rechten mit ihren Bomberjacken und Springerstiefeln abgelöst von den poshen Neurechten; das ostdeutsche Nachwende-Vakuum spielt ebenfalls keine Rolle mehr. „Re/Generation Europe“, die Vereinigung im Film, wirkt modern und erschreckend realitätsnah mit ihren Inszenierungsstrategien, dem intellektuellen Gebaren, ihrer Abgrenzung zum Nationalsozialismus bei Propagierung eines Ethnopluralismus, der radikalen Ablehnung des Islam und ihrem Hang zu Opfer-Narrativen.

Der Film zeigt eine Bewegung, die auf ihren festivalartigen Treffen Videos dreht, in denen Mitglieder unter Tränen von gefakten persönlichen Schicksalen in Folge von islamistischen Taten berichten. Dass im Film eine französische Politikerin als jüngeres Alter Ego von Rassemblement-National-Chefin Marine Le Pen auftaucht, erscheint nur konsequent.

Überhaupt ist Konsequenz eine Triebfeder von Je suis Karl, Christian Schwochow baut, wie auch bei seiner Investmentbanker-Serie Bad Banks, auf Authentizität und Recherche, um diese dann filmdramaturgisch eine Spur zu überdrehen. Die von Luna Wedler gespielte Maxi ist das Opfer: Erst kommen ihre Mutter und ihre beiden Brüder bei einem Bombenanschlag ums Leben, dann wird sie von Karl, dem Drahtzieher des Attentats, aufgespürt und instrumentalisiert. Durch ihn gerät die junge Frau, die in einem eher linken Milieu sozialisiert ist, in die rechten Kreise und vollzieht quasi einen Seitenwechsel.

Sicherlich: Man muss sich darauf einlassen, dass Maxis Weg in die rechte Szene etwas blauäugig wirkt und sie recht spät erst versteht, was bei „Re/Generation Europe“ los ist. Auch werden einige kritisieren, dass Maxi sich von Karl nicht nur ideologisch um den Finger wickeln lässt: die Schöne und das Biest. Maxi ist ein Opfer, in mehrfacher Hinsicht.

Je suis Karl will ganz bewusst zeigen, was viele noch immer nicht sehen wollen: Die Gefahr, die von der Neuen Rechten ausgeht, ist immens, wie man in den vergangenen Jahren live und in Farbe beobachten konnte. Man denke nur an die Erstürmung einer Treppe am deutschen Reichstagsgebäude von rechten Querdenkern im Coronasommer 2020 oder an den Sturm auf das US-Kapitol Anfang dieses Jahres: heftige, geschichtsträchtige Bilder für den rechten Angriff auf die Demokratie.

Je suis Karl wird getragen von einem präzisen analytischen Blick auf die Mechanismen und Strategien der Neuen Rechten – und von den Darsteller:innen, allen voran Wedler, Niewöhner und Milan Peschel als verwitweter Vater. Am Ende gehen Schwochow und Wendrich sogar noch mit dem Kopf durch die Wand und zeigen ein Europa am Rande eines Umsturzes inklusive bewaffneter Straßenschlachten. Das ist viel, vielleicht auch zu viel des Guten, aber auf einen Kompromiss ist das Duo eben nicht aus.

Info

Je suis Karl Christian Schwochow Deutschland 2021, 128 Minuten

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06:00 02.10.2021

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