Netzwerker des Aufstands

Im Gespräch Rami Nahkle floh bereits im Januar aus Syrien und koordiniert von Libanon aus die Online-Präsenz der Opposition seines Landes, die sich sonst kaum artikulieren kann

Der Freitag: Unter welchen Umständen findet die Pressearbeit zu den Protesten gegen das Regime statt?

Rami Nahkle: Es gibt schon seit einigen Jahren Onlineaktivisten in Syrien, die untereinander verbunden sind. Ausgehend davon ist jetzt ein großes Netzwerk entstanden. Es gibt einen Skyperaum, in dem jeweils eine Person aus einer Region vertreten ist, die zu einem dortigen Netzwerk oder Komitee gehört. In diesem Skyperaum werden dann sämtliche Informationen gepostet wie Berichte von Augenzeugen und so weiter. Wir versuchen dann, Quellen zu finden, die die Ereignisse bestätigen. Die Frage nach der Pressearbeit im Netzwerk stellt sich also auf zwei Ebenen – einmal für die Aktivisten in Syrien und eimal für uns hier in Beirut. Für die Aktivisten in Syrien ist es natürlich ungeheuer gefährlich. Viele von ihnen sind inzwischen im Untergrund und wechseln ständig ihre Aufenthaltsorte. Da es kaum mehr ausländische Korrespondenten in Syrien gibt, und es auch so zu gefährlich wäre, sich mit jemanden zu treffen, wird von dort kaum Pressearbeit gemacht. Wir hier im Libanon sind sozusagen das Pressebüro nach außen. Trotzdem ist der Libanon durch den syrischen Geheimdienst und die Hisbollah alles andere als ein sicherer Hafen.

Woher kommt das Videomaterial, das im Netz kursiert?


Größtenteils nicht von Aktivisten, sondern vor allem von denen, die an einer Demonstration teilnehmen und einfach ihr Handy hochhalten. Inzwischen schnallen sich die Leute teilweise ihr Handy um den Bauch, so dass sie durch das halb offene Hemd filmen können. Diese Filme laden sie selbstständig hoch. Wir versuchen festzustellen, ob die Bilder authentisch sind oder nicht. Nach unserem Eindruck stellt der Geheimdienst auch Videos ins Netz. Wir haben versucht, eine Anleitung zu schreiben, wie am besten gefilmt werden soll. Seither habe ich das Gefühl, dass die Videos schon deutlich besser geworden sind. Deren Funktion ist klar – es geht darum, Öffentlichkeit herzustellen.

Wie setzt sich die Protestszene zusammen?


Es handelt sich um ein Konglomerat von Aktivisten, lokalen Vereinen und Gruppen, Nachbarschaftsinitiativen und viele durch die Proteste politisierten Einzelpersonen. Es gibt reine Frauenproteste oder gemischte Proteste, die von Frauen angeführt werden. Bei den Festnahmen gibt es deutlich mehr Männer, aber ich denke, dass momentan eher nach stereotypen Beschuldigungen als nach Beweislage verhaftet wird. In vielen Städten sind es Jugendliche, die eine zentrale Rolle einnehmen. Sie sind es, die sich über Facebook und das Internet in einer Moschee verabreden, um dort den Protest zu beginnen. Anders als oft behauptet, sind es nicht die freitäglichen Predigten, die den Anstoß geben, denn die Imame in Syrien werden vom Staat eingesetzt. Es ist eher das Engagement einzelner oder inzwischen vieler, die während und nach der Predigt aufstehen und anfangen, Parolen zu rufen, denen sich schnell andere anschließen. Dass sich ausgerechnet Moscheen zum Ausgangsort der Proteste entwickelt haben, liegt daran, dass sie inzwischen die einzigen Orte sind, wo sich Menschen überhaupt versammeln können. Anderen Möglichkeiten, etwa Fußballveranstaltungen, wurde schnell ein Riegel vorgeschoben.

Wie steht es um den Einfluss religiöser Fundamentalisten?


Neben dem Kampf gegen das Assad-Regime ist das die zweite wichtige Herausforderung für die Aktivisten: den religiösen Fundamentalisten keinen Raum lassen! Es wird versucht, in den Demonstrationen auf Pluralität zu achten. Es wird bei der Auswahl von Rednern auf verschiedene Glaubensrichtungen und säkulare Ausrichtung Wert gelegt. Ein beliebter Sprechchor, der häufig zu hören ist, lautet: „Wir brauchen keine Salafiyya, wir brauchen keinen Brotherhood – wir brauchen einen Schritt nach vorn“.

Wie tritt die Muslimbruderschaft bei den derzeitigen Protesten in Erscheinung?


Bisher ist die nach meiner Kenntnis gar nicht aufgetaucht. Allerdings ist die Mitgliedschaft in der Bruderschaft ein Delikt, das mit der Todesstrafe geahndet werden kann. Insofern haben die Muslimbrüder kaum noch funktionierende Strukturen in Syrien.

Welche Rolle spielt das Verhältnis zu Israel?


Assad hat gelegentlich versucht, die Proteste als Werk von Agenten Israels zu bezeichnen, das blieb aber ohne Effekt. Es gibt einen Slogan bei Demonstrationen, der sich an einen Bruder von Assad, den Befehlshaber der 4. Division, richtet: „Warum sind deine Panzer nicht im Golan, was machen sie in unserem Ort?“. Das spielt natürlich darauf an, dass Syriens starke Armee vor allem durch die israelische Besetzung der Golanhöhen gerechtfertigt wird. Von direkten anti-amerikanischen oder anti-semitischen Äußerungen während der Proteste ist mir bislang nichts bekannt. Wir haben es zuallererst mit einem innenpolitische Konflikt zu tun – es geht um Syrien. Vergangene Woche hat Rami Makhlouf, Cousin Assads und Geschäftsmann, der New York Times damit gedroht, dass ein instabiles Syrien auch Instabilität für Israel bedeute. Die Demonstrationen von Palästinensern an der libanesisch-israelischen Grenze kamen Damaskus daher wie gerufen. Die Regierung spielt die Israel-Karte ganz bewusst, um Israel und den Westen zu warnen.

Syriens Militär wird nun massiv in Stellung gebracht. Besteht die Chance, dass sich Angehörige der Armee dem Regime verweigern, ähnlich wie in Libyen?


In Daraa haben sich zu Beginn Militäreinheiten Kämpfe untereinander geliefert - Soldaten der 4. gegen Soldaten der 5. Division. Auch aus Homs gab es solche Berichte. Wir haben den Eindruck, dass inzwischen an den Brennpunkten nur noch die 4. Division und die Präsidentengarde eingesetzt werden, und der Rest des Militärs vorzugsweise Fahrzeugkontrollen durchführt.

Rami Nahkle twittert hier und hier im Netz

12:35 18.05.2011
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