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"Lehrmittelfreiheit" Israel und die Palästinenser an deutschen Schulen

Auf dem Höhepunkt der Gewalt in Israel und Palästina hat die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) in Bonn ein Heft zu Israel veröffentlicht, eines jener Publikationen der Reihe Informationen zur politischen Bildung, die in deutschen Lehrerzimmern ausliegen und Sozialkunde- wie Geschichtslehrern als Grundlage für ihren Unterricht dienen.

Auf dem Titel im Stil eines Reiseführers: beschauliche Szenen und lächelnde Gesichter, darunter auch ein Foto fröhlich tanzender Palästinenser, ein anderes von Soldaten, die einem älteren Bürger freundlich Auskunft zu geben scheinen. Nichts vom brutalen Alltag in Israel, geschweige denn in Palästina. Um die Rolle der Armee zu illustrieren, findet sich im Heft das Foto eines gepanzerten Fahrzeugs mit lässig winkenden Soldaten vor palästinensischer Landschaft, aufgenommen "bei einem Einsatz in der Stadt Nablus in der besetzten Westbank". Wer auch nur eine Ahnung von der Art der Einsätze hat, die im Jahr 2002, als dieses Foto entstand und die israelische Armee Städte in der Westbank besetzte, Wohnviertel bombardierte, Tausende Gefangene machte, Privatwohnungen wie die Büros von NGOs verwüstete, Unbewaffnete ebenso erschoss wie Bewaffnete; wer weiß, dass zu dieser Zeit Panzer durch die menschenleeren Straßen von Nablus rollten und jeden bedrohten, der sich hinauswagte - dem muss das Bild ebenso als Hohn erscheinen wie ein zweites zum gleichen Artikel: Eine ältere Palästinenserin hält einer jungen israelischen Soldatin lächelnd ihre Handtasche zur "Sicherheitsüberprüfung" hin.

Operation Schutzwall

Fotos lügen nicht? Nun ja, bei den zahllosen demütigenden Behinderungen der Palästinenser auf ihrem eigenen Gebiet durch israelische Sicherheitskräfte geht es gelegentlich auch einmal so entspannt zu, wie es das Bild nahe legt. Und die Panzer, die in den Städten der Westbank nur zu oft ein Bild der Verwüstung hinterlassen, machen sich natürlich eher harmlos aus, wenn sie vom oder zum Tatort durch die Landschaft rollen.

Im Text über Armee und Sicherheitsdienste ist ein Ausschnitt eingerückt, der die persönliche "Tragödie" eines israelischen Reservisten schildert: Er kann mit seiner Frau zusammen American Beauty nicht mehr zu Ende anschauen, weil er überstürzt zur Operation Schutzwall, eben jener völkerrechtswidrigen Wiederbesetzung der Westbank um Ostern 2002 einrücken muss. Die Frau des Reservisten bricht in Tränen aus.

Der Israeli, seine Frau, seine Familie sind Menschen, in die man sich einfühlen kann. Die Palästinenser, die gerade im Zusammenhang mit besagter Operation eine ganz andere Dimension von Tragödien erleben mussten als der Reservist und seine Familie, bekommen an keiner Stelle des Heftes ein menschliches Gesicht. Dies, obwohl die Publikation der BpB durchaus vielfach auf die Palästinenser und den Konflikt Bezug nimmt, sind doch rund ein Fünftel der israelischen Bevölkerung Palästinenser. Auch wegen der Schwere des Konfliktes wäre es nur konsequent, dass die Palästinenser nicht ausgeblendet blieben. Um so weniger einzusehen ist es, wenn im ganzen Heft kein einziger zu Wort kommt.

Unbewusst nachvollziehen werden dies allerdings unbefangene Schüler und Lehrer, von denen nicht unbedingt erwartet werden kann, dass sie bei einer seriös wirkenden, durch Steuergelder finanzierten Publikation die subtilen Methoden durchschauen, mit denen eine skandalöse Voreingenommenheit und Unausgewogenheit bedient werden. Unterschwellig teilt sich dem Leser mit: Die Israelis sind Menschen wie wir, ihre Sicht des Konflikts kann man verstehen. Die Palästinenser, die sich nicht artikulieren außer durch Terroranschläge auf unschuldige Israelis - wer sind diese Palästinenser? Sie sind ein Problem für die Israelis, das schwer auf ihnen lastet, die Israelis können ihm nicht immer gewachsen sein, sie machen auch Fehler.

Verschleiernde Gemeinplätze

Das kommt immer wieder im staatsmännischen "Einerseits-Andererseits" und den guten Ratschlägen an "beide Seiten" zum Ausdruck, in denen sich die Hauptautorin Angelika Timm ergeht. Von ihr soll der frühere israelische Botschafter Avi Primor gesagt haben: "Wenn wir nur solche Menschen wie Frau Timm hätten, bräuchten wir uns keine Sogen zu machen." Auf vielen der rund 30 von ihr gefüllten Seiten des Heftes (Gesamtumfang 72 Seiten) langweilt Frau Timm das Publikum mit verschleiernden Allgemeinplätzen wie: "Die Umsetzung der durch Shimon Peres geprägten Vision von einem Neuen Nahen Osten erfordert sowohl auf israelischer wie auf palästinensischer Seite Verständigungsbereitschaft, gegenseitige Akzeptanz und den Willen zur Zusammenarbeit". Von solchem Geschwafel kann man nichts, aber auch gar nichts lernen. Im Gegenteil, Pädagogen und ihre Schützlinge werden weiterhin ratlos fragen: Warum dann dieser Konflikt? Warum die Gewalt - der Besatzung und der Selbstmordattentate? Warum ist der Friedensprozess von Oslo gescheitert? Wer hat welche Rechte laut der UN-Resolutionen?

Nun gibt es in Israel, Palästina, Deutschland und anderswo genügend Autoren, die zur Verfasstheit Israels wie zu Entwicklung und Struktur des Konflikts als ausgewiesene Kenner durchaus etwas beizutragen hätten. Zu ihnen zählen die israelischen Neuen Historiker, deren Thesen nur am Rand gestreift werden, sie hätten als Autoren weitaus Erleuchtenderes sagen können als es die Auslassungen im Stil von Lexikonartikeln oder Verlautbarungen der israelischen Botschaft vermögen. Warum hat man nicht den deutschsprachigen palästinensischen Politiker und Philosophen Azmi Bishara zu Wort kommen lassen, wenigstens zum Thema der arabischen Minderheit in Israel? Oder Ludwig Watzal, Gudrun Krämer, Uri Avneri, um nur wenige zu nennen, die qualifiziert gewesen wären und dafür gesorgt hätten, dass das Heft weniger einseitig ausgefallen wäre.

Jugendliche in Deutschland sind längst nicht mehr so unpolitisch, wie man es ihnen nachsagt. Vor und während des Irak-Krieges gingen sie in großer Zahl auf die Straßen und protestierten aus einem elementaren Gerechtigkeitssinn heraus. Sie fragen nach den Ursachen für Krieg, Gewalt und Ungerechtigkeit und nach Alternativen. Texte aus der israelischen Solidaritätsbewegung mit den Palästinensern würden sie interessieren, denn es handelt sich um eine Bewegung, in der gerade junge Israelis und Palästinenser zusammen für ihre Zukunft aktiv sind. Mit pseudo-ausgewogenem Gewäsch geben sich engagierte Jugendliche nicht zufrieden. Mit Recht.

00:00 17.10.2003

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