Netzwerke sind überall

Neues Paradigma Manuel Castells Studien zum Informationszeitalter beginnen mit einer Analyse der Netzwerkgesellschaft

Der Prozess der Erzählung, so schrieb Fredric Jameson Anfang der achtziger Jahre, sei eine zentrale Funktion des menschlichen Geistes, und er fügte hinzu, dass nur im Rahmen einer einzigen epischen Kollektivgeschichte Geschichte ihre Brisanz wiedererlangen kann. Nicht zu erzählen ist also nicht nur nicht möglich, sondern hat als Theorieverbot - ein Geschichtsvergessener, der nicht an Lyotards "Ende der grossen Erzählungen" denkt - auch theoretische und politische Konsequenzen. Die Verbindung von Erzählung und Geschichte war seit dem 19. Jahrhundert ein linkes Projekt, das in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts nicht einfach verschwand, sondern von populären Literaturgenres wie dem historischen Roman, der Science-fiction, Fantasy und auch den bürgerlichen Substituten einer epischen Kollektiverzählung, der Biographie und der Familiengenealogie, übernommen und umcodiert wurde.
Seit einigen Jahren zeichnet sich eine Trendwende ab, die durch jetzt vorliegende deutsche Übersetzungen auch hierzulande zur Kenntnis genommen wird. Theoretiker wie Hardt und Negri, Georgio Agamben und Manuel Castells entdecken das erzählerische Potential, das in der soziologischen Theorie liegt, und versuchen sich wieder an einer umfassenden Kollektivgeschichte. Die Theoretiker des Empire vertrauen dem epischen Potential ihres Begriffs und Agamben schlägt mit dem Homo sacer einen weiten Bogen von der griechischen Antike bis zur Gegenwart. Manuel Castells hat bereits 1996 mit seiner Netzwerkgesellschaft in den Vereinigten Staaten für Aufsehen gesorgt. Innerhalb von vier Jahren brachte er es auf elf Auflagen und eine rege wissenschaftliche Debatte. Castells dreibändiges Werk verdankt diese Rezeption sicher dem erzählerischen Potential, das in der Metapher liegt, aber auch der enormen empirischen Arbeit, die in seine Theorie eingeflossen ist.
Castells hat unter anderem in Paris und Madrid gelehrt, sich lange Jahre in Europa, Lateinamerika und Asien aufgehalten, die Vereinten Nationen und einige Regierungen beraten und ist zur Zeit in der "UN-Projektgruppe Technologischer Marshallplan für die Dritte Welt" tätig. Er hat sich den Ruf eines globalen Intellektuellen erworben, der nicht an eine Kultur gebunden ist, sondern Entwicklungen auf verschiedenen Kontinenten begleitet und analysiert. Castells hat zahlreiche empirische Studien vorgelegt oder initiiert und zahllose Statistiken für seine Theorie über die "Netzwerkgesellschaft" ausgewertet. Sein Ausgangspunkt ist die Transformation, die in den entwickelten kapitalistischen Ländern in den siebziger Jahren einsetzte und in den neunziger Jahren zu einem Projekt wurde, das keinen Winkel der Erde unberührt ließ. Wie die Theoretiker des Postfordismus geht er von einer Umstrukturierung der kapitalistischen Produktion aus, die durch eine informationstechnologische Revolution möglich gemacht wurde und zu den etwa 53.000 multinationalen Konzernen führte, deren internationale Produktionsnetzwerke bis heute als Paradigma sozialer Organisation gelten.
Castells skizziert die Geburt dieses Prinzips im Silicon Valley als "Netzwerk von Risikokapitalfirmen", vergleicht es mit ähnlichen, aber kulturell unterschiedenen Transformationen in Asien und analysiert die Politik der Globalisierung, die den Raum der "Geld- und Informationsströme" strukturiert hat.
Das neue Akkumulationsmodell ist nicht nur erfolgreich, weil es ökonomisch produktiv ist. Es beruht ebenso auf einer Kultur der Identität und den Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre, die auf der Ebene alltäglichen Lebens neue soziale Beziehungen praktizierten. Castells nimmt Diskussionen über Informationsgesellschaften und das Internet wieder auf, wendet sich überzeugend gegen die These, dass die Arbeitskräfte international genauso globalisiert seien wie das Kapital und widerlegt die Behauptung, mittlerweile existierten transnationale Räume, in denen der alte Nationalstaat keine Rolle mehr spielt. Zusammengehalten werden diese unterschiedlichen Themen und Entwicklungen durch den Begriff des Netzwerks, das durch den Primärcode Ein- oder Ausschluss funktioniert. Wer sich innerhalb eines Netzwerks befindet, genießt alle Privilegien der Mitgliedschaft, wer draußen bleiben muss, hat keinen Wert.
Castells versucht, aus der Metapher eine Theorie, sogar eine große zu machen. Er weist darauf hin, dass es Netzwerke gegeben hat, seitdem menschliche Gruppen miteinander verkehrten und erhält bei der Fundierung seiner Theorie interdisziplinäre Unterstützung - bei Anthropologen, Biologen oder Ökologen, die belegen, wie archaische Gesellschaften sich netzwerkförmig organisierten oder neuronale Netze das menschliche Gehirn strukturieren. Neben der weitgespannten Forschung, die sich des Begriffs bedient, sorgt die alltägliche Wahrnehmung für eine hohe Plausibilität. Netzwerke sind heute überall und treten immer dann in Erscheinung, wenn über Drogen, Geldwäsche, Terror, Korruption und die Verschwörung der Mächtigen gesprochen wird. Der Davos-Club oder das "Global Business Network", in denen die Vertreter von Big Business ihre Politik beraten, sind verlässliche Beweise für jeden Conspiracy-Verdacht.
Auf der anderen Seite befindet sich die, wie sie Castells und andere nennen, globale Zivilgesellschaft, für die stellvertretend und exponiert Greenpeace oder die mexikanischen Zapatistas genannt werden, also Gruppen von Aktivisten, die punktuell das Spiel der Mächtigen stören wollen. Castells Hinweis auf die Möglichkeiten, die in der Selbstorganisation kleiner Gruppen liegen, ist aber nicht nur unter Hinweis auf politische Aktivisten sinnvoll, denn ein kurzer Blick ins Internet belegt die Vielfalt des Phänomens. Netzwerke sind überall, einzelne sind entweder Teil eines solchen oder wissen doch genau, wovon geredet wird.
Natürlich haben islamistische Terroristen beträchtlich zu diesem neuen Wissen beigetragen und die einschlägige Forschung vorangebracht. Am besten vorbereitet zeigte sich der konservative US-amerikanische Think tank RAND, auf dessen Homepage bereits wenige Wochen nach dem 11. September ein Buch unter dem Titel Networks and Netwars. The Future of Terror, Crime and Militancy zum kostenlosen Download bereitlag. Dort werden Netzwerke katalogisiert und inventarisiert, nach Rad-, Ketten- und Netzwerken mit einer "all-channel-connectivity", also einem Netz, in dem jedes Glied mit jedem anderen verbunden ist, unterschieden und beurteilt. Die Sympathie der Autoren Ronfeldt und Arquilla liegt auf Seiten der zivilen Netze, besonders nachgefragt werden allerdings die politisch brisanten Themen, die sich um Drogen, Netzkriege und Terroristen drehen. Um die Netzwerkforschung jedenfalls muss nicht gebangt werden, dafür sorgen schon die Schlagwörter, mit denen die Autoren die amerikanische Nachfrage anheizen: "Wo immer Netzwerke auftraten, haben sie gewonnen" heißt es, oder: "Wir brauchen Netzwerke, um Netzwerke zu bekämpfen" - eine Formulierung, die sich in amerikanischen Geheimdiensten, die sich von den Autoren beraten lassen, großer Beliebtheit erfreut.
Es gibt also Netzwerke. Sie sind nicht zu sehen, können nicht fotografiert werden und üben doch einen unübersehbaren zivilen, ökonomischen oder kriminellen Einfluss aus. Wir leben in einer Gesellschaft von Netzwerken, aber leben wir deshalb in einer Netzwerkgesellschaft? Manuel Castells´ Theorie besitzt eine beachtliche Synthesekapazität. Sie integriert die Entwicklung der Informationstechnologie, der ökonomischen Entwicklung der letzten 30 Jahre sowie gängige Motive wie Verschwörung der Mächtigen oder Selbstorganisation kleiner, von der Macht ausgeschlossener Gruppen. Aus einer eingängigen Metapher wurde eine umfassende Theorie, allerdings eine, die Unschärfen enthält. Kritiker haben Castells vorgehalten, unter dem Begriff "Netzwerkgesellschaft" würden auch Entwicklungen subsumiert, die nur unzureichend in sein Konzept integriert werden können. Diese Kritik richtete sich hauptsächlich auf den dritten Band, in dem der Zusammenbruch der sozialistischen Staaten abgehandelt wird.
Die Unschärfe resultiert jedoch zuerst aus einem theoretischen Dilemma. Castells verortet die Netzwerkgesellschaft innerhalb des Kapitalismus. Er unterscheidet industriellen und informationellen Kapitalismus, grenzt sich gegenüber der Theorie des Postfordismus ab und verbindet ökonomische Analyse und zeitgemäße, effektive Formen sozialer Aktion. Auf diese Weise werden theoretische Aufblähungen ephemerer Phänomene wie Risikogesellschaft oder Erlebnisgesellschaft vermieden, aber das Problem der Periodisierung ist damit nicht aus der Welt geschafft, denn "Netzwerk" ist eine mit Empirie und Theorie aufgeladene Metapher und kein Epochenbegriff.

Manuel Castells: Das Informationszeitalter. Band 1: Die Netzwerkgesellschaft. Leske + Budrich Verlag, Opladen 2001, 600 S., 34,90 EUR


Band 2: Die Macht der Identität


Band 3: Jahrtausendwende (erscheinen im Sommer, gleicher Preis wie Band 1)



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00:00 07.06.2002

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